Kinder mit zur Jagd – Überforderung oder Gewinn?

Eine Initiative im Kanton Graubünden will, dass unter 12-Jährige nicht mehr auf die Jagd mitgenommen werden dürfen. Was Naturpädagoge Matthias Wüst davon hält.

Wenn Kinder den Tod von Tieren erleben: Tochter und Vater mit einem erlegten Hirsch in einem amerikanischem Jagd-Video auf Youtube.

Wenn Kinder den Tod von Tieren erleben: Tochter und Vater mit einem erlegten Hirsch in einem amerikanischem Jagd-Video auf Youtube. Bild: Youtube/GrowingDeer.tv

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Unter 12-jährige Kinder dürfen nicht mehr auf die Jagd mitgenommen werden: Das ist eine der Forderungen der Initiative «Für eine naturverträgliche und ethische Jagd». Die Initiative wurde diesen Monat im Kanton Graubünden vom Verein Wildtierschutz Schweiz eingereicht und zielt auf eine strengere Reglementierung der Jagd. Wenn sie vom Bündner Stimmvolk angenommen würde, gälte künftig auf der Pirsch beispielsweise auch ein Alkoholverbot, und Jäger müssten regelmässig Fähigkeitstests absolvieren.

Das Töten trage nicht zum Naturverständnis der Kinder bei, begründete Marion Theus, Präsidentin des Vereins Wildtierschutz Schweiz, in der SRF-Sendung «10vor10» ihr Anliegen. Vielmehr würden sie auf der Jagd im Umgang mit Tieren abgehärtet. Die Kinder seien zudem noch nicht ausreichend kritisch, um die Handlungen des eigenen Vaters zu hinterfragen. Ein Bündner Jäger, der regelmässig mit seinen beiden Söhnen auf die Pirsch geht, meinte dagegen im Beitrag, seine Kinder würden auf diese Weise die Faszination Natur erleben. Sie lernten, Ehrfurcht vor dem getöteten Tier zu haben, es zu respektieren. Woraufhin die Tierschützer konterten, sich einem selbst erlegten Tier gegenüber ehrfürchtig zu zeigen, sei ein Widerspruch. So weit die Positionen der Interessenvertreter. Doch was ist aus pädagogischer Perspektive von der Jagd mit Kindern zu halten?

Den Sinn der Jagd vermitteln

Matthias Wüst ist Naturpädagoge und Wildbiologe. Er organisiert Naturexkursionen für Kinder. Mit Schulklassen, Ferienlagern oder Familien geht er auf Maussafaris, auf Bibertouren oder zur Wildschwein- und Rehbeobachtung. Er sagt: «Mit den Kindern auf die Jagd zu gehen, ist nicht per se negativ. Voraussetzung ist aber, dass sie dabei sehr gut begleitet werden.» Der Vater müsse die Abläufe genau erläutern und seinen Kindern alle Fragen im Detail beantworten. «Das heisst, die Familie nähert sich dem Wild gemeinsam an, beobachtet es, nimmt es nach dem Abschuss aus und transportiert es zusammen ab», sagt Wüst. «Die Jagd ist also keine Frage des Alters, sondern der adäquaten Begleitung.»

Wichtig sei ausserdem, den Kindern den Sinn der Jagd zu vermitteln – dass es nicht um den Akt des Tötens gehe, sondern um das Fleisch des Tieres. In dieser Hinsicht stellt Wüst fest, dass gesamtgesellschaftlich eine Verdrängung stattfinde: «Das Töten findet heute anonymisiert und unsichtbar im Schlachthaus statt. Die Tiere werden dort abgegeben und kommen später als verarbeitetes Fleisch heraus.» Doch ein Besuch im Schlachthaus könne für Kinder weitaus dramatischere Folgen haben als die Jagd. «Ein Sterbeort, in dem Massentötungen stattfinden, ist weitaus brutaler als ein gezielter Abschuss in freier Natur», findet Wüst.

Ritual beim toten Tier

Trotzdem kann er sich aufgrund seiner Erfahrung Momente vorstellen, in denen es den Kindern zu viel werden könnte. Dann etwa, wenn ein Tier schreie, zucke, einen Todeskampf habe. Daher sei es wichtig, dass sie sich jederzeit abwenden könnten. Zudem sei es Kindern ein Anliegen, Tiere würdig zu verabschieden. Auf seinen Exkursionen führt Wüst daher manchmal Mausbestattungen durch. Ein Ritual beim toten Tier sei auch auf der Jagd unerlässlich, sagt er. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.10.2014, 14:44 Uhr)

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