Die SVP ist bei den freisinnigen Wählern unbeliebt

Die FDP solle mit der Rechten paktieren, wird vermehrt gefordert. Eine Analyse zeigt nun aber, dass die Wähler der FDP anders ticken.

SVP-Obmann Christoph Blocher unterhält sich im Nationalrat mit FDP-Parteipräsident Philipp Müller. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

SVP-Obmann Christoph Blocher unterhält sich im Nationalrat mit FDP-Parteipräsident Philipp Müller. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Ist SVP-Obmann Christoph Blocher der wahre Freisinnige im Land? Die Kabale um Markus Somm und die NZZ hat die Debatte neu befeuert, wie weit rechts sich die FDP zu positionieren habe. Der Wunsch des NZZ-Verwaltungsrats, dem FDP-nahen Blatt einen «dezidiert bürgerlichen Kurs» zu verpassen, führte offenbar zur versuchten Installation von ­Blocher-Freund Somm als Chefredaktor. Schon lange mahnen Rechts­intellek­tuelle die «Versöhnung» der FDP mit der SVP an: «Während viele Freisinnige sich fast obsessiv darum bemühen, sich von der SVP zu distanzieren, realisieren sie oft nicht, wie sie sich vom eigenen Gedankengut distanzieren», schrieb Somm erst gestern im Politblog des «­Tages-Anzeigers». In der aufgewühlten Diskussion geht es auch um Handfestes: Die SVP umwirbt die FDP seit Monaten intensiv für Listenverbindungen bei den nächstjährigen Wahlen.

Unbeantwortet blieb bislang die Frage, inwieweit die Wählerschaften von SVP und FDP eine gegenseitige Annäherung beklatschen würden – und welche Partei davon mehr profitierte. Daniel Bochsler, Politologieprofessor am Zentrum für Demokratie in Aarau, hat für Tagesanzeiger.ch/Newsnet nun die wechselseitigen «Zuneigungsraten» und die möglichen Folgen einer nationalen Allianz ermittelt:

Unerwiderte Zuneigung: Die Sympathie für die SVP ist im FDP-Elektorat bemerkenswert dürftig. In der Selects-Nachwahlbefragung 2011 gaben nur ­gerade 37 Prozent der FDP-Wähler an, sich die Wahl eines SVP-Kandidaten vorstellen zu können. Die SP und die Grünen liegen mit je 28 Prozent nicht viel weiter hinten im Affinitätsrating. Umgekehrt fühlen sich die SVP-Wähler den Freisinnigen aber durchaus nahe: Für 60 Prozent von ihnen ist die Wahl eines FDPlers vorstellbar. Bei den FDP-Wählern indes schwingen die Mitteparteien (GLP, BDP, CVP) mit Werten zwischen 65 und 54 Prozent obenaus.

Einseitiger Stimmenfluss: Bei den Panaschierstimmen – also den Stimmen für «fremde» Kandidaten auf einer Parteienliste – geht aus Bochslers Analyse hervor, dass man sich bevorzugt innerhalb der politischen Mitte verbrüdert. In den meisten Kantonen tauschte die FDP bei den Wahlen 2011 sehr viele Panaschierstimmen mit der CVP aus. Viel weniger häufig setzen die FDP-Wähler hingegen SVP-Kandidaten auf ihre Liste. «Einzige Ausnahme sind zwei Kulturkampf-Kantone, Tessin und Wallis, wo noch ein tiefer Graben zwischen der FDP und der CVP besteht», stellt Bochsler fest. Ganz anders bei der SVP: Hier wird die FDP fast überall am meisten panaschiert. «Nur einige kleine Rechtsparteien wie EDU und Schweizer Demokraten stehen teils noch höher in der SVP-Wählergunst.» Einen Sonderfall stellen die katholischen Stammlande dar: Zwar musste sich die CVP hier in den letzten Jahren von der SVP viele Wähler abjagen lassen, doch neigen diese beim Panaschieren nach wie vor den Christdemokraten zu.

