Die Klinik und die Detektive

Privatermittler spionieren im Auftrag des Herzzentrums Bodensee Mediziner und Journalisten aus. Sie operieren mit Legenden und mit Methoden, die in der Schweiz bislang unbekannt waren.

Tatort Bodensee-Klinik: Der Kreuzlinger Ableger des Herzzentrums (links). Bild: Screenshot: www.herz-zentrum.com.

Tatort Bodensee-Klinik: Der Kreuzlinger Ableger des Herzzentrums (links). Bild: Screenshot: www.herz-zentrum.com.

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Mathias Ninck ist ein Journalist, ein echter. Es gibt auch falsche.

Am ersten Advent 2013 klingelt bei Ninck im Tram das Handy. Der «Magazin»-Reporter hat kurz zuvor eine ausgedehnte Recherche über Missstände im Herzzentrum Bodensee publiziert. Es meldet sich ein gewisser Andreas Vones. Er sei ein Kollege aus Norddeutschland. Sein Anliegen schildert er kurz darauf per E-Mail: «Wir recherchieren im Verlagsauftrag für ein geplantes Buch die Hintergründe, Zusammenhänge und verwertbaren Detail-Informationen zu Gesundheits- und Finanzskandalen im Gesundheitswesen.» Die Ereignisse um das Herzzentrum, so schreibt Vones, «muss ich aufgreifen». «Es wäre sehr erfreulich, wenn Sie meine Wissenslücken mit Inhalt bereichern würden.»

Journalisten helfen sich oft aus, auch über Landesgrenzen. Für den Artikel, den Sie gerade lesen, hat der TA mit der «Süddeutschen Zeitung» zusammengearbeitet, denn Akteure im wahren Krimi sind in Deutschland und in der Schweiz operierende Privatdetektive mit einem skandalerprobten Chef aus München.

Doch «Magazin»-Journalist Ninck kommt es im Advent 2013 komisch vor, dass Anrufer Vones in einem zweiten Gespräch ohne grosse Umschweife nach Informanten aus dem Herzzentrum fragt. Quellenschutz ist im investigativen Journalismus das A und O, sogar gegenüber bewährten Recherchepartnern. Und erst recht gegenüber Fremden.

Sonderbare Anrufe erhalten Journalisten öfter, gerade wenn es nach einem Artikel irgendwo drunter und drüber geht. Wie im Herzzentrum. Dort haben Spannungen, die schon lange bestanden, zugenommen seit den Enthüllungen im «Magazin». Die Klinikleitung hat den Tarif durchgegeben: Wer mit der Presse redet, der fliegt. Einige Ärzte stehen zwar auf der Abschussliste. Nur kann man ihnen nichts nachweisen.

Sprecher des Soldatenfriedhofs

Doch wer ist Andreas Vones, der sich so für Informanten aus der Klinik interessiert? Wer nachforscht, stösst auf eine bemerkenswerte Biografie. In den 80er- und 90er-Jahren war Vones nachweislich als Fotograf unterwegs. Bisweilen schrieb er auch Texte. Auf seiner Webseite listet Andreas Vones als «Investigative Storie Highlights» ein Dutzend Texte auf, darunter «Plön/Kiel: Der Wahnsinnspaddler mit Tochter im Atlantik verschollen».

In einem mittlerweile gelöschten Wikipedia-Eintrag über Vones ist die Rede von einer «Reportage mit und über Pablo Escobar, seinerzeit der weltweit grösste Drogenbaron». Aus dem neuen Jahrtausend sind nur noch wenige Publikationen ersichtlich, darunter das Kinderkochbuch «Hier kochen wir! Expedition ins Reich der Töpfe». Hinweise auf neue «Investigative Storie Highlights» fehlen.

Andreas Vones ist als Pressesprecher der Monte Cassino Stiftung aufgetreten, die sich dafür einsetzt, dass ein deutscher Soldatenfriedhof in Italien aus dem Zweiten Weltkrieg «als Mahnmal» erhalten bleibt.

«Magazin»-Reporter Ninck weiss das alles nicht, aber sein Instinkt sagt: Da ist etwas faul. Er gibt keine Namen preis, denn Quellen gehören geschützt. Um Missstände wie jene am Bodensee aufzudecken, braucht es Whistleblower. Ohne Informanten wüsste heute niemand, dass Verantwortliche der Klinik mit Standorten in Konstanz und Kreuzlingen die Leiche eines Flüchtlings über die Grenze schmuggeln liessen. Ohne Insider, die im Vertrauen auf ihren Schutz reden können, würde sich die Thurgauer Staatsanwaltschaft kaum um die Vorgänge nach dem Tod des Tamilen kümmern. Auch wüsste sie nichts von angeblich überteuert abgerechneten medizinischen Leistungen durch eine Zuger Briefkastenfirma der Herzzentrum-Leitung.

