Schweiz

Die Einseitigkeit des Wutbürgers

Von Michael Hermann. Aktualisiert am 30.11.2010 16 Kommentare

Das Abstimmungsergebnis vom Sonntag hat es klar gezeigt: Die Wut des «Wutbürgers», der letzthin im «Tages-Anzeiger» porträtiert wurde, ist links und rechts nicht gleich verteilt.

Auch links gibt es Wut: Nach den Ergebnissen der Abstimmung kam es vielerorts zu Demonstrationen.

Auch links gibt es Wut: Nach den Ergebnissen der Abstimmung kam es vielerorts zu Demonstrationen.
Bild: Keystone

Die rechte Wut auf kriminelle Ausländer hat der SVP-Ausschaffungsinitiative einen diskussionslosen Sieg beschert. Die linke Wut auf «Abzocker» und «Superreiche» reichte dagegen für einen Sieg der SP-Steuerinitiative bei weitem nicht aus. Bei der ersten Umfrage lagen die Initiativen noch gleichauf, doch nur die Vorlage der Rechten konnte die Anfangssympathien fast gänzlich in Ja-Stimmen umsetzen. Die Steuergerechtigkeitsinitiative nahm dagegen den typischen Weg linker Vorstösse: Ihr gelang es nicht, die theoretisch bestehende Unterstützung in die Praxis zu überführen.

Beisshemmung

Populismus von links entwickelt nicht die gleiche Sprengkraft wie Populismus von rechts. Über Banken und Abzocker wird zwar allseits gerne geschimpft, gebissen wird jedoch vor allem bei Ausländern, bei Kriminellen und erst recht bei der Schnittmenge beider Gruppen. Die Gründe für die Beisshemmung gegenüber jenen, die oben sind, sitzen tief.

Das oft gehörte Argument, dass jeder Schweizer insgeheim hofft, selber einmal zu den Grossverdienern zu gehören und deshalb gegen seine eigenen Interessen stimme, dürfte dabei eher eine untergeordnete Rolle spielen – die Grenzen der eigenen Möglichkeiten können die meisten Erwerbstätigen sehr wohl einschätzen. Entscheidend ist vielmehr, dass trotz Abzockerdebatte und trotz sich öffnender Einkommensschere bis heute weite Gesellschaftskreise das Wohlergehen der Oberschicht eng an das Wohlergehen des Mittelstands gekoppelt sehen.

Ein Tritt ans Bein

Jeder fürchtet, dass ein Tritt ans Bein der Reichen am Schluss ihn selber treffen könnte, während er zuversichtlich ist, dass ein Tritt ans Bein krimineller Ausländer nicht mehr als ein paar negative Schlagzeilen im Blätterwald verursacht.

Die Linke kann noch so sehr die Wortwahl und die Bildsprache der Rechten kopieren, sie kann noch so sehr den Wermuth machen, sie wird die Wut der Bürger nie wie die Rechte für sich aktivieren können.

Abzocker und immigrationsfeindliche Rechte

Nicht anders als im Land der Tea Party gehört auch hier der Staat zu den Hauptärgernissen der Wutbürger. Die «Abzocker» mögen zwar unbeliebt sein, aber der Staat, dessen Einfluss auf Kosten des «ungezügelten Kapitalismus» ausgedehnt werden soll, ist es nicht weniger.

Bezeugt wird die Einseitigkeit der Wutbürger ausgerechnet von Slavoj Žižek, dem umtriebigen Star-Philosophen der neuen Linken, der kürzlich in einem NZZ-Interview donnerte, dass in ganz Europa «Politik als Passion eigentlich nur noch von der immigrationsfeindlichen, rassistischen Rechten» gemacht werde. Das Spektrum von linksgrün bis linksliberal mag episodisch mit Leidenschaft an die Sache gehen. Bewegungen wie jene gegen Stuttgart 21, gegen die CastorTransporte oder für Obamas Präsidentenwahlkampf tragen jedoch den Keim ihrer Ermüdung immer in sich. Linke Erregung entsteht häufig nur noch bei Wahl- und Abstimmungserfolgen der Rechten oder in der von Gleichgesinnten befeuerten Hitze eines Parteitags.

Status Quo

Lukas Bärfuss betonte jüngst, dass nichts ohne Alternative sei, auch nicht der Kapitalismus. So erfrischend unzeitgemäss die Betrachtungsweise des Schriftstellers ist, so sehr zeigt sie zugleich das Dilemma auf, in dem die Linke in der gesamten westlichen Hemisphäre steckt. Linke Projekte, auch wenn sie populistisch sind, wollen eine Alternative zum Zustand, wie er ist.

Je mehr wir uns im Westen jedoch an ein hohes Niveau an Wohlstand und Sicherheit gewöhnen, desto mehr schwindet die Dringlichkeit, in der wir uns nach einer Alternative sehnen. Niemand ist sich ganz sicher, dass diese Alternative wirklich besser ist als der Status quo. Politische Wut und politische Leidenschaft bleiben deshalb vor allem jenen vorbehalten, die wollen, dass es so bleibt, wie es ist. Genauer noch: die wollen, dass es wieder so wird, wie sie glauben, dass es einmal war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2010, 10:49 Uhr

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16 Kommentare

Herbert Meier

30.11.2010, 12:34 Uhr
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bin ich wirklich ein Populist und ein Wutbürger und weiss noch nicht was Schlimmes, wenn ich nur in Ruhe und Sicherheit Leben möchte? Langsam aber sicher zweifle ich an den Medien in der CH und vorallem im Ausland. Es geht überhaupt nicht um Fremdenhass oder sonst was. Es geht darum, dass ich mich auch nachts frei in einem freien Land bewegen möchte. Habe ich als Steuerzahler nicht den Anspruch? Antworten


Peter Meier

30.11.2010, 11:23 Uhr
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Was völlig ausser Acht gelassen wird ist dass bei einer Annahme Steuerinitiative der Föderalismus der Kantone bezüglich Steuerhoheit eingeschränkt worden wäre. Somit hätten die jeweiligen Kantonsbewohner auch das Recht verloren das "letzte Wort" zu "ihrem" Steuersatz zu haben. Für mich ein gewichtiger Grund zur Ablehnung. Antworten



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