«Die SVP-Initiative ist auch eine Chance»

HSG-Professor Caspar Hirschi sagt, die Unis müssten für Schweizer Talente attraktiver werden.

Schweizer Talente sollten gezielter gefördert werden, sagt Caspar Hirschi: Studenten an der Uni Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Schweizer Talente sollten gezielter gefördert werden, sagt Caspar Hirschi: Studenten an der Uni Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Schweiz diskutiert, wie sie die Zuwanderungsinitiative umsetzen soll. Eine strikte Regelung würde den Schweizer Forschungsplatz treffen. Wie beeinflusst die politisch unsichere Lage Ihre Arbeit als Geschichtsprofessor?
An der Universität St. Gallen reden wir darüber, die Arbeit selbst ist noch nicht tangiert. Jeder kann sich aber ausmalen, was auf uns zukommen könnte. Wenn ich eine Doktoranden-Stelle ausschreibe, erhalte ich 40 bis 60 Bewerbungen. Darunter sind vielleicht fünf Schweizer, und oft sind es nicht die Talentiertesten – diese gehen lieber in die Privatwirtschaft. Kollegen aus anderen Disziplinen schätzen sich sogar glücklich, wenn sie unter hundert Bewerbungen zwei Schweizer haben. Das zeigt: Für Schweizer Uniabgänger ist eine Unikarriere nicht mehr attraktiv.

Würde Ihnen der Tenor der SVP-Initiative «Inländer zuerst» auch an den Hochschulen gefallen?
Nur bei gleicher Qualifikation. Ich hätte Mühe mit einem Zweiklassen-System, das Schweizer unter Heimatschutz stellen würde. Es wäre mit der akademischen Kultur in unserem Land unvereinbar. Wir müssen die universitäre Karriere reformieren, nicht Schweizer privilegieren. Dennoch sehe ich in der Masseneinwanderungsinitiative nicht nur eine Bedrohung.

Sondern?
Die Initiative ist auch eine Chance für den Schweizer Forschungsplatz, das wissenschaftliche Potenzial im Inland besser auszuschöpfen. Wir müssen junge Talente gezielter fördern und früher selbständig werden lassen.

Das habe ich noch nie gehört. Die Teilnahme am milliardenschweren EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 ist doch wichtig für die Schweizer Hochschulen. Wegen der SVP-Initiative droht uns der Ausschluss.
Ja. Aber man kann es dem Stimmvolk besser erklären, dass es die internationale Anbindung braucht, wenn man gleichzeitig alles dafür tut, den nationalen Nachwuchs konkurrenzfähiger zu machen. Ich halte es für eine gefährliche Strategie der Uni-Spitzen, nach einer Ausnahmeregelung für den Hochschulbereich zu schreien und gleichzeitig den Courant Normal des unbegrenzten Forscherimports zu beschwören.

Der Schweizer Forschungsplatz gehört zu den erfolgreichsten der Welt. Das System funktioniert.
Es funktioniert unter den gegebenen Bedingungen, und zwar auf der Professorenstufe nach dem Real-Madrid-Prinzip: Wir bieten die besten Löhne und höchsten Ausstattungen und können damit Spitzenforscher aus aller Welt anlocken.

Was ist daran schlecht?
Das System geht auf Kosten der jungen Talente an Schweizer Universitäten, die weniger gut gefördert werden als an ausländischen Spitzenunis. Entsprechend seltener schaffen sie es bis zur Professur. Die Hauptkosten tragen aber die Länder, die gute Forscher ausbilden und an die Schweiz verlieren, allen voran Deutschland. Sollte es den Deutschen gelingen, ihre besten Kräfte zu halten oder sogar zurückzuholen, können viele Schweizer Unis den Betrieb einstellen. Unser System ist nicht nachhaltig.

Seit dem Jahr 2000 hat sich die Anzahl Doktorierender verdoppelt. Ist das nicht ein gutes Zeichen?
Es zeugt von guten finanziellen Rahmenbedingungen, aber nicht von guten Betreuungsrelationen. Diese haben sich durch die Explosion der Doktorandenzahlen in vielen Disziplinen sogar verschlechtert. Deshalb haben wir unter den Doktorierenden auch eine ganz andere Internationalität als unter den Professoren. Überspitzt formuliert: Auf der Doktoratsstufe ist es ähnlich wie bei den Pflegefachleuten, auf der Professorenstufe wie bei den Chefärzten. Dass hingegen Schweizer Absolventen weniger promovieren wollen, hängt auch mit dem Problem der Postdoc-Blase zusammen. Das heisst, immer mehr Leute werden nach Abschluss ihrer Doktorarbeit zu schlecht bezahlten, befristet angestellten Projektforschern. Auf dieser Stufe beträgt der Ausländeranteil an gewissen Unis bis zu 80 Prozent.

