Schweiz

Die SVP-Frau, die von der Kinderkrippe aus Karriere macht

Von Daniel Friedli. Aktualisiert am 13.04.2010

Die Bernerin Nadja Pieren soll Jasmin Hutter in der Parteileitung der SVP ersetzen. Ein Wechsel von einer Frau, die Kinderkrippen verschmäht, zu einer, die selber eine aufgebaut hat.

Ausser bei Krippen ist Nadja Pieren voll auf Parteilinie. (Béatrice Devènes)

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Selbst SVP-Chef Toni Brunner muss ob der Ausgangslage etwas lachen. Da tritt Jasmin Hutter als Vizepräsidentin der Partei zurück, weil sie Mutter wird, sich voll um ihren Sohn Jon kümmern will und nie so «unverantwortlich» wäre, den Spross um ihrer Karriere willen morgens schnöde in der Krippe abzuliefern. Und nun soll Mutter Hutter ausgerechnet durch eine Kollegin ersetzt werden, die genau dies nicht nur billigt, sondern gar organisiert: durch Nadja Pieren, diplomierte Kleinkindererzieherin aus Burgdorf und dort Leiterin einer eigenen Kinderkrippe.

Eine gezielte Nachwuchsförderung

Doch bei allem Schmunzeln meint es Brunner ernst: Die Parteileitung hat entschieden, Pieren offiziell für das Amt vorzuschlagen, wie der «SonntagsBlick» am Wochenende meldete. Angesichts der Unerfahrenheit und Unbekanntheit der Kandidatin ein ungewöhnlicher Schritt, wie Parteichef Brunner einräumt. Aber eben auch eine gezielte Nachwuchsförderung. Die Anforderungen, die es dabei zu erfüllen galt, fasste Vizepräsident Adrian Amstutz bereits früher so zusammen: «Sie ist eine Frau, jung und auf der Parteilinie.»

Tatsächlich: Pieren, so sagen in Burgdorf politische Freunde wie Gegner, verkörpert in vielen Punkten SVP-Denken in Reinkultur. Sie engagierte sich für die Minarett-Initiative und kämpfte gegen das Harmos-Konkordat; sie macht bei der Auns ebenso mit wie bei der rechtsbürgerlichen Bewegung Pro Libertate. Und sie setzt sich gerne als wertkonservative Hüterin familiärer Tugenden in Szene. «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland», zitierte die Emmentalerin jüngst in der «Schweizerzeit» von Ulrich Schlüer ihr Schriftstelleridol Jeremias Gotthelf. Denn: «Nicht die Lehrer bilden das Leben, sondern Hausväter und Hausmütter tun es.»

Mit Gotthelf als Vorbild

Dieses Credo, so Pieren, müsse auch heute noch politische Richtschnur sein. In ihren Worten heisst dies: Nichts ersetzt die Nestwärme und die Urverbundenheit zwischen Eltern und Kind. Nur die Eigenverantwortung der Familie rüstet die Kleinen für Schule und Leben, die frühe «Verstaatlichung der Kinder» ist ein Irrweg.

Dabei macht Pieren aber in einem Punkt eine Ausnahme: dann nämlich, wenn dieser Weg durch eine Kinderkrippe führt. «Ich finde es gut, wenn eine Frau ihre Kinder zwei bis drei Tage pro Woche in eine Krippe schickt», sagt sie – und dürfte damit wohl den einen oder anderen ihrer Mitstreiter etwas erschrecken. Einen Widerspruch zum politischen Werben mit Gotthelf sieht Pieren darin nicht. Jede Frau müsse diese Frage selber entscheiden. Wichtig sei dabei nur, dass sich der Staat nicht einmische und keinen Weg bevorteile. Damit ist in ihren Augen auch die staatliche Krippenförderung noch erlaubt, ja gar erwünscht. Schliesslich arbeiteten die Krippen familienergänzend, nicht familienersetzend.

Die Parteispaltung als Chance

Mit dieser Argumentation beweist Pieren sicher eines: Sie ist keck und weiss sich zu wehren. Genau darum werten auch Burgdorfer Beobachter den Entscheid der SVP-Leitung, auf die junge Bernerin zu setzen, als geschickten Schachzug: Pieren sei schlagfertig, umgänglich und komme meistens gut an, heisst es. «Sie hat eine grosse Auftrittskompetenz», lobt auch Nationalrat Walter Wobmann, der Pieren in den letzten Jahren gefördert hat.

Davon liessen sich auch die Berner Wähler überzeugen. Sie wählten die 30-Jährige Ende März gleich im ersten Anlauf in den Grossen Rat. Es war der bisher grösste Erfolg der Newcomerin und wohl eine Folge des Mottos, mit dem sie 2006 in die Politik eingestiegen ist: «Nid nume pfutere», sondern selber etwas tun. Pieren tat dies, indem sie zwei Jahre später die Burgdorfer SVP übernahm, nachdem sich deren Präsident mit der Hälfte des Vorstandes zur BDP abgesetzt hatte. Das Amt wurde ihr angeboten, weil sie wie niemand sonst für den Zürcher SVP-Kurs stand. Es folgte die Wahl in den Stadtrat, von wo aus sie nun ihre kantonale und nationale Karriere lanciert. Denn Pieren, den Ehrgeiz bestätigend, den man ihr nachsagt, will noch mehr: Sie strebt einen Nationalratssitz an, am liebsten schon nächstes Jahr, ansonsten 2015.

Vom Krippenkredit profitiert

Zunächst winkt ihr nun aber am 1. Mai die Wahl zu einer SVP-Vizepräsidentin. Pieren will dieses Amt nutzen, um ins siebenköpfige Präsidium den frischen Blick derer einzubringen, die nicht schon jahrelang Parteiarbeit machen. Den Verdacht eines freisinnigen Burgdorfers, man hole die politisch bisher wenig Aufgefallene wohl vor allem wegen ihres hübschen Blickes, lässt sie nicht gelten. Es könne nicht falsch sein, wenn die SVP-Spitze auch an die Frauen denke. Und sie lasse sich ohnehin nicht in ein Schema pressen, auch nicht in jenes eines Parteimaskottchens.

Mit ihrem Engagement für Kinderkrippen hat sie dies zumindest in einem Punkt bewiesen, wobei sie von seltener Milde ihrer Mentoren profitiert. Die Fremdbetreuung werde eben auch in der SVP immer mehr zu einem Thema, sagt Walter Wobmann. Und auf der Parteizentrale heisst es, Pieren sei mit ihrer Krippe eine erfolgreiche KMU-Unternehmerin. Dass sie dafür selber jene Startkredite benötigt hat, gegen welche die SVP seit Jahren kämpft, blenden die Parteioberen aus. Sie dürften es von ihren Gegnern spätestens dann zu hören bekommen, wenn die nächste Abstimmung über Krippengelder ansteht.

(Der Bund)

Erstellt: 12.04.2010, 23:44 Uhr


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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