«Die Handy-Befragung brächte neue Probleme»

Die Stimmbeteiligung der Jungen ist womöglich höher als von der Vox-Analyse erhoben. Politologe Claude Longchamp nimmt Stellung zur Kritik an seinen Ergebnissen – und beleuchtet Alternativen.

Sein Institut führt die Umfragen zum Abstimmungsverhalten jeweils durch: GFS-Bern-Leiter Claude Longchamp.

Sein Institut führt die Umfragen zum Abstimmungsverhalten jeweils durch: GFS-Bern-Leiter Claude Longchamp. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Herr Longchamp, wie hoch lag die Stimmbeteiligung der Jungen am 9. Februar wirklich?
Das weiss niemand. Einerseits wissen wir es als Urheber der VOX-Analyse nicht abschliessend, weil wir uns auf Umfragen stützen müssen. Andererseits lassen sich die nun genannten Werte aus den Kantonen Genf und Neuenburg sowie der Stadt St. Gallen nicht auf die ganze Schweiz übertragen. Es handelt sich dabei in allen Fällen um Universitätskantone oder Universitätsstädte, die einen überdurchschnittlich hohen Bildungsstand und eine überdurchschnittlich hohe Partizipation der Jungen aufweisen. Sehr wahrscheinlich liegt der tatsächliche schweizerische Durchschnitt unter diesen Werten. Wie stark er darunter liegt, können wir jedoch nicht mit Sicherheit sagen, weil es dazu keine gesamtschweizerische Statistik gibt.

Wieso ist es so schwierig, die Stimmbeteiligung für einzelne Altersgruppen präzise zu erheben?
Die politische Beteiligung lässt sich in Umfragen nie direkt erheben. Die Beteiligungswerte fallen stets zu hoch aus. Der Hauptgrund dafür ist ein einfacher: Jene, die nicht abstimmen gehen, lassen sich auch in einem geringeren Masse befragen. Somit sind jene, die an die Urne gingen, in der Befragung überrepräsentiert. Bei der Gewichtung reduzieren wir deshalb deren Anteil. Bei der VOX-Analyse zum 9. Februar haben 31 Prozent der befragten Jungen angegeben, an der Abstimmung teilgenommen zu haben. Weil aber der Anteil der Abstimmenden unter den von uns Befragten mit 76 Prozent über der tatsächlichen Stimmbeteiligung von 56 Prozent lag, haben wir die Ergebnisse gewichtet, und dabei sind schliesslich die berühmten 17 Prozent entstanden.

Nun steht Ihr Verfahren in der Kritik.
Wir nehmen diese sehr ernst, denn wir wollen zuverlässige Angaben machen. Wir verfahren nun seit 13 Jahren mit demselben Gewichtungssystem, was auch die einzige Möglichkeit ist, um einen Vergleich über die Zeit hinweg zu gewährleisten. Wenn wir besser gewichten könnten, würden wir dies selbstverständlich tun.

Wenn der gesamtschweizerische Durchschnitt tatsächlich bei 17 Prozent läge, müsste die Beteiligung der Jungen in den ländlichen Gebieten ja enorm gering sein, wenn jene in den urbanen Gebieten um die 40 Prozent liegt.
Es kann durchaus sein, dass der effektive Wert höher liegt, als in der VOX-Analyse ausgewiesen, das will ich nicht bestreiten. Man sieht aber bei den genannten Angaben aus den Kantonen, dass die Differenz zwischen den Altersgruppen überall dieselbe ist: Die unter 30-Jährigen weisen eine unterdurchschnittliche Beteiligung auf, die über 30-Jährigen hingegen eine hohe – genau gleich wie in der VOX-Analyse.

Ihr Berufskollege Marco Steenbergen von der Universität Zürich sagte der «NZZ am Sonntag», bei Ihrer Befragung müsse etwas schiefgelaufen sein. Ist dies möglich?
Schön wäre gewesen, wenn er uns gesagt hätte, was schiefgelaufen sein soll. Er sagt gleichzeitig ja, dass er selber das Problem nicht kenne. Um unsere Ergebnisse zu überprüfen, bräuchten wir Zugang zu den persönlichen Stimmrechtsausweisen der von uns befragten Personen. So könnten wir feststellen, ob sie uns die Wahrheit erzählt haben. Dies ist aus Datenschutzgründen nicht möglich. Wo der effektive Wert liegt, hängt letztlich davon ab, ob die in den Interviews gemachten Angaben korrekt sind. Wir wissen dies aber nicht.

Müssten Sie auf die Publikation solch ungewisser Werte nicht verzichten – oder die Unsicherheiten zumindest transparenter darstellen?
Nun, man kann die Resultate zwar bezweifeln, widerlegt wurden sie aber nicht. Ich würde sehr ungern auf die Publikation der Stimmbeteiligungswerte verzichten, da diese regelmässig nachgefragt werden. Wir werden dies aber sicher gemeinsam mit den zuständigen VOX-Partnern entscheiden.

