«Die Bankiers sind selbst schuld am Schlamassel»
«Kein Wunder, fühlen sich die Italiener übers Ohr gehauen»: Tuto Rossi, früherer Tessiner Banker und Anwalt.
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Zur Person
Der Anwalt und frühere Banker Tuto Rossi ist im Tessin ein bekannter Mann. Er war stellvertretender Verwaltungsratspräsident der Tessiner Kantonalbank und galt als Hoffnungsträger der SP. Im Jahr 2001 aber rissen riskante Anlagestrategien der Bank Rossi ihn in den Abgrund: Die Spekulation mit Derivaten verursachten einen Schaden von 21.5 Millionen Franken. Die Anklage warf Rossi ungetreue Geschäftsführung vor. Das Strafgericht Lugano verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis, die Angeklagten rekurierten gegen das Urteil. Der Fall ist immer noch beim Bundesgericht hängig. Rossi betreibt heute eine Anwaltskanzlei in Bellinzona und vertritt unter anderem italienische Kunden in finanzrechtlichen Fragen.
Herr Rossi, im Tessin wird scharfe Kritik am Bundesrat laut: Finanzminister Merz sei untätig. Stimmt dies?
Die Realität ist nicht so, wie sie die Tessiner Behörden beschreiben. Die politische Klasse und die Bankiers selber sind schuld am Schlamassel. Bereits vor Monaten hat Italiens Finanzminister Giulio Tremonti erklärt, die Schweiz, respektive das Tessin, sei die Höhle von Alibaba und deren Banker die 40 Räuber. In der typischen Tessiner Arroganz hat man das nicht ernst genommen. Und nun plötzlich, da die Krise akut ist, beginnt das Wehklagen der Tessiner Politik. Jetzt rennen sie nach Bern und beklagen sich über die Untätigkeit des Bundespräsidenten. Dabei haben sie die Gefahren genauso unterschätzt wie der Bundesrat.
Immerhin hat Fulvio Pelli vorletzte Woche die Flucht nach vorne angetreten und einen offenen Brief in der «Corriere della Sera» publiziert.
Der Vorstoss Pellis war gut gemeint; in Italien hat er damit aber vor allem Spott geerntet. Ein Journalist fragte sich in einem Bericht, weshalb Pelli einen offenen Brief schreibe. Wenn der Schweizer FDP-Präsident nur über ein wenig Einfluss in Italien verfügen würde, hätte er sich direkt mit Tremonti in Verbindung gesetzt. Offenbar aber hat Pelli die Handy-Nummer des italienischen Finanzministers nicht.
Fehlen der Schweiz generell die Ansprechpartner in Italien?
Ja. Man könnte sogar sagen, dass die Schweiz in Italien gar nicht existiert. Der Botschaftssitz in Rom ist seit Monaten verwaist. Deshalb hätte man unbedingt eine Taskforce ins Leben rufen müssen. Doch als die Forderung laut wurde, man müsse in Italien unbedingt die Präsenz verstärken, haben die offiziellen Stellen erklärt, dass sie dies nicht für nötig halten.
Welche Vorkehrungen könnte die Schweiz denn gegen die Angriffe Tremontis treffen?
Die Schweiz hat bei diversen Bauvorhaben im Alpentransit Milliardenaufträge an italienische Firmen vergeben. Man könnte diese Aufträge im Machtpoker einsetzen.
Das Wettbewerbsgesetz zwingt die Schweiz, ausländische Anbieter nicht zu benachteiligen.
Ja, natürlich. Das heisst aber nicht, dass man diese Aufträge nicht als Druckmittel verwenden kann. Schliesslich gehen die Italiener mit der Schweiz auch nicht gerade unzimperlich um. Man müsste diesen grossen italienischen Bauunternehmen, die ja über beste Kontakte zur italienischen Regierung verfügen, zu verstehen geben, dass ihre Aufträge nicht gesichert sind.
Von welchen Bauprojekten sprechen Sie?
Vor zwei Wochen beispielsweise hat ein italienisches Unternehmen den Auftrag für die Bohrung des Monteceneri-Tunnels über eine Milliarde Franken erhalten. Natürlich wäre es jetzt schwierig, diesen Auftrag zu stornieren. Aber der Fall zeigt, dass die Tessiner Entscheidungsträger, wenn sie denn die Warnungen Tremontis ernst genommen hätten, durchaus Hebel in der Hand gehabt hätten.
Tremonti klagt, der Finanzplatz Tessin umgehe die EU-Quellensteuer mit unlauteren Praktiken. Hat er recht?
Ja. Sämtliche Tessiner Banken umgehen seit Jahren systematisch die EU-Quellensteuern auf Bankeinlagen. Und damit muss endlich Schluss sein. Denn jeder Italiener, der ein Ausland-Konto hat, legt sein Geld in Gesellschaften und Versicherungen an, die nicht quellensteuerpflichtig sind. Deshalb hat sich Tremonti auch über diese Praktiken beschwert. Die italienischen Behörden wissen ganz genau, wie viel italienisches Geld im Tessin liegt. Und sie sehen, dass viel zu wenig Steuergelder aus der Schweiz zurückfliessen. Kein Wunder, fühlen sie sich übers Ohr gehauen.
Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Tessiner Banker insgesamt?
An der Spitze der Tessiner Bankiervereinigung steht Claudio Generali, der lange Zeit Vizepräsident der Freisinnigen Partei des Kantons Tessins war. Derselbe Mann, der als Verwaltungsratspräsident die Banca del Gottardo zum Verschwinden brachte, hat die Warnungen aus Italien völlig falsch eingeschätzt. Es sind da alte Männer am Ruder, denen der klare Blick für die Realitäten abhanden gekommen ist, und die vor allem am Erhalt ihrer eigenen Macht interessiert sind.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 31.10.2009, 10:19 Uhr
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