Schweiz
«Die Leute sind fleissig und gehen in die Schule»
Interview Samuel Reber. Aktualisiert am 29.10.2009 26 Kommentare
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Blochers Reise
Christoph Blocher bereiste Nordkorea während zehn Tagen zusammen mit Frau Silvia und Tochter Rahel. Am 25. Oktober waren sie zurück.
Wie kamen Sie auf dieses Reiseziel?
Ich reise gerne in Länder, die etwas abgeschlossen sind. Sehen statt nur hören. So war ich schon in China in den frühen 80er-Jahren, in Russland und in der DDR.
Sie sind nun ein Nordkorea-Experte: Woran leidet das Land?
Das Problem bei diesen Ländern ist, dass sie ein extremes Sicherheitsbedürfnis haben, das man aus der Geschichte heraus verstehen muss. Nordkorea hatte chinesischen Feudalismus, war 40 Jahre lang von Japan besetzt und in den Korea-Krieg verwickelt. Dieses Land will unabhängig sein. Und ist umgeben von Atommächten, von Russland, von China und indirekt von den Amerikanern im Süden. Die Nordkoreaner haben ständig Angst vor einem Angriff. Und das spürt man.
Befürworten Sie gar Kim Jong-ils Streben nach der Atombombe?
Nein, befürworten natürlich nicht. Wenn er die Bombe tatsächlich hat, dann haben wir auch Angst. Aber ich habe Verständnis für seine Anstrengungen. Die Regierung sagt sich doch: Wieso dürfen die Grossen Atombomben haben – und wir nicht? Die sagen sich: Atommächte greifen sich gegenseitig nicht an. Das ist das Gleichgewicht des Schreckens.
Konnten Sie mit der Bevölkerung sprechen?
Nein, mit der breiten Bevölkerung ist dies nicht möglich. Man würde die Leute in Schwierigkeiten bringen. Man kann abends auch nicht alleine raus. Ich hörte einmal Musik und ging allein in die Stadt. Das gab dann einen kleinen Aufruhr.
Demokratische Grundwerte werden in diesem Land doch mit den Füssen getreten. Das müsste gerade Sie wütend machen.
Wissen Sie, als Tourist sieht man solche Verletzungen der demokratischen Rechte nicht.
Haben Sie den Minister, den Sie getroffen haben, darauf angesprochen?
Nein. Ich habe ja in der Tat ein ausgeprägtes Demokratiebedürfnis und bin bekanntlich auch sehr empfindlich, wenn man sie in der Schweiz einschränkt. Aber ich bin kein Apostel und sage einem Land, das noch nie Demokratie hatte, das braucht ihr jetzt. Das widerspricht auch meinem Souveränitätsverständnis.
Haben Sie die Landbevölkerung gesehen?
So gut, wie man sie vom Zug und vom Auto aus eben sehen kann. In den Dörfern, die man besuchen darf, war die Situation geschönt dargestellt.
Welches war Ihre eindrücklichste Begegnung?
Man sieht, wie die Menschen nach der Reisernte auf den Äckern verzweifelt nach übrig gebliebenen Körnern suchen, so etwa Mütter mit ihrem Kind auf dem Rücken. Das ist schon beelendend.
Wie haben Sie eigentlich diese Reise gebucht?
Ich ging mit einer privaten Gruppe. Es waren alles Deutschschweizer, zehn an der Zahl. Man kann nicht frei reisen. Man kann Wünsche stellen, aber der Staat sagt, wo es durchgeht. Gebucht haben wir über das Schweizer Büro Background Tours. Der Reiseführer war der frühere Nachrichtensprecher Walter Eggenberger, der einmal in der Entwicklungshilfe in diesem Land tätig war.
Man hat Sie dann aber doch als Politiker erkannt.
Der Botschafter hat sich nach dem Visumsantrag gleich gemeldet. So habe ich dann auch Regierungsstellen besucht. Das war interessant und gut. Ich wollte auch schauen, ob man jetzt beginnen könnte, das Land wirtschaftlich zu erschliessen.
Und zu welchem Schluss kamen Sie?
Es ist noch viel zu früh, als dass sich jetzt die Wirtschaft öffnen würde. Sie versuchen es, indem sie Bauern kleine Grundstücke geben, deren Ertrag sie behalten dürfen. Aber da geht es um winzige Felder von 5 mal 20 Metern Grösse.
Hat das Land Potenzial?
Ich bin überzeugt, wenn Nordkorea die Landwirtschaft hin zu einer selbstverantwortlichen Marktwirtschaft mit privatem Eigentum öffnen würde, gäbe das ein blühendes Land. Die Leute sind fleissig und gehen auch in die Schule. Aber es ist eben die staatliche Planwirtschaft und darum funktioniert es nicht.
Wie lange geht es noch, bis westliche Investoren tätig werden können?
