Die Bäuerin im Frauenstreik
Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 08.06.2011 10 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Grüne halten Putzfrauenstreik für eine saubere Sache
- Ein stolzes Huhn, stattlich und schweizerisch
- Was Bäuerinnen können, ist im Trend
- «Wir Frauen müssten jetzt drei Jahre lang schweigen»
- «So einfach ist das»
- «Die Bäuerinnen wehren sich schon lange hinter den Kulissen»
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Sie weiss, was ein Kuhfladen ist. Als die Fotografin sie für das Fotoshooting auf die Weide zu den Holstein-Kühen bittet, verschwindet Christine Bühler unverzüglich im Stall und holt sich die Stiefel. Sei das nun fotogen oder nicht. Die neue Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands (SBLV), der 63'000 Mitglieder zählt, gibt sich schnörkellos, offen und ohne falsche Komplexe.
Für sie ist es selbstverständlich, am nationalen Frauenaktions- und Streiktag am 14. Juni mitzumachen. «Das sind wir den Frauen schuldig, die vor 40 Jahren für uns das Stimmrecht erkämpft haben», sagt die 51-jährige Bäuerin. «Wir setzen damit ein Zeichen, denn der Kampf für die Gleichberechtigung ist noch lange nicht vorbei – auf dem Land sowieso nicht.»
Ungewohnt deutliche Töne
Christine Bühler bewirtschaftet mit ihrem Mann einen 29 Hektaren grossen Milchwirtschaftsbetrieb mit 50 Stück Vieh. Das Bauernhaus, auf einer idyllischen Anhöhe ob Tavannes im bernischen Jura gelegen, gemahnt eher an ein Schloss. Es wurde ursprünglich als Gasthof genutzt. Doch zuerst zeigt sie uns die Pouletmast oder, wie sie lieber sagt: die Geflügelproduktion. «Es riecht gut, alles in Ordnung», sagt sie und überblickt die 8500 Küken in der Masthalle. Sie sind eine Woche alt, mit 32 Tagen werden sie schlachtreif. «Ich liebe die Hühner», sagt die Bäuerin – und meint die Küken. Richtige Hühner sind auf dem Hof aus hygienischen Gründen nicht mehr erlaubt. Der Ertrag aus der Pouletmast deckt mehr als die Hälfte des Familieneinkommens, der Erlös aus dem stattlichen Milchkontingent fällt weniger ins Gewicht.
Das Handy läutet, immer wieder. Die heftige Reaktion bestandener Bauernpolitiker auf die Teilnahme am Frauenstreiktag hat Christine Bühler, die das Präsidium des Bäuerinnen- und Landfrauenverbands am 1.?Mai übernommen hat, unversehens ins Rampenlicht gerückt. Kritik kam vor allem aus den eigenen Reihen, insbesondere von Frauen: Es sei schlecht, mit den Linken und Gewerkschaften zu paktieren, das bringe nichts. «Diese Kritik macht mir nichts aus», sagt sie gelassen. «Es geht um Frauensolidarität und nicht um linke Politik.» Sie wundert sich nur ein wenig, dass sich der Bauernverband in ihre Belange einmischt. «Wir sind ein eigenständiger Verband und wissen selber, was zu tun ist», hält sie fest.
So kämpferische Töne sind sich die Männer im traditionell geprägten bäuerlichen Milieu von ihren Frauen nicht gewohnt. Für den Schweizerischen Bauernverband (SBV) waren die Bäuerinnen bis jetzt eine «Quantité négligeable», wie Bühler bemerkt, eine vernachlässigbare Grösse. Im SBV-Vorstand findet sich eine Frau unter 21 Mitgliedern, in der 100-köpfigen Landwirtschaftskammer sind nur ein Dutzend Frauen dabei. Auch unter den Pouletmästern sei sie stets die einzige Frau gewesen. «Ohne Frauenquote geht es nicht», sagt Christine Bühler, «und das gilt für alle landwirtschaftlichen Gremien.» Die Diskussion läuft erst an, der Aufruhr unter den Bauern ist aber programmiert. «Das muss jetzt sein», sagt sie. Bühler ist alles andere als eine provokative Frauenrechtlerin. Sie stammt aus einer traditionellen Bauernfamilie im Oberaargau, ist gelernte Hauspflegerin und diplomierte Bäuerin und präsidierte den Kirchgemeinderat in Tavannes. Sie habe einen «bürgerlichen Hintergrund», sagt Bühler, aus der SVP ist sie jedoch ausgetreten; diese Partei sei nicht nur nützlich für die Landwirtschaft.
