Die IV als Laufbahn-Killer

Für ihre Arbeit als Geologin ist die sehbehinderte Barbara Müller auf Hilfsmittel angewiesen. Die will ihr die IV nun streichen. Der Fall zeigt exemplarisch: Das Reglement kommt vor dem Potenzial der Betroffenen.

Sehbehinderte sind für die Arbeit am PC auf teure Geräte angewiesen: Spezielle Computertastatur mit Braille-Anzeige. (Archiv)

Sehbehinderte sind für die Arbeit am PC auf teure Geräte angewiesen: Spezielle Computertastatur mit Braille-Anzeige. (Archiv) Bild: Keystone

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Es gibt Menschen, die ihr Leben lang vergeblich nach einer Berufung suchen. Barbara Müller hat sie gefunden – als Geochemikerin. In diesem naturwissenschaftlichen Fach werden Gesteine mit chemischen Methoden analysiert. Letztlich geht es darum, die Entstehung des Universums, des Sonnensystems und damit der Erde besser zu verstehen.

Nach dem Studium der Geologie hatte Müller 1999 an der ETH Zürich in den Erdwissenschaften promoviert. Anschliessend war sie mehrere Jahre in Schweden und Deutschland wissenschaftlich tätig. Im Oktober 2002 kehrte sie zurück und trat am ETH-Institut für Geotechnik eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an – wie üblich bei Postdocs mit einem Arbeitsvertrag, der auf ein Jahr befristet war.

«Ich kann sie wärmstens empfehlen»

Ihr Doktorvater Terry Seward bezeichnet sie als «exzellente multidisziplinäre Geochemikerin», die «für jede Forschungsgruppe auf unserem Fachgebiet wertvoll wäre – ich kann sie wärmstens empfehlen». Eine Professorin hält ihre ehemalige Mitarbeiterin für «geeignet, ihr gründliches und umfassendes Wissen als Dozierende weiterzugeben».

Das Problem ist, dass Barbara Müller in ihren beruflichen Möglichkeiten zunehmend eingeschränkt ist. Sie leidet unter einer erblichen Netzhautdegeneration, die zur Erblindung führen kann. Für ihre wissenschaftliche Arbeit benötigt sie Hilfsmittel, beispielsweise einen Computer mit Vergrösserungs- und Vorlesesoftware sowie spezielle Fernsehlesegeräte. Auch ist sie auf einen Vorleser angewiesen, weil die Benützung des PC ihre Augen nach einiger Zeit überanstrengt. Dank dieser Hilfsmittel konnte sie sich eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent erhalten, selbst nachdem sie Anfang 2007 eine zentrale Lungenembolie nur knapp überlebt hatte.

Aktiv und begabt

Trotz ihrer Krankheit ist die 49-jährige Thurgauerin äusserst aktiv: Ihre Hobbys sind Reisen, Klettern, Skitouren, Snowboarden und Trekking. Sie hat 25 Jahre Erfahrung als Führerin von Trekkinggruppen in Nepal, unter anderem für Blinde und Sehschwache, wobei sie sich stets von Einheimischen begleiten lässt.

Sie spricht Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Schwedisch, Nepalesisch und Tibetisch, fährt Velo, macht Krafttraining, liest Bücher, spielt Akkordeon und ist auch politisch engagiert: 2006 wurde sie Präsidentin der SP-Sektion Adorf, kürzlich hat sie den Sprung in den Thurgauer Kantonsrat geschafft.

Reglement wichtiger als das Potenzial

Bisher hat ihr die Invalidenversicherung (IV) den Vorleser und technische Hilfsmittel für jährlich 10'000 bis 15'000 Franken finanziert. Nun will sie ihr per Ende Mai den Vorleser streichen – ein billigeres Notebook tue es auch. Müllers Spezialsoftware läuft allerdings nur auf einem leistungsstarken Laptop, und ohne Vorleser müsste sie die Arbeit an ihrer Habilitation abbrechen. «Das wäre für mich eine Katastrophe», sagt sie. Zu habilitieren, sei ihre einzige Chance, sich im Forschungsbetrieb zu etablieren, eine Anstellung zu finden und finanziell unabhängig zu werden.

Der Fall Müller zeigt exemplarisch, wie schwer sich die IV mit der Integration von gesundheitlich handicapierten Menschen tut. Im Vordergrund steht nicht das Potenzial der Betroffenen, sondern der Buchstabe des Reglements.

750 Franken pro Monat

Anfang 2003, als die befristete Anstellung bei der ETH zu Ende ging, meldete sich Müller vorsichtshalber bei der Arbeitslosenkasse und der IV. Sie bat um Unterstützung bei der Arbeitsplatzerhaltung, nötigenfalls auch bei der Arbeitsvermittlung oder Umschulung. Die regionale Arbeitsvermittlung RAV nahm Müller in ein Qualifikationsprogramm auf.

