Die Nationalräte Vischer und Müller bei den Verschwörern

Die grünen Politiker gaben dubiosen Reportern ein Interview, Vischer nannte Israel einen Schurkenstaat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Amateurreporter der Verschwörungsbewegung «We Are Change Switzerland» (WAC) zogen gleichzeitig zwei grosse Fische an Land: Sie bekamen die beiden grünen Nationalräte Daniel Vischer (Zürich) und Geri Müller (Aargau) vor die Kamera und konnten lange Interviews mit ihnen führen. Gesprächsthema war die Unterdrückung der Palästinenser in Gaza durch Israel. Die beiden Politiker und die Weltverschwörer fanden eine Gemeinsamkeit: ihren Zorn auf Israel. Für die Verschwörungstheoretiker sind die Juden Drahtzieher einer geheimen Weltregierung.

Deutsche Politik ist «pervers»

Die Interviews fanden an einer Demonstration gegen Israel im Januar in Zürich statt. Geri Müller argumentierte sachlich, sein Parteikollege Vischer hingegen garnierte seine Ausführungen mit markigen Sätzen. «Die deutsche Politik ist pervers», sagte er. «Deutschland ist mitschuldig an den Opfern in Palästina, denn ohne den Holocaust hätte es die Massenvertreibung im Gaza nicht gegeben.» Wegen der Schuldgefühle dulde die deutsche Regierung die Politik Israels. Weiter griff Vischer die Medien an: «Die Berichterstattung über Israel ist absolut skandalös.» Israel nannte er einen illegalen Atomstaat. Zum Schluss nahm der Nationalrat das Megafon und sagte zu den Demonstranten: «Israel ist ein Schurkenstaat.» Die Jungreporter stellten die fette Interviewbeute kürzlich auf ihre Homepage www.wearechange.ch.

Mit wem haben sich die beiden Nationalräte eingelassen? WAC Switzerland ist der Schweizer Ableger einer international aktiven Bewegung von Weltverschwörern. Diese glauben, die Mächtigen dieser Welt – Banker, Topshots aus Wirtschaft und Politik und der Hochadel – bildeten eine Geheimloge, um eine Weltregierung zu bilden und die Menschheit zu unterjochen. Für WAC gehört selbst Christoph Blocher zum geheimen Kreis. Gehilfen dieses Elitezirkels seien Medien und Journalisten, die das Volk mit gefälschten Informationen manipulierten.

Terrorakte als Lieblingsthema

Im Interview mit Geri Müller erklärt der WAC-Reporter auch, die Medien seien durch die beiden Agenturen AP und Reuters zentralisiert, beide Unternehmen befänden sich in den Händen der jüdischen Banker Rothschild. Spätestens bei dieser haltlosen Aussage und dem antijüdischen Reflex hätte Müller hellhörig werden müssen, doch er beantwortete weiterhin brav die Fragen.

WAC will über das Internet Gegeninformationen liefern. Lieblingsthema der Verschwörer ist der Terroranschlag 9/11 auf das World Trade Center. Die offizielle Version bezeichnen sie als Lüge. Viele glauben, regierungsnahe Kreise oder jüdische Organisationen hätten den Terrorakt verübt, um den Irak-Krieg und andere internationale Konflikte zu legitimieren.

Auch Geri Müller ist nicht restlos überzeugt von der offiziellen Leseart von 9/11, wie er im Interview erklärt. «Ich bin auch schon einmal angegriffen worden, ich sei ein Verschwörungstheoretiker.» Der Interviewer darauf reflexartig: «Willkommen im Klub.»

Vischer habe WAC nicht gekannt

Die Geisteshaltung von WAC Switzerland kommt in der Verlinkung auf der Webseite zu anderen umstrittenen Organisationen zum Ausdruck. Aufgeführt werden die Zeitungen «Schweizerzeit» von SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer und «Zeit-Fragen», die von Exponenten der Psychosekte VPM redigiert wird. Vertreten sind auch die Anti-Zensur-Koalition, die vom Sektenführer Ivo Sasek (Organische Christus Generation) organisiert wird, und die Verschwörer von Infokrieg.tv, die das Naturrecht auf Selbstverteidigung fordern. Die Griechenlandhilfe bezeichnen diese Leute als Ermächtigungsgesetz und illustrierten den entsprechenden Artikel mit einem Bild von Hitler.

Daniel Vischer erklärt, er habe WAC nicht gekannt. «Ich will mit dieser Organisation nichts zu tun haben. Die Verwendung auf der Website geschah ohne mein Wissen.» Vischer sagte weiter, er werde WAC auffordern, das Interview zu entfernen.

Auch Geri Müller geht auf Distanz: «Ich möchte von niemandem missbraucht werden.» Er wolle aber auch nicht einer Randgruppe eine Plattform bieten. Bei Redaktionsschluss war das Interview der beiden Grünen immer noch auf der Homepage von WAC.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.05.2010, 09:10 Uhr)

Sponsored Content

Oktoberfest München 2016

Mit SBB RailAway zum Oktoberfest in München.

Werbung

Blogs

Mamablog Melden Sie sich doch mal wieder bei den Eltern

Welttheater Das andere Brasilien

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Wie ein Gemälde: Luftaufnahme von Abu Dhabi, Arabische Emirate. (26. Juli 2016)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...