«Die Bürger sind nicht bereit»
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 23.05.2011 59 Kommentare
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Eduard Kiener
Der Erfahrene
Er hat hautnah miterlebt, wie die Politik damals auf die Unfälle in Harrisburg und Tschernobyl reagierte: Eduard Kiener, Jahrgang 1938, war von 1977 bis 2001 Direktor des Bundesamts für Energie. Zuvor wirkte er unter anderem als Stabschef der Eidgenössischen Kommission für eine Gesamtenergie-Konzeption. Der studierte ETH-Maschineningenieur und doktorierte Nationalökonom und Betriebswirtschafter ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.
Bundesrat in der Atom-Klausur
Ausstieg oder Moratorium
Am nächsten Mittwoch entscheidet der Bundesrat, welche Rolle die Atomenergie in der schweizerischen Energieversorgung nach Fukushima noch spielen soll. Zur Debatte stehen erstens die Fortsetzung der bisherigen Strategie mit dem Ersatz älterer AKW, zweitens der Verzicht auf neue AKW und damit ein schrittweiser Atomausstieg ab 2020 und drittens ein vorzeitiger Ausstieg, also die Abschaltung der AKW vor Ende ihrer technischen Laufzeit. Mehrere Bundesräte haben öffentlich erklärt, nach der Havarie in Japan sei ein neues AKW für viele Jahre politisch chancenlos. SP, Grüne, BDP, Grünliberale und Teile der CVP hoffen deshalb, dass der Bundesrat am Mittwoch den Verzicht auf ein neues AKW beschliesst und zu diesem Zweck eine Änderung des Kernenergiegesetzes ankündigt. Didier Burkhalter (FDP), Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) sowie die SP-Bundesrätinnen Micheline Calmy-Rey und Simonetta Sommaruga seien für diesen Weg, spekulieren verwaltungsinterne Quellen.
Denkbar ist auch, dass der Bundesrat ein unbefristetes Moratorium verkündet, etwa mit dem Hinweis verknüpft, man prüfe die Atomoption erst wieder, wenn modernere Reaktortypen auf dem Markt seien. Seinen Entscheid wird der Bundesrat am Donnerstag mit neuesten Prognosen zum künftigen Stromverbrauch, zu Sparpotenzialen und Ausstiegskosten bekannt geben. Nicht zuletzt von diesen Zahlen dürfte abhängen, ob im Juni der Nationalrat in seiner Atomdebatte den Atomausstieg verlangt.(paf)
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Zehntausend Menschen werden am nationalen Anti-AKW-Marsch vom Sonntag erwartet. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Das erinnert mich an die Grossdemonstrationen in den 1970er-Jahren. Die Anti-Atom-Bewegung ist in der Schweiz in den letzten Jahren wieder erwacht, als die Projekte für neue KKW angekündigt wurden. Aber erst Fukushima hat ihr zu einem kräftigen Schub verholfen.
Sie haben im Februar für ein neues AKW in Mühleberg geworben.Wie denken Sie heute über die Kernenergie?
Fukushima hat mich erschüttert. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein solcher Unfall in einem hoch technologisierten Industrieland passieren kann. Nach Tschernobyl konnte man zu Recht feststellen: Schuld sind ein schlechtes Betriebssystem und ein politisches System, das die Verantwortung mangelhaft regelt. Nach Fukushima können wir nicht mehr sagen, so etwas sei im Westen nicht möglich.
Deshalb haben viele Schweizerinnen und Schweizer das Vertrauen in die Atomkraft endgültig verloren.
Ein neues KKW hat in einer Volksabstimmung in absehbarer Zeit keine Chance. Ob sich daran jemals wieder etwas ändert, ist offen. Die aktuellen Gesuche für neue KKW sind auf jeden Fall hinfällig. Gleichzeitig gibt es aber Fakten, an denen sich nichts geändert hat: Der Stromverbrauch nimmt weiterhin zu. Und alle Energieträger haben ihre Vor- und Nachteile, die Kernkraft ebenso wie erneuerbare und fossile Energien.
Steht die Schweiz vor der«Energiewende»?
Wende würde bedeuten, dass alles anders wird: Der Stromverbrauch sinkt, Elektroheizungen werden durch Wärmepumpen ersetzt, Haushalte und Industrie benutzen nur noch stromeffiziente Geräte und Motoren, es gibt keinen Widerstand mehr gegen höhere Staumauern, kleine Flusskraftwerke und neue Stromleitungen.
Sie glauben nicht daran?