Das sind Verdachtsmomente, denen die Schweizer Strafverfolgung nachgeht. Die Klinik spricht von weitgehend ungerechtfertigten Vorwürfen – auch bei jenen, welche die Konstanzer Staatsanwaltschaft untersucht: Verdacht auf illegale Einfuhr von Herzklappen; auf Unregelmässigkeiten bei Arbeitsabrechnungen; Tätigkeit eines vorbestraften Zürcher Chefarztes, der auf der deutschen Seite vermutlich keine Zulassung besass.

Leute attackieren

Vier Tage nachdem «Magazin»-Reporter Ninck Andreas Vones abgewimmelt hat, tobt der Orkan Xaver. Es stürmt und schneit, als Vones, der sagt, er wohne in der Holsteinischen Schweiz, hinter dem Steuer Richtung richtige Schweiz sitzt. Am Abend des 5. Dezember 2013, nach einer Reise durch Deutschland im Wintersturm, sitzt Vones bei einem jungen Arzt der Herzklinik daheim im Arbeitszimmer und fragt ihn aus für sein angebliches Buchprojekt.

Kurz darauf sitzt schon der nächste Besucher bei Dr. S. im Arbeitszimmer, der sagt, er sei Journalist. Er nennt sich Peter Köhler, hat einen Blumenstrauss für die schwangere Ehefrau mitgebracht, als er am 13. Dezember 2013 am Bodensee aufkreuzt und behauptet, er arbeite für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) an einer Dokumentation über «die europäische Krankenhausmafia». Auf der Visitenkarte steht «Medienrecherche und Filmdokumentation». Das Kärtchen ist eine Fälschung.

Zuerst gibts Kaffee in der Konstanzer Dachwohnung und Small Talk. Dann erklärt Dr. S., warum ihm Anonymität so wichtig ist: Die Klinikverantwortlichen könnten sich sonst verteidigen, indem sie Leute wie ihn «einfach attackieren, diskreditieren». Der junge Arzt erzählt seinem Besucher auch, dass die Klinik ihre Mitarbeiter überwache. «Da unten», vor seiner Haustür, sagt er, «steht immer ein BMW, ein dunkler mit Thurgauer Kennzeichen.»

Dr. S. ahnt nicht, dass Peter Köhler kein Journalist ist, sondern Privatdetektiv. Er heisst auch nicht Peter Köhler, sondern Andreas Fleischmann. Und er arbeitet mit einem Schweizer Partner zusammen: mit dem im Thurgau aufgewachsenen Peter C. Stelzer, der am Anfang seiner Detektivkarriere BMW fuhr. Die Attacke und das Diskreditieren sind bereits im Gang. Die Klinik schlägt zurück. Mit Wucht. Sie hat die Detektive losgeschickt. Doch das ist nicht alles. An einer Pressekonferenz im Januar prangert sie Ärzte an, die sich den falschen Journalisten offenbart haben.

Es sei darum gegangen, rechtfertigt die Spitalleitung die umstrittenen Aktionen, «gestohlene Schriftstücke» und «desavouierende Mitarbeiter ausfindig zu machen». Publik gemacht werden vor den Medien allerdings nur für die Whistleblower unvorteilhafte Ausschnitte aus den Gesprächen mit den Privatermittlern, die unter dem Siegel der Verschwiegenheit geführt wurden.

Anderes, was die Beweggründe der Ärzte erklären würde, wird weggelassen. Das Herzzentrum versucht zusammen mit einem Krisenkommunikationsbüro, den Eindruck zu erwecken, die Informanten seien rücksichtslose, eigennützige Putschisten, die ihren Arbeitgeber schädigen wollten, um «eine eigene Klinik aufzumachen». Wer die kompletten Gesprächsabschriften liest, bekommt einen anderen Eindruck. Die 139 Protokollseiten zeigen: Den Ärzten geht es in erster Linie darum, gegen Missstände anzukämpfen.

Was darf ein Detektiv?

Die Klinik, deren Ruf zu leiden droht, erstattet trotzdem Anzeige gegen ihre langjährigen Mitarbeiter. Als Tatbestände nennt sie Diebstahl, üble Nachrede, Verletzung des Privatgeheimnisses, Beleidigung von Vertretern ausländischer Organe – dies, weil sich S. im vertraulichen Gespräch auch negativ über den Thurgauer Gesundheitsdirektor Bernhard Koch geäussert habe.

Doch wie weit dürfen Detektive eigentlich gehen? «Der Einsatz von Legenden ist erlaubt», sagte Peter C. Stelzer 2012 in einem TA-Interview. Was Legenden seien, wurde er gefragt. «Erfundene Biografien, die man benützt, um an weitere Informationen zu kommen. Ein Mittel, das auch Geheimdienste oder die Polizei anwenden.» Doch die Sache ist nicht so eindeutig: In den Standesregeln verpflichtet der Fachverband Schweizerischer Privatdetektive seine Mitglieder (darunter Stelzer), «in ihrem gesamten Auftreten (...) keine Täuschungen vorzunehmen».

