Die One-Man-Show neben den SRG-Giganten
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 23.09.2010 18 Kommentare
Radio-24-Reporter Tobias Keller
Tobias Keller war einer der auffälligsten Journalisten im Bundeshaus. Der Reporter von Radio 24 beschrieb laufend, was in der Wandelhalle vor sich ging und machte Kurzinterviews. Via seinen Sender auf dem Rücken ging das Signal auf eine Zwischenstation unter der Wandelhalle und von dort in die Regie des Senders. Obwohl er als One-Man-Show wahrgenommen wurde, stimmte das Bild nicht ganz. «Wir waren zu viert», so der Journalist. Davon zwei Journalisten. Keller ist ein alter Hase, was Bundesratswahlen betrifft: «Es war meine Elfte.»
Ist wieder an der journalistischen Basis tätig: Hannes Britschgi. (Bild: Blick.ch)
Das sagt Hannes Britschgi
Hannes Britschgi war früher selber für das Schweizer Fernsehen im Einsatz, gestern arbeitete er zusammen mit einem VJ für die Ringier-Medien.
Herr Britschgi, sie als ehemaliger SF-Mann rannten mit Laptop und Kamera durch die Wandelhalle. Quasi der Selfmademan, der alles selber macht. Wie war das für Sie?
Für mich ist es eine grosse Freiheit, in den neuen Medien tätig zu sein. Normalerweise sind es ja jüngere Semester, die das machen. Hier an der Basis kann ich das tun, was ich gerne mache. Und es macht einen Riesenspass.
Bei den SRG-Medien gibt es Dutzende Mitarbeiter, jeder Arbeitsschritt ist geplant. Hätten Sie nicht auch gerne diese privilegierte Situation?
Früher hatte ich das beim Fernsehen ja auch. Meine neue Arbeit gibt mir aber auch viel neuen Bewegungsraum. Und dadurch kann ich Neues kennen lernen.
Wie empfanden Sie die riesige Präsenz der SRG-Medien?
Die sind natürlich für den Service Public verantwortlich. Im Übrigen bekommen sie auch genügend auf die Kappe, wenn etwas schiefgeht. Das sehen wir jetzt ja.
Sind die SRG-Medien im Vergleich zu den Privaten zu übermächtig?
Darüber kann man sicher diskutieren.
Auch Sie hatten ja, wie viele andere private Medien, kaum Platz zum Arbeiten.
Ja klar, mindestens hier müsste sich für das nächste Mal etwas ändern.
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So waren die Kräfteverhältnisse
Grundsätzlich sind im Bundeshaus 160 Journalisten fest akkreditiert. Von denen waren gestern rund 90 Prozent vor Ort. Zusätzlich sind gestern nochmals 160 Journalisten akkreditiert worden.
Aufgeschlüsselt nach Medien
SRG
31 fest akkreditierte Journalisten
54 zusätzlich akkreditierte Journalisten
50 Techniker
Private TV-Pools (Tele Züri & weitere)
40 Journalisten & Techniker
Andere private TV-Sender
30 Journalisten & Techniker insgesamt
Privatradios
20 Journalisten & Techniker
Online-Medien
12 Journalisten & Techniker
Print-Medien
35 zusätzliche Journalisten (zu den fest akkreditierten)
So sah SF sich selber
«Mit der 6-stündigen Live-Sendungen waren wir sehr zufrieden. Mit Ausnahme des Fehlers in der Hitze des Gefechts, das Ausscheiden von Jacqueline Fehr verzögert realisiert zu haben, hat unser Team eine starke Leistung erbracht. Wir hatten insgesamt 6 Live-Schauplätze, zu denen mehrmals geschaltet wurde. Im Einsatz standen 20 Journalisten und 35 Techniker.»
Ein Rucksack voll Technik auf dem Rücken – eine Funkantenne guckte oben raus –, drehte Radio-24-Reporter Tobias Keller seine Runden. Quer durch die Wandelhalle, raus ins Vorzimmer neben der Ratslinken, an der Polizeikontrolle vorbei ins Treppenhaus, um nur Momente später via Vorzimmer der Ratsrechten wieder in die Wandelhalle einzubiegen. Keller sprach ununterbrochen ins Mikrofon. Der Auftrag war offensichtlich, er sollte ein Stimmungsbild wiedergeben. Seine One-Man-Show führte ihn zwischen 7 Uhr morgens und 13 Uhr schätzungsweise 40-mal im Kreis herum.
Irgendwie wirkte der Einsatz etwas gebastelt, aber erfüllte sicher seinen Zweck. Und Keller war beileibe nicht der Einzige, der mit minimalsten Mitteln das Optimum herausholen musste. Da waren Leute von Westschweizer Privatradiostationen, die mit Technik anmarschierten, denen ich militärische Kürzel wie zum Beispiel Funkstation 45 oder Mikrofon 61 geben würde. Unübersehbar, da waren Radiofreaks am Werk, die mit nostalgischem Eifer das Letzte aus ihrem überalterten Equipement herausquetschten.
