Schweiz

Die Irrfahrt der SBB

Von Hansueli Schöchli. Aktualisiert am 28.05.2009 53 Kommentare

Die SBB lassen den Zweiten Weltkrieg neu aufleben. Dies dachte jedenfalls die polnische Botschaft in Bern. Sie hat gegen ein hunderttausendfach gedrucktes SBB-Werbesujet protestiert.

So sieht das abstrakte Europa auf dem SBB-Werbesujet aus.

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Dieses zeigt eine Europakarte, auf der Polen nicht zu existieren scheint – und Deutschland direkt an Russland grenzt. «Entdecken Sie die Schweiz.» Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie steht auf der Vorderseite der Umschläge, welche die SBB Käufern von internationalen Billetten in die Hand drückt.

Auch die Rückseite, die Werbung für den SBB-Geldwechsel macht, erscheint zunächst kaum der Rede wert. Da ist der harmlose Werbespruch («SBB Change – die Welt für Ihr Feriengeld»), und da ist als Bildsujet eine Weltkugel, die Teile Europas, Asiens und Afrikas zeigt. Alles unverfänglich, so scheint es auf den ersten Blick.

«Polen, Tschechien ausradiert»

Doch jemand hat ein zweites Mal hingeschaut – und dabei Ungeheuerliches entdeckt: Die SBB lassen Europas dunkelstes Kapitel im 20. Jahrhundert neu aufleben. Zentraleuropa scheint auf dem abgelichteten Globus im Wesentlichen aus Deutschland zu bestehen – dessen Reich bis an die Grenze zu Russland bzw. zur Sowjetunion reicht (vgl. Bild). Und Polen? Oder Tschechien? Oder die vielen anderen osteuropäischen Staaten? Fehlanzeige.

Die Sache ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das fand jedenfalls ein Pole, der bei seiner Botschaft in Bern intervenierte – und dabei auf offene Türen stiess. Die abgebildete Karte «erinnert an den 2. Weltkrieg», sagt ein Vertreter der polnischen Botschaft im Gespräch: Er verweist auf den «Molotow-Ribbentrop-Pakt» von 1939 – den Nichtangriffspakt, in dem Deutschland und die Sowjetunion Europa in ihre Interessensgebiete aufteilten. «Da sind wir sehr sensibel», sagt der Botschaftsvertreter.

Die historischen Hintergründe wurden nicht beachtet

Die Sache war der Botschaft ernst genug, um bei den SBB direkt zu intervenieren – um nicht zu sagen zu protestieren. «Wir haben der polnischen Botschaft vor einigen Wochen mit einem Brief geantwortet», sagt SBB-Sprecher Roland Binz. Das abgebildete Sujet bezeichnet er als «Wasserball in abstraktem Weltkugel-Design». «Abstrakt» kann man dies gewiss nennen – wenn selbst grosse Länder wie Polen in der Versenkung verschwinden.

«Die Produktverantwortlichen haben bei der Sujetauswahl bedauerlicherweise die historischen Hintergründe nicht beachtet», ergänzt SBB-Sprecher Binz: «So war ihnen leider nicht bewusst, dass dieser abstrakte Wasserball die Gefühle polnischer Staatsangehöriger oder solcher anderer Länder verletzten könnte. Das war nie unsere Absicht. Es tut uns sehr leid, wenn dem so war.»

Die SBB haben sich auch bei der polnischen Botschaft direkt entschuldigt – und zugesichert, diese Billettumschläge künftig nicht mehr zu drucken. Die Auflage des Sündenfalls schätzt die SBB auf «mehrere hunderttausend Stück». Sie sei allmählich am Auslaufen: «In den nächsten Wochen werden neue Billetttaschen mit anderen Sujets gedruckt.» Und dann die beruhigende Schlussbotschaft: «Das alte Sujet mit dem Wasserball wird also demnächst Geschichte sein, nachdem es einige Jahre ohne jegliche Beanstandung im Umlauf war.»

Fehltritt war keine Absicht

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Die polnische Botschaft will zwar noch nicht sagen, ob sie mit der Antwort der SBB zufrieden ist. Doch immerhin anerkennt die Botschaft, dass die SBB ihren diplomatischen Fehltritt «wahrscheinlich nicht absichtlich» begangen haben. Die Chancen stehen damit gut, dass Polen die Sache auf sich beruhen lässt – und dass die SBB ihre nächsten Marketingprojekte mit sensibler in Angriff nehmen.

Einen zusätzlichen Trost kann man den Polen noch offerieren: Das besagte SBB-Werbesujet hat auch die Schweiz von der Weltkugel geputzt. Den eingangs erwähnten Aufruf der SBB mögen sich die Verantwortlichen der Bundesbahnen deshalb am besten selbst hinter die Ohren schreiben: «Entdecken Sie die Schweiz.» (Der Bund)

Erstellt: 28.05.2009, 12:04 Uhr

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53 Kommentare

Leo Stern

28.05.2009, 10:26 Uhr
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Die SBB hat einen Wasserballon photographiert. Also soll sich Polen an den Wasserballonhersteller wenden. So einfach. Antworten


Beppo Leitl

28.05.2009, 10:44 Uhr
Melden

Also etwas seltsam ist die Karte schon, wenn, dann könnte man doch die tatsächlichen Kontinentalgrenzen nehmen, und nicht halb Europa, inklusive Baltikum, Ukraine, etc. nach Asien verschieben? Die Binnenmarktgrenzen sind das übrigens nicht. Ebensowenig kann es mit dem 2. Weltkrieg zu tun haben, wie kommt man darauf? Es ist ganz (West-)europa vereint! Und London steht quer über Belgien... Antworten



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