Die Folgen des Jodtablettenbriefs

Greenpeace gab sich als offizielle Behörde aus, um auf die Gefahren von AKW aufmerksam zu machen. War das geschickt? Wurde das Ziel erreicht? Droht eine Klage? Die Antworten.

Provokation in tausendfacher Ausführung: Das Jodtabletten-Begleitschreiben von Greenpeace.

Provokation in tausendfacher Ausführung: Das Jodtabletten-Begleitschreiben von Greenpeace. Bild: Keystone

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Die Botschaft kam in offiziellem Kleid daher – und sorgte selbst bei Kommunikationsprofis kurzzeitig für Irritation: Es sei unklar, wie nach einem Unfall in einem Kernkraftwerk mit radioaktiv verseuchten Lebensmitteln umgegangen oder wie eine Evakuation ablaufen würde. Daher wäre die Stilllegung der AKW ein wirksamerer Schutz gegen nukleare Risiken als Jodtabletten. Das stand in einem angeblichen Begleitschreiben zur aktuell laufenden Tablettenverteilaktion des Bundes, das letzte Woche an rund eine Million Schweizer Haushalte versandt wurde. Das vermeintlich amtliche Papier war von der Geschäftsstelle Kaliumjodidversorgung unterzeichnet. Der wahre Absender war aber Greenpeace. Damit ist der Umweltschutzorganisation ein Coup gelungen: Die Guerillaaktion rückt ein Kernthema der NGO schlagartig in die öffentliche Agenda.

In den Medien wurde das Vorgehen kontrovers diskutiert – PR-Strategen beurteilen es dagegen als «geschickt». «Greenpeace hat das Kernziel von Kampagnen erreicht: öffentliche Aufmerksamkeit», sagt Franco Gullotti, Experte für Krisenkommunikation. Die Verunsicherung der Bevölkerung berge nun für die NGO die Chance, die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Auch Politikberater und Kampagnenspezialist Mark Balsiger meint: «Die Organisation lebt von der Provokation. Die Grenzen des Politmarketings kreativ auszuloten, ohne sie auszureizen – das beherrscht Greenpeace auf beeindruckende Weise.»

«Wir wollen uns nicht beliebt machen»

Dennoch: Dass sich Greenpeace als offizielle Behörde ausgab, stiess auf viel Kritik. Der Zweck heilige nicht alle Mittel, lautete der mediale Tenor. Die öffentliche Schelte nimmt Kampagnenleiter Christian Engeli in Kauf: «Wir wollen uns nicht beliebt machen – wir wollen, dass sich etwas ändert.» Und diesem Schritt sei man mit der Aktion einen Schritt näher gekommen; die Debatte «über die Behauptung, die Behörden hätten bei einem AKW-Unfall alles im Griff», sei lanciert. Allerdings verläuft sie bislang nicht ganz nach dem Geschmack der Umweltschützer, wie Engeli einräumt. «Diskutiert wird bisher mehr über unsere Methode als über den Inhalt.» Denn auch wenn er die Kritik gelten lässt, Greenpeace habe mit dem gefälschten Brief die Glaubwürdigkeit der Behörden untergraben, so will er sich eines nicht vorwerfen lassen: dass er Falschinformationen verbreitet habe. «Noch niemand konnte uns nachweisen, dass unsere Aussagen im Brief nicht stimmen. Auch die Behörden haben dem bislang nicht widersprochen.» Kampagnenexperte Balsiger verweist darauf, dass dies durchaus dem normalen Verlauf der öffentlichen Auseinandersetzung mit einem neu lancierten Thema entspreche – erst nach der Form gehe es um den Inhalt.

Auch Gullotti sieht noch Potenzial für Greenpeace, die Deutungshoheit über die Debatte zu erlangen. Aber nicht nur. Auch die Gegenseite könne profitieren, wenn sie aktiv kommuniziere. «Die grosse Aufmerksamkeit verdeutlicht, dass die Bevölkerung Informationsbedarf hat und Transparenz will. Das ist auch eine Chance für die Behörden und Kernkraftbetreiber, aufzuzeigen, wie wir mit den Risiken der Kernkraft umgehen können.»

«Spendern ist das bewusst»

Für den Briefversand hat Greenpeace Spendengelder eingesetzt. In Bezug auf die Kosten hält sich Engeli bedeckt; er spricht von «bescheidenen Finanzmitteln», die dafür aufgewendet worden seien. Peter Metzinger ist selbstständiger Kampagnenspezialist und war früher Greenpeace-Kampagnenchef. Er sagt: «Vor Jahren hat eine solche Aktion zwischen 600'000 und 800'000 Franken gekostet.» Den Mitteleinsatz hält er aber im aktuellen Fall für gerechtfertigt – auch gegenüber den Spendern. «Ihnen ist ja bewusst, dass die Umweltorganisation einen Teil ihrer Spenden für solche polarisierenden Aktionen ausgibt.»

Gullotti teilt diese Meinung. Er gibt allerdings zu bedenken, dass Greenpeace als NGO eine öffentliche Verantwortung wahrnehmen müsse. Wer mit teurem Marketing nur Verunsicherung stifte und keine Antworten auf Sachfragen liefere, überschreite Grenzen. Darum sei nun entscheidend, wie sich die Organisation im weiteren Verlauf der Debatte verhalte.

Die schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen (Zewo) prüft NGOs in der Schweiz regelmässig auf den gewissenhaften Umgang mit Spenden. Das entsprechende Gütesiegel steht unter anderem für «zweckbestimmten, wirtschaftlichen und wirksamen Einsatz der Mittel». Greenpeace habe nie um eine Zertifizierung ersucht, sodass die strengen Anforderungen der Zewo für die Umweltschützer nicht gälten, sagt Geschäftsführerin Martina Ziegerer. Sie hält es für legitim, dass sich die Organisation aktiv für ihre politischen Standpunkte einsetze – das erwarte auch die Spenderschaft. Aber: «Es ist problematisch, dass Greenpeace dies nicht in eigenem Namen tat, sondern den einer Behörde verwendete. Angaben müssen wahr sein.»

Greenpeace freut sich auf Klage

Die Drohung einer Klage steht für Greenpeace denn auch mehrfach im Raum: Die Berner SVP ruft Regierung und Justiz auf, strafrechtliche Massnahmen zu ergreifen. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erwägt rechtliche Schritte. Doch das schade Greenpeace nicht – im Gegenteil, sind die PR-Experten überzeugt. Auf diese Weise bleibe das Thema aktuell, und die Aufmerksamkeit wäre der Organisation gewiss. Und so gibt sich Engeli kämpferisch: «Hierbei geht es um lebensbedrohende Fragen. Ich freue mich darum auf die Diskussion, die eine Klage auslösen wird. Dann wird geprüft werden müssen, ob wir tatsächlich Fehlinformationen verbreitet haben.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.11.2014, 15:27 Uhr)

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