Der Genfer Politologe Pascal Sciarini, der die VOX-Analyse mitverfasst hat, schrieb in der «Berner Zeitung», eine mögliche Erklärung für die Diskrepanz wäre, dass Junge eher zugeben, nicht abgestimmt zu haben. Ist dies in Ihren Augen auch plausibel?
Theoretisch ist dies gut vorstellbar. Man kann annehmen, dass die normative Verankerung, ein guter Bürger zu sein und deshalb regelmässig abstimmen zu müssen, bei der älteren Generation stärker vorhanden ist. Dies würde tatsächlich dazu führen, dass wir die Stimmbeteiligung der jüngeren unterschätzen und jene der älteren überschätzen. Die grosse Frage ist aber, wie gross dieser Effekt ist. Um dies zu klären, müssten wir wissen, wer in welchem Masse Falschangaben gemacht hat – und diese Angaben liegen für die ganze Schweiz nicht vor.

Die Umfragen für die VOX-Analyse werden per Festnetz durchgeführt. Gerade Jüngere verfügen teilweise nicht mehr über einen Festnetzanschluss. Kann es denn nicht sein, dass jene, die über keinen Festnetzanschluss verfügen, ein anderes Stimmverhalten zeigen?
Es gibt keine einzige Studie, die dies belegt. Wir gehen im Moment davon aus, dass dies nicht das zentrale Problem ist.

Wieso weiten Sie die Umfrage nicht auf Mobiltelefone aus?
Es wäre durchaus interessant, die Umfrage über das Fest- und Mobilnetz parallel durchzuführen. Allerdings müssten wir den VOX-Fragebogen um etwa die Hälfte kürzen, denn länger als 10 Minuten dauernde Umfragen sind am Handy praktisch nicht durchführbar. Solange wir keinen Hinweis darauf haben, dass sich Unterschiede im Stimmverhalten niederschlagen, werden wir den Fragebogen nicht mutwillig verkürzen und die Aussagekraft der VOX-Analyse künstlich verringern.

Technisch wäre es aber möglich?
Unter erschwerten Bedingungen. Wer einzig über ein Handy verfügt und seine Nummer nur noch im persönlichen Freundeskreis weitergibt, ist unter Umständen für uns gar nicht erreichbar. Die Befragung via Handy würde also neue Probleme mit sich bringen.

Was bedeutet die Ungewissheit über die Stimmbeteiligung bei den Jungen für die Aussagekraft der restlichen Resultate der VOX-Analyse? Sind bei diesen genauso Verzerrungen möglich?
Die Erfahrung zeigt, dass die Verzerrung bei der Stimmbeteiligung beträchtlich ist. Was die restlichen Resultate angeht, erscheint uns dies jedoch unproblematisch. Was man gestimmt hat, sagt man heutzutage in der Regel relativ offen. Auch die regelmässig in der VOX-Analyse sichtbar werdenden und im Vorfeld prognostizierbaren Konfliktmuster beweisen uns, dass wir da kein Problem haben.

Befürchten Sie, dass diese Diskussion nun Ihrer Glaubwürdigkeit bei den Umfragen vor den Abstimmungen schaden könnte?
Dafür sehe ich keinen Anlass.

Wie erhielte man vollkommen zuverlässige Resultate über die Stimmbeteiligung?
Ganz einfach: Man müsste eine nationale Statistik über die Stimmbeteiligung nach Alter, Geschlecht und Einkommen schaffen. Dazu bräuchte es eine gesetzliche Grundlage, beauftragt werden müsste das Bundesamt für Statistik.

Die Erfassung dürfte insbesondere auch für die Gemeinden sehr aufwendig sein. Eine einfachere Lösung sehen Sie nicht?
Der Aufwand ist tatsächlich rasch höher als jener für die ganze VOX-Analyse. Man könnte sich allenfalls überlegen, eine repräsentative Auswahl von Gemeinden zu treffen. Doch der Umgang mit den Stimmrechtsausweisen ist heute kantonal unterschiedlich geregelt, was manchen Gemeinden die Teilnahme verunmöglichen dürfte. Sicher aber ist es keine Lösung, nur die Werte aus den Städten zu nehmen. Ich habe jedoch heute mit dem Assistenten von Marco Steenbergen telefoniert und mit ihm eine neue Idee entwickelt, die allerdings in eine andere Richtung zielt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.04.2014, 17:34 Uhr)

Die VOX-Analyse

Die VOX-Analyse basiert auf der telefonischen Befragung einer Stichprobe von Stimmberechtigten und gibt Auskunft über die Motive der Abstimmenden sowie das Abstimmungsverhalten der jeweiligen Parteilager. Durchgeführt werden die Befragungen durch das Forschungsinstitut GFS Bern, das von Politologe Claude Longchamp geleitete wird. Analysiert wurden die Daten vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Genf.

Die VOX-Analyse zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar ergab eine tiefe Stimmbeteiligung der jungen Stimmberechtigten von 17 Prozent. Die tiefe Stimmbeteiligung wurde in der Folge breit diskutiert, inzwischen aber von verschiedener Seite in Frage gestellt.

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