Die SVP sticht in ein Wespennest

Ein Numerus clausus für die Ethnologen oder Soziologen? Die Pläne der SVP finden in der FDP Zustimmung. Aber Links-Grün stemmt sich vehement gegen das Vorhaben.

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Ethnologie, Psychologie, Soziologie oder Geschichte: Fächer der Geistes- und Sozialwissenschaften sind bei Studenten seit Jahren sehr beliebt. 45'000 Personen waren 2013 an Schweizer Universitäten in diesen Gebieten eingeschrieben. Zu viele, findet die SVP. Sie arbeitet an einem Vorstoss, der eine Beschränkung der Zulassung zu diesen Studiengängen fordert, wie der «Blick» heute berichtet.

Im Entwurf der Interpellation, der auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, fordert die SVP, dass die Zahl der Studierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften halbiert werde. Dieses Ziel will sie mit einem Numerus clausus erreichen, wie ihn heute die Medizin kennt. Zudem will die Partei vom Bundesrat konkrete Zahlen, welche die Nachfrage nach Akademikern dieser Fachrichtungen in der Privatwirtschaft aufzeigen. «Es ist aus Sicht der Studenten ungerecht, wenn Massenstudiengänge betrieben werden, die später keine oder nur begrenzte Anstellungsmöglichkeiten bieten», argumentiert die SVP. Fraktionschef Adrian Amstutz sagt zudem, auch höhere Eintrittsanforderungen in die Gymnasien seien zu prüfen.

«Zu viele Studenten belegen Selbstverwirklichungsfächer»

Mit der geplanten Interpellation werde einer längst fälligen Diskussion der nötige Schub verliehen, sagt SVP-Bildungspolitiker und Historiker Peter Keller. «Zu viele Studenten belegen Selbstverwirklichungsfächer, während wir einen dramatischen Mangel an Ingenieuren, Informatikern oder Naturwissenschaftlern haben.» Es mache keinen Sinn, weltweit nach Mitarbeitern für die Pharmabranche, die Maschinenindustrie oder die Medizinaltechnik zu suchen, während das Potenzial in der Schweiz vernachlässigt werde, so Keller. «Auch die Hochschulen und die Studenten sollten sich stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes ausrichten.»

Die SVP will ihre Interpellation zuerst am runden Tisch mit den anderen bürgerlichen Parteien ausloten. Danach soll der Vorstoss eingereicht werden. FDP-Bildungspolitiker Hans-Peter Portmann kündigt bereits Unterstützung an und sagt: «Das Anliegen wird in meiner Fraktion sicher wohlwollend angehört.» Auch ihn stört, «dass das Bildungsangebot und die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr übereinstimmen». Die Hochschulen bräuchten deshalb mehr Freiheiten, um die Studienplätze zu begrenzen. Eine höhere Eintrittsbarriere, wie sie zum Beispiel bereits bei der Zürcher Hochschule der Künste besteht, kann sich Portmann vor allem für geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer an Fachhochschulen vorstellen. «Dies käme einem Numerus clausus light sehr nahe.» An Hochschulen will er die unbeschränkte Studienwahl dagegen beibehalten.

«Besonders Frauen aufklären»

Doch bereits in Portmanns Partei ist diese Forderung umstritten. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen sagt: «Der Numerus clausus ist ein gescheitertes Instrument – das zeigt die Situation im Fachbereich Medizin. Damit lässt sich die Zahl der Studenten nicht auf die Nachfrage des Arbeitsmarkts abstimmen.» Der Präsident von FH Schweiz, dem Dachverband der Fachhochschulabsolventen, plädiert stattdessen dafür, gezielt Aufklärungsarbeit bei angehenden Studenten zu leisten. Besonders Frauen müssten dabei angesprochen werden, denn in vielen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern seien sie in der Überzahl. «Die Arbeitsmarktsituation, der spätere Verdienst, die Perspektiven nach dem Studium: All diese Faktoren müssten angehende Studenten für ihren Fachbereich kennen.» Wasserfallen wehrt sich gegen den Vorschlag, den Numerus clausus vorab auf Fachhochschulstufe einzuführen. «Die FHs sind doch ohnehin schon besser auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet als die Unis.»

Auch BDP-Bildungspolitikerin Rosmarie Quadranti hält eine Pflicht zur Studienberatung, in der auch Arbeitsmarktaussichten thematisiert werden, für zielführender. Die Faszination für Mint-Berufe müsse zudem bereits in der Volksschule geweckt werden. Das Problem sei vielschichtiger als von der SVP skizziert und die vorgeschlagenen Lösungen daher untauglich. «Ausgerechnet jene Partei, die sonst gegen den Staat wettert, ruft ihn hier herbei», enerviert sich Quadranti.

«Die SVP als Etatistin»

Auch im links-grünen Lager ist der Unmut über die Vorschläge gross. Der Vorstoss der SVP sei Teil einer Kampagne gegen das bewährte Schweizer Bildungssystem, heisst es dort. «Nach der Primarschule hat es die SVP nun auf die Hochschulen abgesehen und will eine spezifische Gruppe von Studenten stigmatisieren», sagt die grüne Nationalrätin Aline Trede. Dabei verfügten Geistes- und Sozialwissenschaftler über vielseitig einsetzbare Kompetenzen und seien durchaus gefragt im Arbeitsmarkt.

Das betont auch SP-Nationalrat Matthias Aebischer: «Die SVP macht aus etwas ein Problem, das gar keines ist. Zwei Jahre nach dem Studium haben fast alle Ethnologen, Psychologen und Soziologen einen Job – vielleicht nicht genau in ihrem Spezialgebiet, aber sie sind mit ihrem breiten Wissen ja auch andernorts gefragt. Es ist nicht an der Politik, den Studenten zu sagen, was sie studieren sollen», sagt der Präsident der Bildungskommission des Nationalrats. Die SVP spiele sich mit ihrem Vorstoss als Etatistin auf und wolle in einen gut funktionierenden Markt eingreifen. Statt andere Studiengänge zu schwächen, müssten die technischen Fächer gefördert werden – und das werde im Mint-Bereich längst gemacht.

Auch Wissenschaftler reagierten umgehend auf die Pläne der SVP. Politologieprofessor Fabrizio Gilardi etwa verweist via Twitter auf aktuelle Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). Demnach beträgt die Arbeitslosenquote von Geistes- und Sozialwissenschaftlern fünf Jahre nach Studienabschluss 2,8 Prozent, während sie bei Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer bei 3,8 Prozent liegt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.03.2015, 16:07 Uhr)

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