Die Facebook-Generation im Parlament

Mit Nadine Masshardt (SP) und Aline Trede (Grüne) rutschen im Frühjahr 2013 zwei weitere Jungpolitikerinnen in den Nationalrat nach. Wie kommen unter 30-Jährige im nationalen Parlament zurecht?

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Nach der Wahl von Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (Grüne) in die Berner Stadtexekutive rutschen die 28-jährige Nadine Masshardt (SP) und die 29-jährige Aline Trede (Grüne) im Nationalrat nach. Seit einigen Jahren schaffen immer mehr Politikerinnen und Politiker, die unter 30 Jahre alt sind, den Sprung auf die nationale Politbühne. Cédric Wermuth (SP), Mathias Reynard (SP) 2011, Marco Romano (CVP) 2011, Bastien Girod (Grüne), Christian Wasserfallen (FDP), Lukas Reimann (SVP) 2007, Christa Markwalder (FDP) Jasmin Hutter (SVP), Evi Allemann (SP) 2003, Pascale Bruderer (SP) 2002, Ursula Wyss (SP) 1999 und Toni Brunner 1995 waren bei ihrer Wahl ebenfalls keine 30.

Was ist der Grund, dass die Facebook-Generation im Parlament stärker und stärker wird? «Das ist sicher Ausdruck eines allgemeinen Unbehagens mit den etablierten Parteien», meint Cédric Wermuth. Ausserdem – und da spreche er für die SP – «hat meine Partei nach 2007 die Jugendförderung massiv ausgebaut und professionalisiert.» Das Eis brach eigentlich nach der Wahl von Toni Brunner (1995) mit 21 Jahren und von Ursula Wyss mit 25 Jahren: «Wir waren beide von Anfang an sehr motiviert und aktiv und da dürften viele gedacht haben, ah – junge Menschen machen das nicht unbedingt schlechter als ältere», sagt Wyss. «Das wurde damals von den Medien stark beachtet, weil es seit Ewigkeiten das erste Mal war, dass mit Toni Brunner und mir unter 30-Jährige in den Nationalrat gewählt wurden», sagt sie.

Parteien fördern die Jungen mit guten Listenplätzen

Die Medien allein sind es nicht. Besonders SP und SVP fördern zum Beispiel Jungpolitiker mit guten Listenplätzen – bei der SP war dies spätestens nach der Wahl von Brunner 1995 der Fall. Ursula Wyss' Wahl war so etwas wie die Reaktion auf die Wahl Brunners. «Möglicherweise war das bei einigen auch noch eine Überlegung», sagt Ursula Wyss heute dazu. Sie denke aber eher, dass «die meisten von meiner Arbeit im Kantonsparlament überzeugt waren und mir eine Chance geben wollten». Wyss durfte damals auf Platz 2 der SP-Frauenliste ins Rennen steigen. SVP Nationalrätin Natalie Rickli (ZH), bei ihrer Wahl 2007 31-jährig, figurierte auf der Wahlliste 2007 der SVP Zürich an zweiter Stelle, gleich hinter dem damaligen Parteipräsidenten Ueli Maurer.

Eine gute Listenplatzierung ist aber nicht alles, das zeigte sich 1999 in Bern. Evi Allemann erreichte als 21-Jährige auf dem ersten Platz der Frauenliste zwar ein gutes Resultat, aber für den Nationalrat reichte es trotzdem nicht. Ihr gelang die Wahl erst vier Jahre später. Andere wie der Grüne Bastien Girod waren schon vor ihrer Wahl ins nationale Parlament landesweit ein Thema – zum Beispiel durch das Engagement gegen Geländefahrzeuge (Offroaderinitiative). Die Kampagne wurde von Girod entscheidend mitgeprägt und fand in den Medien entsprechend grosse Beachtung. 2007 wählten die Zürcher Stimmbürger den 26-Jährigen dann prompt in den Nationalrat. Die Wahl ist das eine, die Arbeit im Parlament das andere. Wie erleben Jungpolitiker den Wechsel?

Schwierige Anpassungszeit im Nationalrat

«Es war schon eine Umstellung», erinnert sich Girod. «Als Jungpolitiker sind vor allem Engagement, geschickte Provokation und gute Kommunikation gefragt», sagt er. Im Nationalrat, insbesondere in den Kommissionen, seien dann auch Dossierkenntnis und überparteiliche Zusammenarbeit wichtig. «Junge Parlamentarier müssen inhaltlich besser sein, um nur schon gleich ernst genommen zu werden wie ältere Parlamentarier», findet Girod. Als aufwendig, teilweise stürmisch, extrem lehrreich, empfand Cédric Wermuth sein erstes Jahr im Parlament. Es brauche einiges an Einarbeitung, bis man den Laden etwas versteht.

Auch Wermuth war schon vor seiner Wahl im Herbst 2011 ein Begriff – auch wegen seiner gezielten Provokationen. Noch gut in Erinnerung ist sein Auftritt an einer Delegiertenversammlung der SP, als er sich am Rednerpult einen Joint anzündete, um für die Hanflegalisierung zu werben. Das grösste Problem für Jungpolitiker im Parlament sind für Wermuth: der Informationsvorsprung der «Alten» und der Verwaltung. Das Parlament sei ausserdem, was Informationsressourcen und Mitarbeiter angehe, krass unterdotiert. Doch was wird aus den Jungpolitikern, wenn sie nicht mehr wiedergewählt werden oder aufgrund einer Mandatszeitbeschränkung nicht mehr antreten dürfen? «Ui, keine Ahnung, wir werden sehen», sagt Wermuth dazu.

Ist die politische Laufbahn eine Qualifikation für Jobs in der Privatwirtschaft?

Ursula Wyss setzt ihre Karriere nach zwölf Jahren im Nationalrat als Gemeinderätin der Stadt Bern fort. Ihre Berner Parteikollegin Evi Allemann wird als Nachfolgerin von Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer gehandelt. Auch Toni Brunner dürfte ein ernsthafter Kandidat sein für ein künftiges Exekutivamt, ebenso die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer. «Es hat heute aber gar nicht genug Exekutivämter für alle Jungpolitiker. Deshalb scheint mir vor allem für Jungnationalräte wichtig, am Milizprinzip festzuhalten», sagt Girod. Nur: Wird eine politische Laufbahn als Qualifikation von der Berufswelt akzeptiert, wenn man nach dem Ausscheiden aus dem nationalen Parlament auf Jobsuche geht?

«Das kommt auf den Job an. Für die Arbeit als Verbandsfunktionär oder Quasi-Lobbyist sicher», sagt Bastien Girod. Wie man erfolgreich von der Politik in den Beruf und dann wieder zurück in die Politik umsteigen kann, hat die Baslerin Anita Fetz demonstriert. Als 28-Jährige wurde sie 1984 für die Poch in den Nationalrat gewählt. Nach vier Jahren trat sie bereits zurück, um sich auf ihren Job zu konzentrieren. 1999 trat sie dann auf der SP-Liste für den Nationalrat an und wurde erneut gewählt. Seit 2003 ist sie nun Ständerätin, Vizefraktionschefin der SP und eine der Wortführerinnen ihrer Partei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.01.2013, 12:24 Uhr)

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