Fortan zahlte ihr die Arbeitslosenkasse Taggelder für die wissenschaftliche Arbeit, die sie an der ETH weiterführen konnte. In sieben Jahren erhielt sie dort insgesamt elf befristete Arbeitsverträge, dazwischen war sie immer wieder stellenlos; zuweilen sprang der Überbrückungsfonds der ETH-Personalabteilung ein. Die IV, die ansonsten untätig blieb, zahlte ihr eine Teilrente von 750 Franken pro Monat.

Abdrängen in die Nische

Ende 2009 lief der elfte und letzte Arbeitsvertrag an der ETH aus. Zu einer festen Anstellung kam es nicht. Man beschäftige permanent 4000 Wissenschafter auf befristeter Basis und könne nur ganz wenige, international anerkannte Forscher fest verpflichten, sagten die Verantwortlichen. Die ETH bot Müller eine Tätigkeit im Bereich Literaturrecherche / grafische Arbeiten an.

Sowohl der Vertrauensarzt der IV wie auch ihre Augenärztin rieten aus medizinischen Gründen davon ab. Müller hätte den Job aber auch deshalb nicht angenommen, weil sie sich als gesundheitlich handicapierte Frau nicht in die Nische der sogenannt «behindertengerechten Arbeit» abdrängen lassen, sondern Wissenschaftlerin bleiben wollte.

Mehr als 600 Bewerbungen geschrieben

Während die Berufs- und Studienberatung des Kantons Zürich Mitte 2009 in einer Abklärung zum Schluss kam, Müller solle bei ihrer Stellensuche «nichts unversucht lassen, um ihre berufliche Spezialisierung als Geologin/Geochemikerin in einer geeigneten Forschungsinstitution weiterhin einsetzen zu können», vertrat die IV den gegenteiligen Standpunkt: Müller solle ihren Traum vom Verbleib in der Wissenschaft endlich begraben und sich um eine andere Stelle bemühen.

Die IV beauftragte eine Personalvermittlungsfirma mit der Suche nach einem Arbeitsplatz ausserhalb der Wissenschaft und liess sich die Aktion 24'000 Franken kosten. Das Unterfangen scheiterte. Klar wurde lediglich, wie gering Müllers Chancen auf Arbeit ausserhalb ihres Spezialgebietes sind. Inzwischen habe sie mehr als 600 Bewerbungen geschrieben, sagt sie. Alle seien abgelehnt worden. Meist mit dem Argument, man habe jemanden vorgezogen, «der unserem Anforderungsprofil vollständig entspricht».

Weiterkämpfen dank Stiftungen

Seit sie im April 2011 ausgesteuert worden ist, bestreitet Barbara Müller ihren Lebensunterhalt mit dem Geld zweier privater Stiftungen, die ihr die Arbeit an der Habilitation bis April 2013 finanzieren. Müller geht davon aus, dass sie die Hochschulprüfung bis dahin schafft. Zur Vorbereitung auf die angestrebte Lehrtätigkeit als Professorin oder Senior Researcher an einer Schweizer Universität oder Fachhochschule hat sie zudem eine Ausbildung in Didaktik begonnen.

Umso härter trifft sie nun der Entscheid der IV, ihr die dringend benötigten Hilfsmittel zu streichen – mit der Begründung, sie sei seit dem Abgang bei der ETH nicht mehr erwerbstätig und habe deshalb kein Anrecht mehr darauf. Nach Ansicht der IV ist eine Habilitation «lediglich ein aus Eigeninitiative heraus erarbeitetes Elaborat, wodurch kein Einkommen erzielt wird und welches dazu dient, auf der akademischen Karriereleiter aufzusteigen».

«Auf Eigeninitiative verzichten sollen»

Der Thurgauer Amtschef Anders Stokholm hält fest, die IV übernehme «keine Kosten für eine Ausbildung, die keine Aussicht auf eine spätere wirtschaftliche Verwertbarkeit der Arbeitsleistung bietet». Versicherte hätten im Rahmen ihrer Schadenminderungspflicht auch andere zumutbare Tätigkeiten anzunehmen. Auf den Einwand, dass sich Müller bereits 600-mal vergeblich beworben und ausserhalb der Wissenschaft offensichtlich keine Chance auf Beschäftigung habe, entgegnet Stokholm: «Es ist nicht Sache der IV, dazu Stellung zu nehmen, weil ganz viele Umstände – behinderungsbedingte und andere, seien es persönliche oder arbeitsmarktliche – zu einer Anstellung oder Nichtanstellung führen.»

Barbara Müller ist nach langen, zermürbenden Auseinandersetzungen enttäuscht von der IV, deren Ziel es doch sei, Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Sie sagt: «Im Grunde genommen hätte ich auf jede Eigeninitiative verzichten und unmittelbar nach dem Studium eine volle Invalidenrente beantragen sollen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.05.2012, 16:05 Uhr)

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