Die Schweiz ist doch super

Man muss kein Nationalist sein, um einiges an diesem Land gernzuhaben. Was lieben Linke an der Schweiz?

Sauberkeit, Pünktlichkeit, Effizienz: Die Schweiz wäscht weisser. Foto: Keystone

Sauberkeit, Pünktlichkeit, Effizienz: Die Schweiz wäscht weisser. Foto: Keystone

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Vor den Wahlen sagte Lukas Bärfuss dem Land seine Meinung, nach den Swiss Awards überkam es Sophie Hunger. Auch sie findet die Schweiz gar nicht gut. Ihre Gesellschaft sei «extrem homogen», sagte die Musikerin den «Schaffhauser Nachrichten», ihre Kultur «rückständig und antidemokratisch», und das sei Gift für ihre Arbeit. «Dabei liebe ich die Schweiz», sagte sie noch. Man merkte es ­ihrem Interview nicht an. Sophie Hunger lebt in Berlin.

Eines muss man dem Land lassen: Es bietet sich ideal zum Heruntermachen an. So wie man in der Pause den Streber verprügelt.

Eines muss man dem Land lassen: Es bietet sich ideal zum Heruntermachen an. So wie man in der Pause den Streber verprügelt. Zu kritisieren gibt es ja eine Menge: Die Schweizer Banken managen ein Drittel aller weltweiten Offshore-Gelder und lagerten Diktatorengelder während Jahrzehnten. Das Land betrieb im Zweiten Weltkrieg eine kaltherzige Flüchtlingspolitik, die Einbürgerungspraxis bleibt bis heute schikanös. Die Schweiz operiert als Egoistin Europas, die gerne Genf als UNO-Stadt vorzeigt, der Organisation aber erst im letzten Moment beigetreten ist. Sie macht auf Neutralität und liefert Waffen. Sie beherbergt Rohstofffirmen wie Glencore in Zug, die Pharmariesen in Basel, den Ernährungskonzern Nestlé in Vevey. Es geht ihr gut, dennoch schotten sich ihre Bewohner immer weiter ab. Die Schweiz wird als selbstgefälliges Land wahrgenommen, von biederen, mürrischen Menschen bewohnt. «The heart of darkness» nannte der linksliberale «Guardian» das Land einmal, in Anspielung auf die Kolonialnovelle von Joseph Conrad.

Schockwellen auf dem Kontinent

Und das war alles vor dem 9. Februar 2014, vor der Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Danach waren die ausländischen Kommentatoren nicht mehr zu bremsen. «Die hetzerische Saat der europäischen Rechtspopulisten und Nationalisten geht auf», klagte der «Tagesspiegel». «Land des Geldes, Land der Angst», titelte «Spiegel online», «Focus» bot eine «Rassismus-Chronologie» an, «Le Monde» machte sich grosse Sorgen um das Nachbarland, der «Guardian» sprach von «Schockwellen, die durch den ganzen Kontinent gehen». Und die «Huffington Post» sagte knapp: «Wir müssen draussen bleiben.»

Dieselbe Stimmbevölkerung bestand am selben Sonntag trotz einer gehässigen Kampagne darauf, Abtreibungen weiter über die Krankenkasse zu finanzieren.

Was die wenigsten Kommentare erwogen: das äusserst knappe Abstimmungsresultat von 50,3 Prozent Ja-Stimmen. Was die meisten Kommentare ignorierten: den starken Zuspruch ihrer eigenen Leserschaft zum Abstimmungsresultat; alleine im «Guardian» trafen innert eines Tages über 1000 Stellungnahmen ein, viele wünschten sich eine solche Abstimmung im eigenen Land. Und was kein einziger Kommentar registrierte: dass dieselbe Stimmbevölkerung am selben Sonntag trotz einer gehässigen und moralisierenden Kampagne darauf bestand, Abtreibungen weiter über die Krankenkasse zu finanzieren. In den USA wäre ein solches Plebiszit undenkbar.

Bei der SVP hat das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative die Hoffnung gestärkt, weitere aussenpolitische Korrekturen durchzubringen. Das Völkerrecht soll eingeschränkt, die Bilateralen wenn nötig aufgegeben und die Ausschaffung krimineller Ausländer auch bei geringen Delikten beschleunigt werden. Wer sich das Wahlvideo ansieht, mit dem die Partei in die vorletzten Wahlen zog, bekommt Chalets, Autobahnen und Panzer vorgeführt: eine Schweiz aus den Fünzigerjahren. Bei ihrer letzten Wahlkampagne erinnerte die SVP daran, dass die Heimatliebe ihr gehört, ihr alleine.