Zu viele schuften für nichts
Was die SBLV-Präsidentin antreibt, ist die prekäre Lage der Bäuerinnen. Der existenzielle Druck sei in den letzten Jahren massiv gewachsen. «Ich kenne manche, die nicht einmal Zeit für die Gartenarbeit hat.» Die Bäuerin muss für die Familie sorgen, auf dem Betrieb mitarbeiten und oft genug einem Nebenverdienst nachgehen. Der Gesundheitszustand der Bäuerinnen hat sich laut Agrarbericht 2010 in den letzten Jahren markant verschlechtert. Auch die psychische Belastung ist deutlich höher als bei anderen Frauen. «Viele Bäuerinnen sind mit 50 Jahren ausgebrannt und am Ende», sagt Bühler. Und wenn die Frauen aufbegehren, brechen oft die Beziehungen auseinander. Scheidungen, früher ein Tabu, sind heute unter Bauernfamilien weit verbreitet.
Für die Bauersfrau ist das ein Fiasko. Sie fällt durch alle sozialen Maschen, hat «ein Leben lang für nichts gearbeitet», wie Bühler sagt. Keinen Lohn, keine Arbeitslosenversicherung, keine Pensionskasse, nur minimale Alters- und IV-Renten – und wenig Chancen auf einen beruflichen Wiedereinstieg. «Viele müssen sich dann mit Hilfsjobs durchschlagen.» Und fast noch schlimmer: Sie müssen vom Hof und verlieren ihr vertrautes Umfeld. Die Männer, bei der Hofübergabe nach wie vor begünstigt, bewirtschaften 95 Prozent aller Betriebe in der Schweiz. In Österreich hingegen wird mehr als ein Drittel der Bauernhöfe von Frauen geführt.
Sie will kein «Puffer» sein
Christine Bühler und ihr Mann teilen sich seit zehn Jahren das Betriebseinkommen. Und sie zahlen zu gleichen Teilen auf ein Konto der dritten Säule ein. Eine andere Variante wäre, dass die Bäuerin entlöhnt wird. «So sieht es das Gesetz vor», sagt Bühler, «aber die Frauen müssen sich dieses Recht auch herausnehmen.» Sie selber habe sich als Bäuerin von Anfang «nicht nur als Puffer auf dem Hof» gesehen.
Die drei erwachsenen Töchter haben Les Cerisiers, wie der Hof ob Tavannes heisst, inzwischen verlassen und leben in Bern, Neuenburg und Zürich. Ob sie am nationalen Frauenaktionstag mitmachen, weiss Christine Bühler nicht. Sie selber wird frühmorgens zuerst zu den Küken in der Masthalle schauen und dann nach Bern an den Frauenstreiktag fahren. Für Mann und Lehrling wird sie das Essen vorkochen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.06.2011, 21:30 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
10 Kommentare
Man muss die Quotenregelung einfach lieben. 2000 Männer und 5 Frauen bewerben sich um 10 zu vergebende jobs. Angestellt werden die 5 besten Männer und alle Frauen. Das wirkt sich sicher grossartig auf die Leistungsfähigkeit von Wirtschaft und Politik aus. Antworten
Jetzt bin ich beinahe sprachlos geworden. Dass kritische Frauen auf dem Land leben weis ich. In der Küche beim Kaffee und Abstimmungen erlebt, aber dass auch in der Öffentlichkeit nun ihre Stimme erheben ist neu. So kämpferisch ist die Schweiz gut gerüstet, nur nicht im Traumbild der rechtskonservativen Kreise. Die Schweiz hat Dank diesen Frauen viel Zukunft. Weiter so! Antworten


Bitte warten