Es fehlt ja auch an der ganzen Infrastruktur. Elektrizität funktioniert vielerorts nicht. Aber wenn sich Nordkorea öffnet, und dazu wird es früher oder später gezwungen sein, dann kann es rasch gehen. So wie in China.
Sie gingen ja auch wandern. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich wollte in den Norden in die Berge. Das wurde bewilligt. Das ist übrigens die Gegend, wo die unterirdischen Atomversuche stattfanden. Dort kann man wandern. Aber nur auf Strassen, der Rest ist abgesperrt. Aber es hat keine Autos – von dem her ist es auch wieder angenehm…
Wie muss man sich diese Landschaft vorstellen?
Es war sehr schön. Bewaldete Hügel, die sich jetzt im Herbst sehr farbig zeigten. Auch ein Sandstrand, den wir gesehen haben, war sehr attraktiv. Aber das war nicht typisch, was man uns zeigte.
Gäbe es für den Tourismus Chancen?
Das wäre etwas vom ersten, das man nutzen könnte. Aber die Hotels in diesem Gebiet sind keine Hotels. Der Standard ist tiefer als in unseren SAC-Hütten.
Was kostet eigentlich so eine Reise?
Ach, das kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Meine Frau hat gebucht. Aber es ist ziemlich teuer.
Um die 20'000 Franken?
Ja, in diese Region geht es schon. Man zahlt alles mit Dollar oder Euro. Das haben sie gern. Landeswährung dürfen Sie nicht bei sich haben.
Wenn Sie dem Land drei Tipps geben könnten, was würden Sie Nordkorea raten?
Erstens den Sozialismus in der Wirtschaft einschränken, wie China das gemacht hat. Damit die Leute auch genug zu essen haben. Brecht sagte ja schon: Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral. Zweitens: Die Dezentralisierung vorantreiben. Und als drittes würde ich ein freiheitlicheres System empfehlen. Das geht dann hin zur Selbstbestimmung der Bürger und hin zu demokratischen Gemeinden. Ich habe den Nordkoreanern gesagt, ich würde ihr Sicherheitsbedürfnis verstehen. Aber mit der sozialistischen Planwirtschaft würden sie nie vom Fleck kommen. Aber die glauben halt noch daran.
Sind Reformen in absehbarer Zeit möglich?
Nein, ich denke nicht. Ich sehe keine Opposition. Und da die Leute ja nichts wissen und keine Medien und somit keine Vergleichsmöglichkeiten haben, können sie auch nichts Neues fordern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.10.2009, 11:10 Uhr
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26 Kommentare
Ich finde es toll, was das Ehepaar Blocher gemacht hat. Leider fehlt mir das Geld ähnliche Erfahrungen zu machen und ich muss mich anderen Domizilen begnügen. Die Schilderungen von Herrn Blocher zeigen mir, wie viel Respekt er vor der eigenen Entwicklung eines Landes zeigt und nicht unsere Verhältnisse als ideal für die ganze Welt darstellt. Respekt ist das Erste, was die Menschen brauchen. Antworten
@Maurer, denke Sie wissen, wie daneben Ihr Beitrag ist. Glauben Sie echt, die Dame EWS wird bei den Chinesen für voll genommen, wenn sie denen beibringen will, wie man Tibeter behandelt? Warum hatte denn keiner der BR's für den Dalai Lama Zeit? Ist es jetzt die Aufgabe unserer Regierung, dem einen System eine Verhaftung zu ermöglichen und das andere System zu Kritisieren? ChB hätte das nicht bejah Antworten
@ Hunziker: Da bin ich mir nicht sicher. Bisher war die Strategie, wirtschaftlichen Aufschwung zu ermöglichen und danach Forderungen zu stellen, erfolgreicher. China spricht heute wenigstens schon von Menschenrechten und Nachhaltigkeit... Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Blocher sagt im Online-Interview auch: Nicht das Regierungssystem ist das Hauptproblem, sondern das Wirtschaftssystem. Antworten
Ist schon brutal für all die, welche CB am liebsten als nicht-existent haben möchten. Jetzt wird die ganze Zeit über Ihn berichtet, obschon er doch abgewählt wurde. Tja über diesen wird sicher noch lange und viel berichtet (im Gegensatz zu seinen Kritikern und mir hier im Feedback). Antworten
Es gibt Menschen, die Leben in absolutem Überfluss und sind trotzdem nicht glücklich. Vielleicht gibt es doch auch in Nordkorea Menschen, die nicht wirklich unglücklich sind? Wieso braucht es überall die Globalisierung? Und wieso muss jedes Gebiet auf der Welt wirtschaftlich voll erschlossen sein? Klar, Diktaturen und Menschenrechtsunterdrückungen sollten mit aller Kraft bekämpft werden. Antworten