Unsere Energiewelt wird jetzt nicht plötzlich besser. Sicher, die Politik wird Massnahmen ergreifen. Aber die Bürger sind noch nicht zu einem grundlegenden Umbau des gesamten Energiesystems bereit.
Wie sähe dieser Umbau aus?
Wir müssen unsere stark fossil ausgerichtete Energieversorgung so umbauen, dass sie weitgehend auf erneuerbaren Energien beruht und die Energie wesentlich sparsamer eingesetzt wird. Denkbar ist auch eine Kombination aus Erneuerbaren und Kernkraft. Diese Variante würde ich vorziehen.
Mit Kernkraft? Sie sagen selber, ein neues AKW habe keine Chance. Genau deshalb wird der Bundesrat nächste Woche den Atomausstieg oder zumindest ein unbefristetes Moratorium verkünden.
Der Bundesrat sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es wäre falsch, die Option Kernenergie fallen zu lassen. Es wird eines Tages Reaktoren geben, die noch sicherer sind als die heutigen.
Nur mit dem Verzicht auf ein neues AKW steigt der politische Druck, Alternativen zu fördern.
Wir müssen die Energie rationeller nutzen und erneuerbare Energien stärker fördern, damit die Kernenergie obsolet wird. Ein formeller Atomausstieg wäre aber falsch, denn er liesse sich nur schwer korrigieren, wenn sich herausstellen sollte, dass die Gesellschaft nicht bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.
Die Betroffenheit über Fukushima wird nachlassen. Das Zeitfenster für neue Fördermassnahmen steht kurz offen. Umso wichtiger wäre doch ein rasches Signal des Bundesrats?
Die Debatte über den Atomausstieg läuft wie ein Schönheitswettbewerb – jeder will es besser respektive schneller machen. Aber wir sollten den Ausstieg erst beschliessen, wenn Parlament und Volk tatsächlich die nötigen Massnahmen für eine neue Energiepolitik bewilligt haben. Was ist nach dem Unfall in Harrisburg passiert? Es gab einen Bericht der Geschäftsprüfungskommission. Und nach Tschernobyl? Wir haben Ausstiegsszenarien erarbeitet, für die sich schon bald niemand mehr interessierte. Unsere Energiepolitik der letzten 30 Jahre ist eine Geschichte der verpassten Chancen. Besonders folgenschwer war das Nein des Stimmvolks zu einer Förder- und Lenkungsabgabe im Jahr 2000.
Sie trauen dem Volk keinen Meinungsumschwung zu?
Ich bin vorsichtig. Schauen Sie den Widerstand gegen höhere Strompreise und eine Benzinabgabe an. Man muss ehrlich sein: Der Atomausstieg ist schwierig. Ich habe das durchgerechnet.
Wie sieht die Rechnung aus?
Unsere fünf Reaktoren produzieren 26 Terawattstunden Strom. Mit 800 Windanlagen können wir insgesamt 4 Terawattstunden ersetzen, mit Biomasse auch 4, mit zusätzlicher Wasserkraft 2 und mit Geothermie eine halbe. Für die übrigen 15,5 Terawattstunden braucht es etwa 150 Quadratkilometer Sonnenkollektoren.
Was wollen Sie damit sagen?
Der Ausstieg ist machbar, aber er ist eine gigantische Herausforderung. Denn drei Viertel des künftigen Stroms fallen unregelmässig an. Die Einspeisung schwankt zwischen null und der gesamten maximal möglichen Leistung. Wenn Sonne und Wind sehr viel mehr Strom liefern, als das Netz aufnehmen kann, ist das eine riesige Herausforderung. Um dem zu begegnen, müssen weit mehr Pumpspeicherwerke gebaut werden. Zudem ist dann ein massiver Ausbau des Leitungsnetzes und der Speicherkapazitäten nötig. Neue Pumpspeicherwerke, neue Strommasten, Windräder an exponierter Lage, grosse Flächen an Fotovoltaik-Anlagen, erhöhte Staumauern – all das wird in der Bevölkerung auf Widerstand stossen.
Was Sie schildern, ist ein Extremszenario. Realistischerweise wird man den Atomstrom nicht allein mit erneuerbarer Energie ersetzen. Es wird auch Gaskraftwerke geben.
Wer den Atomausstieg befürwortet, wünscht sich in der Regel Ökostrom, also nicht fossilen Strom.
Selbst SP und Grüne sind jetzt bereit, über Gaskraft zu reden.
Dann muss man aber ehrlich sein und nicht länger von Klimaschutz reden. Wir erreichen schon jetzt unsere CO2-Reduktionsziele nicht.
