Die Romands sind fruchtbarer
Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 11.02.2010 11 Kommentare
Spermium, das in eine Eizelle eindringt. (Bild: Keystone)
Dass es um die Fruchtbarkeit der jungen Schweizer nicht zum Besten steht, ist nichts Neues. Schon vor zwei Jahren haben die Forscher eines Nationalfondsprojekts festgestellt, dass bei rund 50 Prozent der Rekruten die Qualität der Spermien zu wünschen übrig lässt: Jeder zweite ihrer Probanden erreichte die Werte nicht, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bisher bezüglich Anzahl, Beweglichkeit und Geschwindigkeit als ideal definiert hat.
Mittlerweile hat sich auch gezeigt, wo es am meisten hapert. Es gebe zwischen den Regionen «signifikante Unterschiede», schreiben die Forscher in einem Zwischenbericht, der dem TA vorliegt. So schneiden etwa die jungen Zürcher, Aargauer und Basler deutlich schlechter ab als ihre Altersgenossen in Neuenburg oder Freiburg. Wie Biologe Alfred Senn von der Fondation Faber erläutert, lassen die bisherigen Resultate den Schluss zu, dass es um die Spermaqualität in der West- und Zentralschweiz generell besser bestellt ist als im Norden und in einigen Alpenkantonen. Der Unterschied liegt dabei nicht in deren Beweglichkeit, sondern bei der Anzahl. So wurde bei den Walliser und Schaffhauser Probanden eine deutlich tiefere Spermien-Konzentration in der Samenflüssigkeit festgestellt als bei den Luzernern.
Die Industrie als Samentöter
Die Forscher beschäftigt nun vor allem eine Frage: Wieso ist das so? Dabei steht für Senn eine These im Vordergrund: Die Quantität der Spermien hängt mit der Industrialisierung zusammen. Und zwar mit deren Stand zum Zeitpunkt, als die Mütter der heutigen Rekruten schwanger waren, also vor 20 Jahren. Denn die Kapazität zur Spermien-produktion wird primär beim Ungeborenen im Mutterleib ausgebildet. Die späteren Lebensumstände der Knaben beeinflussen das Resultat zwar auch, aber nur innerhalb der Grundkapazität, welche die Söhne auf den Weg bekommen haben.
Die Forscher sehen sich auf diesem Weg durch die bisherigen Studienresultate bestätigt: Zürich, Basel oder das Wallis waren stärker industrialisiert als Freiburg, Luzern oder der Jura. Die Mütter kamen dort häufiger mit den Stoffen in Kontakt, die unter Verdacht stehen, der Spermien-Produktion zu schaden. Es sind dies unter anderem Phthalate, die als Weichmacher in Kunststoffen eingesetzt werden, Naphthole, die in der Farbstoffindustrie vorkommen, oder die stark toxischen polychlorierten Biphenyle (PCB). Allerdings betonen die Forscher, dass sich durch die Industrialisierung allein nicht alle Unterschiede erklären lassen. Als erwiesen gilt, dass das Rauchen der Mütter die Spermien-Produktion ihrer künftigen Söhne einschränkt. Genau so, wie später auch das Rauchen der Männer der Qualität abträglich ist.
Tiefere Trefferquote
Diese Befunde wollen Senn und sein Team nun im weiteren Fortgang der Studie validieren, wobei dazu aber immer noch die Probanden fehlen. Statt 3000 Proben, wie man sich bei der Armee und dem Nationalfonds erhofft hatte, konnten bis heute erst deren 1500 untersucht werden. Darum appelliert Senn an weitere Rekruten, sich in den Dienst der Wissenschaft zu stellen.
Die bisher ernüchternden Resultate müssen in seinem Urteil die Motivation nicht schmälern. «Die Befunde sind nicht dramatisch», versichert er. Auch Männer mit vergleichsweise geringer Spermien-Konzentration müssten keineswegs auf eigenen Nachwuchs verzichten, sie müssten es wohl einfach ein bisschen länger probieren. Zudem sei die WHO daran, ihre bisherigen Referenzwerte nach unten zu korrigieren. Dann werden automatisch auch die Resultate der Schweizer Männer wieder etwas freundlicher aussehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2010, 06:44 Uhr
WRITE A COMMENT
11 Kommentare
@Falstaff: Die Schweiz braucht immer mehr Arbeitskräfte, um Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Darum holen wir ja immer mehr Arbeiter aus dem Ausland. 15% Arbeitslosigkeit in der Schweiz ist unrealistisch. Hätten wir mehr gut ausgebildete Schweizer anstelle schlecht ausgebildeter Immigranten, wäre der Wert noch tiefer als er schon ist. Und sowieso: wer bezahlt morgen unsere AHV? Antworten
@John Falstaff: Kein Auskommen? Hätte es nicht mit ein wenig Bescheidenheit für alle genug? "die Fruchtbarkeit mit steuerlichen Mitteln weiter reduzieren" tönt doch eher nach Regierungen, die international nicht gerade hphes Ansehen haben. Das Glück, Kinder zu haben, kann sicherlich viele Materielle Werte mehr als nur kompensieren. @Mirko Babic: Verstethe ich nicht. Können Sie das ausführen? Antworten
Angesichts der Übervölkerung eher "good news". Angesichts der Tatsache, dass in der Schweiz und im EU-Raum die Arbeitslosigkeit auf zwischen 5 bis 15 % steigen wird, sogar "best news". Eine Gesellschaft, die nicht allen Menschen ein Auskommen garantieren kann, sollte die Fruchtbarkeit mit steuerlichen Mitteln weiter reduzieren. Wir brauchen nicht mehr arbeitslose Jugendliche/Erwachsene. Antworten
Man kann daraus nur schliessen dass die gezeigte Grafik völlig falsch ist, denn hier liegen ja alle Kantone 2 bis 4mal höher als der WHO Grenzwert. Der Grenzwert war übrigens 1980 bei 60 Millionen und wurde bereits zweimal gesenkt, zuerst auf 40 und dann auf 20. Ich finde, bei unserer Überbevölkerung kann man ihn gefahrlos auf 0 senken. Antworten
Wohl kaum wegen der Industrialisierung! Wohl eher, weil die Einen wissen wie das Leben gelebt werden muss/soll. Mich wundert es überhaupt nicht, dass genau die Kantone mit dem stressigsten Lebenswandel (AG, BS/BL & ZH) am sprichwörtlichen Schwanz der Studie sind. Ich pendel wöchentlich 1-3x in die Welschschweiz. Das sind schlicht und einfach ganz andere, freundlichere und zuvorkommendere Menschen. Antworten





























John Falstaff
@ Jörg Suter: Ich meinte 5% für die CH, 15 % für einige europäische Staaten. Was den Rest betrifft: Nonsens. Die Schweiz wächst nicht mit der Bevölkerung. Das merken im Moment vor allem die Zürcher. Die AHV funktioniert nach dem Schneeballsystem. Selbst wenn die Schweiz jedes Jahr 2 Mio neue Bürger im Jahr hätte, würde die AHV zusammenbrechen. Weil auch diese alt werden. Nur so zum Nachdenken... Antworten