Allianzprofiteurin SVP: Verschiedentlich hat die SVP moniert, dass bei den Wahlen 2011 kaum Listenverbindungen mit der FDP zustande kamen. Grund zur Klage besteht für die SVP in der Tat: Sie, nicht die FDP, wäre zur grossen Profiteurin des geforderten Pakts geworden, wie Bochsler in einer Simulation berechnet hat. Wären die Parteien landesweit Listenverbindungen eingegangen, hätte die SVP demnach in fünf Kantonen ein Nationalratsmandat gewonnen – dreimal zulasten von links-grün, einmal auf Kosten der CVP, und einmal hätte sogar die verbündete FDP das Nachsehen gehabt. Bochsler betont zwar, dass sich aus diesen Befunden keine direkten Prognosen für 2015 ableiten liessen. «Grundsätzlich gilt aber: Innerhalb der Listenverbindung gewinnt die grössere Partei häufiger.»

Alles in allem, so Bochsler, «komme ich immer zum gleichen Ergebnis: Die SVP gewinnt von einer Allianz, die FDP verliert.» Wer an der Urne hauptsächlich freisinnig einlege, «will von der SVP ­eigentlich nichts wissen». Daraus leitet der Politologe ab: «Wenn die FDP sich der SVP zuwendet, dann droht der ­Exodus.»

Müller will Bürgerliche stärken

Dass eine generelle Allianz nicht goutiert würde, «entspricht dem, was wir von unserer Basis hören», sagt FDP-Präsident Philipp Müller. Er bekennt sich trotzdem klar zu einer bürgerlichen Zusammenarbeit, um die Linke zu schwächen. Dies sei auch der Wunsch der Basis, wie interne Umfragen gezeigt hätten. Dabei ist man laut Müller offen gegenüber allen Seiten: In einigen Kantonen bestehe eine Präferenz für die CVP, in anderen für die SVP. Dass Listenverbindungen nur der SVP nützten, «stimmt gemäss unseren Berechnungen nicht», hält der FDP-Präsident fest. Es treffe aber zu, dass meist die grössere Partei mehr profitiere als die kleinere.

SVP-Präsident Toni Brunner hofft trotzdem nach wie vor auf «möglichst flächendeckende Listenverbindungen». Er lässt sich von Bochslers Analyse nicht beunruhigen: Die FDP-Basis, glaubt Brunner, wäre bestimmt froh, wenn das bürgerliche Lager insbesondere in wirtschafts- oder sozialpolitischen Fragen mehr zu sagen hätte. Gemäss Brunners Rechnung fehlen derzeit im Parlament unter dem Strich sechs Stimmen, wenn es um rechte Mehrheiten bei Steuern, Regu­lierung oder Bürokratie geht.

Noch ist weitgehend offen, in welchen Bündnissen die Parteien die Wahlen bestreiten. Laut Philipp Müller ist erst eine Listenverbindung beschlossen: Im Thurgau tut sich die FDP mit BDP, CVP und EVP zusammen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.12.2014, 08:05 Uhr

Stimmentausch zwischen FDP und SVP

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Zug nach rechts

Parteikader entschuldigt sich

Suchen freisinnige Wähler im politischen Spektrum nach Alternativen, dann blicken sie eher nach links. Die Funktionäre der Partei scheinen hingegen eher nach rechts zu tendieren. Parteipräsident Philipp Müller hat just gestern in einer «persönlichen Nachricht» auf Facebook eindringlich vor den geplanten Initiativen der CVP, SP und GLP gewarnt, die das «Erfolgsmodell Schweiz» gefährden würden – und erwähnte die SVP mit keinem Wort.

Wie klein die Berührungsängste mit rechten Positionen sind, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Schaffhausen. Harald Jenny, Präsident der kantonalen FDP, veröffentlichte gestern auf seinem Facebook-Profil einen zweifelhaften Eintrag über seine Erfahrungen im öffentlichen Verkehr. Bei seinen Zugreisen würden ihm immer wieder die stundenlang telefonierenden dunkelhäutigen Bahnreisenden auffallen – die erst noch die besseren Telefone als er besässen. «Warum komme ich mir ausgenutzt vor?», fragte sich Jenny. Der Post des FDP-Präsidenten hatte geharnischte Reaktionen zur Folge. Nach mehreren kritischen Kommentaren und einem Anruf des «Blicks», der die Geschichte publik machte, entschuldigte sich der Freisinnige für seinen Erguss bei all jenen, die sich deswegen verletzt gefühlt hätten. Noch kurz vorher hatte er geschrieben: «Warum überlassen wir das Ansprechen von möglichen Missständen immer den andern? Ist das wirklich pfui?» – und lag damit exakt auf der Linie der Parteispitze. Und etwas neben jener seiner Wählerschaft.
Von Philipp Loser

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