Als «grob standeswidrig» gilt es, «Auftraggeber, Informanten, Auskunftspersonen, Zeugen, Mitarbeiter oder Berufskollegen in irgendeiner Art und Weise zu täuschen (...) oder Unwahrheiten zu verbreiten». Stelzer wollte sich zum Einsatz am Bodensee nicht äussern. Allgemein, so teilt er mit, bewegten sich seine «Ermittlungen im Rahmen der geltenden Gesetze des jeweiligen Landes».

Ob das auch der Fall ist beim vielleicht persönlichkeitsverletzenden einseitigen Abspielen von Off-the-Record-Aufnahmen? Darf man das, wenn die Gesprächspartner bei der Verabschiedung nochmals betonen, man müsse alles «vertraulich behandeln, auch das Tonmaterial»? Man müsse sich hüten vor der Klinikleitung, «die sind gefährlich». So geschehen am 19. Dezember 2013 daheim bei einem Ex-Chefarzt des Herzzentrums.

Aus Stelzer wird Mauerhofer

Stelzer, der Geschäftsführer der Detektei Ryffel mit Sitz in Frauenfeld, Zürich und Zug, ist dort als Max Mauerhofer zu Gast gewesen. Er und sein Berliner Begleiter Fleischmann, so schreibt die Klinik, seien «frühere Polizeibeamte», die «darauf spezialisiert sind, bei unlauteren Angriffen auf Unternehmen Hintergründe zu ermitteln». In Porträts über Stelzer ist jeweils die Rede von einem abgebrochenen Jurastudium und einem Job bei einer Unternehmensberatung.

Im Hintergrund die Fäden gezogen hat beim Bodensee-Einsatz die CIM GmbH & Co KG aus München. Die «Beratungsgesellschaft im Sicherheits-, Krisen- und Risikomanagement» wird geführt von Stefan Kiessling, der in seiner Vergangenheit Journalismus und Detektivwesen vermischt hat. Der bayerische Kaufmann war die Hauptfigur in einem Skandal, der als «Buntegate» in die deutsche Pressegeschichte einging. Mitarbeiter seiner damaligen Fotoagentur CMK, darunter ein ehemaliger Stasi-Wachmann, hatten deutschen Spitzenpolitikern nachgestellt, um deren Privatleben auszuforschen. Ziel: Aufnahmen mit jüngeren Geliebten.

Zu den Überwachungsmethoden, die in Berlin avisiert wurden, sollen eine Fussmatte mit Bewegungsmeldern vor der Wohnung von SPD-Mann Franz Müntefering und eine fixe Kamera auf einem Boot gegenüber von Oskar Lafontaines Bleibe gehört haben. Als die Bespitzelungsversuche 2010 aufflogen, distanzierte sich die Illustrierte «Bunte» von den Methoden, von denen sie nichts gewusst habe. Kiessling machte zwei Freelancer für das Herumschnüffeln verantwortlich. Aus dem Deutschen Journalisten-Verband trat er nach «Buntegate» aus. Begründung: Er sei «nicht mehr journalistisch tätig».

Ein – echter – Reporter der «Süddeutschen Zeitung» hat nun den Sitz von Kiesslings neuer Firma CIM besucht. Dort sind nur zwei Vorzimmerdamen zu sprechen. Als der Journalist losfährt, bemerkt er einen dunklen Wagen im Rückspiegel, der ihm folgt, quer durch den Münchner Feierabend. Nach dem Aussteigen fällt ein Mann mit grau-blondem Kurzhaarschnitt auf, der ihm zuvor beim CIM-Eingang begegnet war. Immer wieder taucht der Herr am selben Abend auf, einmal mit einer Sporttasche, dann filmt er mit dem Handy, einmal hat er eine Brille auf.

Nützliche Ersatzpullover

Eine bekannte Detektiv-Masche. Wie hatte doch Peter C. Stelzer im TA-Interview preisgegeben: «Auch tagsüber muss man Ersatzkleider bei sich haben. Nur schon ein andersfarbiger Pullover kann sehr nützlich sein.» Und: «Wer sich falsch kleidet, riskiert, aufzufallen.»

Ein Blick ins Fotoarchiv zeigt: Der Verfolger sieht aus wie Stefan Kiessling, der den Einsatz für die Klinik am Bodensee bestätigt. Und die Verfolgung eines Journalisten durch eine Grossstadt? Er sei «wie jeden Tag zahlreichen Autos und Menschen ‹gefolgt›». Das «geht gar nicht anders in so einer belebten Stadt wie München». (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.03.2014, 06:39 Uhr)

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