Der Sattelschlepper-Fuhrpark von SRG
Richtig schräg wurde das Bild aber erst mit dem Kontrast zur gigantischen SRG-Maschine. Den Rucksäcken der privaten Medien stand das mindestens halbe Dutzend Sattelschlepper von Schweizer Radio und Fernsehen gegenüber. Hinter dem Bundeshaus parkiert – als müsste man sie verstecken – erinnerten sie an den gigantischen Fuhrpark, der erst vor wenigen Tagen im Zürcher Letzigrund Ton- und Bildtechnik für Bono und Co. vor Ort karrte. Und wer da noch nicht begriff, wie die Kräfteverhältnisse verteilt sind, tat es spätestens zwei Stockwerke später.
300 Medienschaffenden hatten die Parlamentsdienste Einlass gewährt. Jeder bekam einen Ausweis, und darauf stand Name und Medium. War das eine geschlossene Veranstaltung für SRG-Medien? SF, SR, RSR, TSR, TSI, RSI stand da auf den kleinen Kärtchen, die jeder an die Hose oder an die Brust heftete. Nicht zu vergessen die Rätoromanen und Swissinfo noch dazu. Zwischendurch die Privaten. Mag sein, dass die Präsenz von SRG-Leuten durch bekannte Köpfe wie Reto Brennwald, Rundschau-Frau Sonja Hasler und SF-Shootingstar Patricia Laeri in der Wahrnehmung noch zusätzlich übersteigert wurde.
Stahlkonstruktion auf dem Rücken
Sozusagen noch Brosamen bleiben bei der Platzverteilung den Privaten übrig. In den beiden Vorzimmern des Nationalrats ist das Schweizer Fernsehen einquartiert. Bei der Ratslinken die Tessiner und Welschen, vor der Ratsrechten die Deutschschweizer. In der Wandelhalle machten sich die drei SRG-Radiostationen breit. Auf mehreren Tischen sind riesige Mischpulte sowie Racks vollgestopft mit Tongeräten platziert. Hunderte Kabel liegen am Boden, auch hier sind die Kräfteverhältnisse schon rein von der Raumverteilung klar.
Die Konsequenz davon? Hannes Britschgi, der an diesem grossen Tag für die «Blick»-Medien unterwegs ist, rennt mit einem Notebook umher, die Kamera griffbereit und ständig auf der Suche nach einer Ablagefläche, um schnell einen Text eintippen zu können. «20 Minuten online» hat sich vor dem Präsidentinnen-Zimmer niedergelassen, immer wenn Pascale Bruderer vorbeihuschte, mussten sie weichen. Auch diese Journalisten operierten quasi aus dem Rucksack, für die Live-Sendung hatte der Kameramann eine Stahlkonstruktion auf dem Rücken. Der Journalist von «NZZ online» hat sich einen letzten freien Stuhl ergattert. Den Laptop auf den Knien, auch er gibt sein Bestes.
Die Kräfte lassen nach
Zu bewundern ist der Erfindergeist der sogenannt Kleinen. Man tut alles, um dem Elefanten SRG die Stirn bieten zu können. Immer mit der Aussicht, den ersten Preis in der Kategorie Aufwand-Ertrag-Verhältnis zu ergattern. Und der geht mit Sicherheit an einen aus der Gruppe privater Medien.
Als auch die Wahl von Schneider-Ammann ihr glückliches Ende gefunden hatte, war Radio-24-Reporter Keller noch immer am Runden drehen. Allerdings auch er ermüdet und sichtlich am Ende seiner Kräfte. Sein Gang glich eher dem eines Häftlings im Hof, als dem eines aufgedrehten Radiojournalisten, der immer aufgestellt und laut ins Mikrofon quasselt. Kein Wunder, seine One-Man-Show zehrte an den Kräften.
Radio DRS beklatscht sich selber
Gut sah er seine Kollegen von Radio DRS nicht. Während die Technik-Crew begann, die Stecker zu ziehen, und draussen die Sattelschlepper-Türen aufschlugen, setzte das DRS-Journalisten-Team zur Bilanz an. Es war eine lockere Mittags-Vesper mit Selbstbeklatschung zum Abschluss. Zwar hatte in der Mittagssendung bei der Elefantenrunde das Mikrofon von Gabi Huber versagt, was einige Hektik auslöste. Aber insgesamt machte die Runde einen ziemlich selbstzufriedenen Eindruck.
Wer weiss, vielleicht bekommt der tapfere Einzelkämpfer für seinen grossartigen Einsatz bald einen Telefonanruf aus der SRG-Chefetage. Und wenn nicht, dann wird er auch bei der nächsten Wahl wieder seine Runden drehen. Mindestens ein Rucksackträger wäre ihm gegönnt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.09.2010, 15:48 Uhr
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18 Kommentare
Interessant. Nur: Wo bleibt die Deklaration der Selbstinteressen? Ist es nicht so, dass diese Plattform zu tamedia gehört, welche auch Tele Züri besitzt? Und deshalb grösstes Interesse daran hat, gegen die SRG zu schiessen? Aber natürlich: Das hat mit dem gar nichts zu tun... Ein Schelm, wer anderes denkt. Antworten
Die SRG-Kommentatoren würden sich besser vor solchen Wahlen über das Wahlprozedere erkundigen. Dann kämen sie weniger in stammelnde Verlegenheit!! Belustigend war indessen das Gerangel der Politiker um die Medienschaffenden herum (nicht umgekehrt!) um möglichst Berücksichtigung zu finden und im TV zu erscheinen. Affentheater im Berner Affenkasten. Antworten