@Hans Graf: Denken Sie allen ernstes, dass der Ex-BR Blocher Erkenntnisse aus dieser Reise gewonnen hat, wenn er sich nicht frei bewegen durfte? Das ist in etwas so, als ob man Badeferien in der Ukraine macht und nie das Hotelareal verlässt. Auf der anderen Seite aber prahlt, die Ukraine und deren Kultur zu kennen. Meine Erkenntnis über Sie und der Ex-BR-Blocher möchte ich lieber nicht äussern. Antworten
Herr Ernst Pauli, netter und gepflegter wäre,nicht Blocher,sondern Herr Blocher.Ist doch natürlich,das die Medien fast immer wisssen,was Herr Blocher,und andere in der Oeffentlichkeit,etc. machen, für das sind Medien da. Ein guter Bericht des Tagis. So versteht man andere Länder besser. Antworten
Ich habe Nordkorea im Februar 2006 zusammen mit meinem Sohn bereist. Im Winter ,mit etwa gleichem Klima wie bei uns, erkennt man die Mängel der Planwirtschaft noch extremer. Statt nach Reiskörner wird überall nach Brennmaterial gesucht. Richtig und wichtig ist die Feststellung, dass dieses Land noch nie demokratisch war. Ein Öffnungsprozess wird deshalb viel Zeit und Geduld erfordern. Antworten
Danke Herr Blocher für die interessanten Eindrücke und Informationen. Trotzdem hoffe ich, dass Sie nicht viele Nachahmer finden, denn die Dollars und Euros der Touristen machen nur das menschenverachtende Regime reicher und helfen, es am Leben zu erhalten. Antworten
als tourist kann es einem egal sein, ob das bereiste land das eigene volk unterdrückt. einmal mehr hinter der schweizer neutralität verstecken + schauen, ob man denn nicht bald geschäfte mit dem regime machen könnte. ich bin schockiert, aber ehrlich ist herr blocher, er hat nie andere 'werte' vertreten. nur vergisst er u/schweizerwerte wie rechtsgleichheit, menschenwürde etc (s. bundesverfassung) Antworten
Vielleicht merkt Nordkorea doch noch, dass "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" auch für sie gilt. Ein Grundstück von 1 Are zur Selbstbewirtschaftung reicht leider noch nicht zur Selbstversorgung, geschweige denn zum Verkauf von Lebensmitteln an die Stadtbevölkerung. Hoffen wir, dass sie bald etwas von ihren Nachbarn lernen. Antworten
Ja ja, da sieht man es doch wieder. Wenn sich jemand in der Wirtschaft behaupten musste mit einem erfolgreichen Unternehmen, dann versteht man generelle Zusammenhänge sehr schnell und genau. Genau dieser Blickwinkel fehlt den Linken. Die beziehen hohe Löhne über Steuergelder. Treiben Intrigen und bekämpfen sich gegenseitig. Die Problem der CH interessiert die keinen Deut. Wann kommt das Grounding? Antworten
Was für eine absurde Reise, aber jedem wie es ihm gefällt. Ich bin ab und zu in der Gegend (Japan oder Süd-Korea), aber auf die Idee extra von der Schweiz aus nach NK wandern zu gehen, muss man erst mal kommen... In Japan hat man Angst vor NK, auch wenn deren Mittel beschränkt sind. Es gibt kein totalitäreres Regime als in NK. Interessant wird die WM, sollte Japan und NK gegeneinander spielen. Antworten
Zentrale Planwirtschaft? Nein danke! Aber der narrenfreie Markt des blinden egoistischen raffgierigen Homo Oeconomicus und seiner unsichtbaren Hand führt nur zu Raubbau und ruinösem Konkurrenzkampf. Wirtschaft ist ein existentieller Bereich der Gesellschaft. Genauso wie alle anderen so wichtigen Bereiche sollte sie direktdemokratisch gestaltet werden. Antworten
Endlich mal ein Politiker, der ein Land respektiert und nicht mit moralin-gesäuertem Gesicht missioniert und Fremden das Heil verspricht. Christoph Blocher hat vermutlich in dieser privaten Reise mehr Erkenntnisse gewonnen, als es unserer Ausseministerin bei ihren Besuchen in den potemkinschen Dörfern je vergönnt sein wird. Antworten
Dem Ex-BR hat das Nicht-Regieren gut getan. Ein offener und ehrlicher Bericht, auch mit der notwendigen Zurückhaltung. Und dann zitiert er auch noch Brecht... Vielleicht die neue Rolle von Ch. Blocher, eben das zu tun, wo die offizielle schweizer Politik im Augenblick ihre grössten Schwächen hat. Und ich bin sicher, dies ist der richtige Weg. Antworten
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Arthur Bassi
Wieso soll sich unser lieber ChB mit seinem "Reisebericht" nicht mediengerecht bemerkbar machen ? Dem Papst seine Reiseberichte werden ja auch allen serviert, ob es einem interessiert oder nicht ...... Antworten