Die Frauen spielen bei Olympia nicht mit

Die Abstimmung über Olympische Winterspiele im Bündnerland steht auf der Kippe. Verantwortlich dafür sind die Frauen, die deutlich Olympia-skeptischer sind. Kein Wunder, sagen Experten.

Zu wenig Fokus auf die Frauen: Eine Veranstaltung von Olympiagegnerinnen, darunter SP-Nationalrätin Silva Semadeni (r.). Die Pro-Kampagne reagierte nie wirklich auf die höhere Skepsis der Frauen. (Foto: 16. Januar 2013)

Zu wenig Fokus auf die Frauen: Eine Veranstaltung von Olympiagegnerinnen, darunter SP-Nationalrätin Silva Semadeni (r.). Die Pro-Kampagne reagierte nie wirklich auf die höhere Skepsis der Frauen. (Foto: 16. Januar 2013) Bild: Arno Balzarini/Keystone

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Wenn Anita Mazzetta sich die Kampagne für die Olympiakandidatur 2022 ansieht, sieht sie «eine Männergesellschaft». Für Olympische Spiele in Davos und St. Moritz setzen sich offenbar vor allem Männer ein, findet Mazzetta, die Geschäftsführerin des WWF Graubünden.

Das ist zwar nicht ganz fair. Im achtköpfigen Vorstand von GR 2022 sitzt in der Person von Sandra Felix auch eine Frau. Aber die nach aussen aktivsten Köpfe der Olympiakandidatur sind tatsächlich lauter Männer: Vorstandspräsident, Direktor, Generalsekretär, Mediensprecher. Bei den massgeblichen Gesichtern, die für die Spiele werben, sieht es nicht viel besser aus: 14 Stars, von Ex-Skifahrer Silvano Beltrametti bis SVP-Nationalrat Heinz Brand, aber darunter nur eine Frau, Snowboarderin Ursina Haller.

Der Anteil weiblicher Neinstimmen steigt

Die Gegner beginnen mit dem Kontrastprogramm an der Spitze: Silva Semadeni, SP-Nationalrätin, ist umtriebige Präsidentin des Neinkomitees. Anita Mazzetta ist eine ihrer vier Vizes. Auch bei den Neinsagern sind die Männer in der Mehrheit, in der Organisation wie bei den 225 Sympathisanten aus Kultur, Wissenschaft und Verbänden: Aber mit einem Drittel ist das Verhältnis für die Frauen etwas vorteilhafter.

Wer weiss, ob das alles eine Rolle gespielt hat im Abstimmungskampf um Olympia 2022. Tatsache aber ist, dass das Projekt ein Frauenproblem hat. Schon bei der ersten Umfrage im November waren 47 Prozent der Frauen gegen Olympia, aber nur 38 Prozent der Männer. In der jüngsten Umfrage von vor einer Woche stieg der Anteil weiblicher Neinstimmen auf fast 50 Prozent und kippte das Gesamtresultat knapp ins Nein: 45 zu 43 Prozent gegenüber 43 zu 43 vor drei Monaten.

Aus Sicht des Berner Politberaters Mark Balsiger rächt sich nun die «Männerbündelei», die einen Apparat wie GR 2022 meistens auszeichne, wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet vermutet: «Man geht halt bei der Organisation auf die Leute zu, die man kennt.» Also auf Männer. Das Glaubwürdigkeitsproblem bei den Frauen habe man wohl unterschätzt, und nun sei es etwas spät, darauf mit einer spezifischen Kampagne zu antworten. «Zudem geht es den Befürwortern jetzt nur noch um eines: Mobilisierung ihrer Anhänger. Eine Diskussion über Korrekturen und Fehler können sie sich nicht leisten, das wirkt enorm demobilisierend.»

Dürfen Frauen nur die Snacks servieren?

Ganz neu ist die Beobachtung allerdings nicht. Schon im Februar berichtete die «Südostschweiz» über einen «olympischen Frauenmangel». Claudia Hutter, Churer Kommunikationsfachfrau, hatte sich über den «hinterwäldlerischen Geist» im Pro-Komitee geärgert: Frauen dürften dort nur die Snacks servieren, hätten aber auf den Podien nichts verloren. Ein grosser Fehler, fand Hutter und sprach die grössere Skepsis bei den Frauen an.

Wurden bei den Olympioniken die Frauen vergessen? Christian Gartmann, Sprecher von Olympia 2022, erklärt Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Unser Ziel war es, anders als bei üblichen politischen Abstimmungen, nicht nur Politiker im Präsidium zu haben, sondern auch Vertreter aus Sport, Gesellschaft und Tourismus. Zudem wollten wir hier ausschliesslich Bündner zeigen: Die Kampagne sollte Graubünden in all seinen Facetten abbilden.»

Damit fallen aber prominente weibliche Skistars wie die Glarnerin Vreni Schneider, die St. Gallerin Maria Walliser oder die Obwaldnerin Erika Hess weg. Gartmann findet im Übrigen, dass der Frauenanteil – wenn auch nicht so hoch im Präsidium – entschieden grösser sei in der inzwischen gut 350-köpfigen Gruppe der «Fackelträger»: nämlich etwa 50, ein Siebtel.

Frauen stimmen anders ab

Ohnehin sind es wohl weniger solche Erscheinungsfragen, die Olympia bei den Frauen unbeliebter machen. «Frauen sind umweltbewusster», sagt WWF-Geschäftsführerin Mazzetta, «und sie sind skeptischer, ob wir uns dieses Grossprojekt überhaupt leisten können. Denn was wir heute ausgeben, müssen wir später einsparen – zum Beispiel in den Bereichen Bildung, Soziales oder Kultur.»

Tatsächlich hatte das Berner Forschungsinstitut GFS in einer Studie über Abstimmungen in den Jahren 2004 bis 2006 bestätigt, was auch andere Untersuchungen feststellten: Dass Frauen signifikant sozialer und ökologischer stimmen. So fanden das Gesetz über Familienzulagen sowie die Initiativen «Nationalbankgewinne für die AHV» und «Postdienste für alle» bei Frauen deutlich mehr Zustimmung, eine zweite Gotthardröhre und Atomenergie dagegen klar weniger. Da hilft es auch wenig, wenn die Olympia-2022-Anhänger ihr Projekt als Ankurbelung für die Wirtschaft anpreisen, als «Fitnesskur für den Bündner Tourismus». Denn streng wirtschaftspolitische Argumente, so GFS, finden bei Frauen weniger Anklang.

Bleibt nur noch der Appell ans Vertrauen. Immerhin, was Regierungsvertrauen angeht, sind sich Männer und Frauen gemäss der GFS-Analyse einig, wenn auch auf niedrigem Niveau. Pech für die Bündner Olympiafans, dass sie im Hintergrund noch jemand anderen haben, der nicht als Sympathieträger gilt: das Internationale Olympische Komitee (IOK), das die Spiele überhaupt erst ins Bündnerland vergeben kann. «Und bei denen müssen Sie die Frauen erst recht mit der Lupe suchen», stichelt Anita Mazzetta.

Von den 140 IOK-Mitgliedern sind nicht ganz zehn Prozent Frauen. Immerhin, das ist mehr als vor 1981. Damals waren die Herren noch unter sich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.02.2013, 12:32 Uhr)

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