Was hat dieses Problem mit Horizon 2020 zu tun?
Die EU-Gelder werden hauptsächlich in Form von befristeten Projektmitteln verteilt, für die dann Forschende befristet eingestellt werden. Postdocs eignen sich dafür besonders gut, weil sie im Unterschied zu Doktoranden gleich mit der Forschung loslegen können. Dadurch bleiben aber immer mehr Forschende zwischen 30 und 45 im Forschungsbetrieb hängen - ohne reelle Chancen auf eine Professur. Das Problem ist besonders gravierend in naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Biochemie oder Biomedizin, wo Unsummen in die Spezialisierung von Forschenden gesteckt werden, die ihr teures Wissen letztlich weder in der Wissenschaft noch in der Wirtschaft auf Dauer einbringen können. Mein Eindruck ist daher, dass der symbolische Wert der Grants des European Research Council (Anmerkung der Red.: das Programm ist Teil von Horizon 2020) weit höher ist als der wissenschaftliche.

Das müssen Sie erklären.
Die Konkurrenz um die ERC-Grants ist so hoch, dass eine erfolgreiche Bewerbung einem Ritterschlag für die jeweilige Person und ihre Institution gleichkommt. Gleichzeitig verschärfen diese Grants die Ungleichheit und Kurzfristigkeit im Wissenschaftssystem, und darüber hinaus klagen sogar manche der Ausgezeichneten über den bürokratischen Aufwand, den sie vor und nach Erhalt der Gelder betreiben müssen. Wer weniger an Prestige und mehr an Effizienz interessiert ist, stellt seine Projektanträge besser beim Nationalfonds.

Sie selber sind die Gegenthese zu Ihren Ausführungen: Sie sind mit 37 Jahren Professor geworden.
Ein einzelner Fall macht noch keine Regel. Die Professur in St.Gallen war für mein Forschungsprofil auf Jahre hinaus die einzige, die in der Deutschschweiz neu besetzt wurde. Da braucht man neben einem guten Forschungsausweis und internationalen Erfahrungen auch eine Portion Glück.

Was ist zu tun?
Wir müssen das System ändern, angefangen bei der Doktoratsstufe. Es braucht weniger und dafür besser qualifizierte und betreute Doktorierende. Dann müssen Postdoktorierende klarere Perspektiven haben. Ihr Weg sollte spätestens nach vier bis fünf Jahren entweder in einem kompetitiven Verfahren auf eine Assistenzprofessur oder mit Unterstützung ihrer Universitäten in die Privatwirtschaft führen. Gleichzeitig braucht es viel mehr Professuren, die stärker differenziert und nur in der Minderheit mit einer Entourage aus Assistierenden ausgestattet sind.

Die Universitäten sind bereit, neue Assistenzprofessuren einzurichten
Dabei geht es um den Vorschlag, von 2017 bis 2020 jährlich 40 neue Assistenzprofessuren einzurichten. Das ist aber eine Scheinreform. Die Doktoranden-Blase würde nämlich vergrössert. Denn diese wenigen Assistenzprofessuren sollen mit so viel Geld ausgestattet werden, dass sich jeder Assistenzprofessor wieder eine Entourage aus Doktoranden und Postdoktoranden leisten könnte. Weder die Karrierechance noch die Betreuung würden dadurch verbessert. Der Wille zu einer echten Reform fehlt.

Woran liegt das?
Das Real-Madrid-Prinzip funktioniert derzeit noch, und viele Rektoren fürchten die Unruhe, die sie mit einer Reform ins Professorenkollegium bringen würden.

Sie haben in einer Arbeitsgruppe mitgewirkt, die im Auftrag der Bildungskommission des Ständerats einen Bericht zur Situation schreiben sollte. Was haben Sie erreicht?
Der Bericht ist von den Parlamentariern in Bern und auch von Bundesrat Johann Schneider-Ammann sehr ernst genommen worden, nicht aber von der Spitze des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation. Der Staatssekretär gab uns bei der erstbesten Gelegenheit zu verstehen, dass er mit der Angelegenheit so wenig wie möglich zu tun haben wollte.

Also ist die Arbeitsgruppe ohne Ergebnis eingeschlafen?
Nicht ganz. Viele Politiker von links bis rechts sehen, dass es eine Reform braucht. Der Nationalrat hat einen Vorstoss seiner Bildungskommission verabschiedet, der voraussichtlich im Herbst in den Ständerat kommt. Sagt auch dieser Ja, wird eine Expertenkommission ein Anreizprogramm für die Hochschulen ausarbeiten. Ziel wäre ein mehrstufiges Karrieremodell, das für die besten Uniabgänger attraktiv ist. Am einfachsten wäre es aber, wenn der Bundesrat selbst das Heft in die Hand nehmen und für die nächste Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2017-2020 noch rechtzeitig einen guten Reformvorschlag vorlegen würde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.06.2015, 20:56 Uhr)

Caspar Hirschi

Der 40-Jährige ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. (HSG). Zuvor forschte er in Cambridge und an der ETH Zürich.

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