Wir können das Treibhausgas,das durch Gaskraftwerke verursacht wird, mit Klimaschutzprojekten im Ausland kompensieren.
Das ist richtig. Trotzdem fände ich einen solchen Atomausstieg heuchlerisch.
Gaskraftwerke sind vielen lieber als Atomkraftwerke.
Mir ist klar, dass es auf Gaskraftwerke hinausläuft, obschon wir damit stark von Russland abhängig werden. Trotzdem müssen wir irgendwann aus der fossilen Energie aussteigen. Denn Öl und Gas werden versiegen, die Frage ist höchstens, wann.
Soll man zur Förderung der Erneuerbaren den Geldhahn voll öffnen und alle Projekte subventionieren?
Wir müssen die erneuerbaren Energien stärker fördern. Ein kontinuierlicher Aufbau ist aber sinnvoller als eine hektische Subventionierung. Es wäre zum Beispiel falsch, jetzt unbeschränkt Geld in die noch sehr teure Fotovoltaik hineinzupumpen. Die Kosten dieser Technologie sinken. Wenn wir etwas zuwarten, erzeugen wir mit dem gleichen Subventionsfranken deutlich mehr Strom. Zudem sollten wir nicht nur über den Strom reden. Es ist falsch, alles nur der Frage unterzuordnen, wie sich Atomstrom ersetzen lässt.
Was meinen Sie damit?
Wir müssen wie gesagt die ganze Energieversorgung umbauen und die fossilen Energien ersetzen. Wir sind in einer permanenten Elektrifizierungsphase, es kommen immer neue Anwendungen hinzu. Wir brauchen Wärmepumpen und Solarwärme ebenso wie Fotovoltaik. Die Nutzung erneuerbarer Energie und der rationelle Energieeinsatz bedeuten in vielen Fällen höheren Stromverbrauch, zum Beispiel für die Wärmerückgewinnung.
Was ist die sinnvollste Art,die Stromeffizienz zu verbessern und Erneuerbare zu fördern?
Es gibt viele noch ungenutzte Möglichkeiten. Wir brauchen eine verstärkte Förderung und zu ihrer Finanzierung eine Abgabe auf allen Energien. Wir müssen Gebäude sanieren und mit Vorschriften dafür sorgen, dass Elektroheizungen verschwinden und Haushaltgeräte sowie Pumpen und Motoren in der Industrie sparsamer werden. Bei den erneuerbaren Energien müssen wir prioritär jene mit gutem Kosten-Nutzen-Verhältnis fördern.
Wie viel Atomstrom lässt sich realistisch bis wann ersetzen?
Ich gehe davon aus, dass der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie bis zur Mitte des Jahrhunderts mit erneuerbaren Energien möglich wäre – wenn der Wille dazu da ist. Sinnvollerweise würden die bestehenden KKW weiterhin genutzt, bis sie komplementär zum Zubau der erneuerbaren Energien abgeschaltet werden könnten.
Gibt es eine Situation, in der die Kernkraft wieder ins Spiel kommen könnte?
In einem dicht besiedelten Land wie der Schweiz hat die Kernenergie nach Fukushima erst wieder eine Chance, wenn ein Reaktortyp der vierten Generation auf den Markt kommt. Er soll garantieren, dass die Auswirkungen eines Unfalls auf das Standortgelände beschränkt sind. Ein solcher Reaktor steht wahrscheinlich erst in 20 oder 30 Jahren zur Verfügung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.05.2011, 12:12 Uhr
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59 Kommentare
Die immer gleiche alte Leier... die angeblich "sehr teure Fotovoltaik": eine nachweisliche Lüge. Heute sind bereits Anlagen mit Strompreisen ab 23 Rp./kWh realisierbar. Je nach EW zahlt man als Endkunde bereits mehr als 23 Rp./kWh. Alleine mit den Solar-Projekten auf der Warteliste könnte in 3 Jahren das AKW Mühleberg abgelöst werden. Nur wird das systematisch von FDP/SVP verhindert!! Antworten
Solchen Leuten wie Eduard Kiener "verdanken" wir es, dass wir seit Tschernobyl keinen Schritt weiter sind. Sie scheinen unabhängig, sind aber genau so Teil der Atomlobby wie unsere Wirtschaftskaptiäne. Ihre Taktik: Auf Zeit spielen und Angst vor zu hohen Strompreisen oder der angeblichen "Stromlücke" schüren. Höchste Zeit, den Atomausstieg zu beschliessen, bevor ein AKW in Europa explodiert. Antworten



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