Die Freude am Pragmatischen

Dabei muss man kein Nationalist sein, um manches an diesem Land zu mögen. Die verlässliche, wenig korrupte und aufs Ganze gesehen bürgernahe Verwaltung. Der Respekt für das Kleine, das Misstrauen gegen das Aufgeblähte. Die Mehrsprachigkeit. Die Vorzüge von so biederen Eigenschaften wie Sauberkeit, Pünktlichkeit und Effizienz. Ausserdem sind die Schweizerinnen und Schweizer viel freundlicher, als sie oft dargestellt werden. Laut dem «World Happiness Report» gehören sie zu den glücklichsten Menschen der Welt. Das habe auch mit dem Gefühl von Sicherheit zu tun, sagt der sozialdemokratische Historiker Peter Hug: Die Jugendgewalt sei zwischen 2009 und 2014 faktisch auf die Hälfte gesunken, die Zahl der Schusswaffentoten habe sich halbiert. Die Lebensqualität in vielen, rot-grün regierten Schweizer Städten sei höher denn je, Familien kehrten zurück, die früher aufs Land gezogen seien.

Die Schweizerinnen und Schweizer sind viel freundlicher, als sie oft dargestellt werden. Sie gehören zu den glücklichsten Menschen der Welt.

Was gefällt den Kontrahenten der SVP sonst noch an ihrem Land? Die Linke ist eher dafür bekannt, die Schweiz zu kritisieren und ihre Alternativen so weit zu utopisieren, dass sie von der Realität nicht beschmutzt werden. Umso erstaunlicher, dass in Gesprächen mit Kontrahenten der SVP überhäufig ein Begriff genannt wird, dessen besondere Eigenschaft darin besteht, keine Besonderheit zu haben: Pragmatismus. Diese nüchterne Haltung gefalle ihm an seinem Land, sagt der Basler Historiker Thomas Maissen, der in Paris das Deutsche Historische Institut leitet. Sie bestimme auch die allermeisten Abstimmungsresultate, «nur vergessen wir die, weil wir uns nur an die umstrittenen, von starken Gefühlen bestimmten Entscheide erinnern».

Frühes Erkennen, spätes Reagieren

Von Pragmatismus redet auch Elisabeth Joris, die feministische Historikerin, wenn sie das deutliche Ja zur Finanzierung der Abtreibung kommentiert. Anders als in den Achtzigerjahren beim neuen Eherecht sei es hier nicht um Ideologien oder Geschlechterrollen gegangen, sagt sie, «sondern um die Bestätigung einer Praxis, die sich bewährt hat. Es war keine Zustimmung aus Solidarität, sondern aus Pragmatismus.» Das mag ein Charakterzug der Schweizer sein, die nicht als Träumer bekannt sind, nur bestimmt er nicht die erste Reaktion auf ein neues Problem, sondern die letzte. «

Der Pragmatismus setzt sich durch, wenn klar ist, dass andere Lösungen eher schaden als nützen», sagt eine Politikerin, die den Prozess selber erlebt hat: Ruth Dreifuss. Die ehemalige Gesundheitsministerin hat am Beispiel der Drogenpolitik erlebt, wie dramatisch die Situation am Letten in Zürich eskalieren musste, bis sich die Einsicht einer neuen Drogenprävention durchsetzte und die kontrollierte Heroinabgabe vom Stimmvolk angenommen wurde. «Die Bevölkerung liess sich von ihrem Pragmatismus leiten und von den wissenschaftlichen Erkenntnissen überzeugen.»

Einer Minderheit kam die Schweiz früher entgegen als die meisten anderen Länder. Sie führte 2005, nach unaufgeregter Debatte, die eingetragene Partnerschaft für Schwule und Lesben ein.

Dabei profitiere die Schweiz von einem Frühwarnsystem, sagt die ehemalige Bundesrätin. Das habe schon damit zu tun, dass unser Land, anders als im zentralistischen Frankreich, einen Teil der Macht föderalistisch verteile. Zudem sorge man sich besonders um den Zusammenhalt des Landes. Deshalb bleibe das Problem eines Dorfes oder einer Minderheit selten unentdeckt. «Es geht nicht lange, bis das ganze Land darüber redet.»

Einer Minderheit kam die Schweiz früher entgegen als die meisten anderen Länder. Sie führte 2005, nach unaufgeregter Debatte und Abstimmung, die eingetragene Partnerschaft für Schwule und Lesben ein. «Das war damals fortschrittlich, nur ist seither nichts passiert», sagt Diccon Bewes, ein englischer Reisejournalist, der mit seinem Freund in Bern lebt und Schweizer werden möchte. Bewes hat schon mehrere Bücher über das Land geschrieben und dabei all die Vorurteile widerlegt, die Zeitungen wie der «Guardian» bei jeder Gelegenheit hervorholen. Er bedauert, dass die Schweiz bei der eingetragenen Partnerschaft geblieben ist. Sie sei, sagt er, bloss eine Ehe zweiter Klasse. Selbst das katholisch-konservative Irland habe die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet.

Dass die Schweiz ihr Potenzial nicht realisiert, findet und schreibt auch Peter Bodenmann seit vielen Jahren, der ehemalige SP-Präsident macht dabei auch den Linken Vorwürfe. Die Schweiz sei wie geschaffen für eine moderne Energie- und Umweltpolitik, «dennoch hat uns Deutschland schon weit überholt, die setzen dort um, über was wir noch immer herumreden». Er vermisst den ini­tiativen Geist, den das Land wiederholt bewiesen habe.

Wir sind die Verfassung

Dieser Geist weht schon durch die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die 1848 beschlossen, mehrfach revidiert, zum letzten Mal 1999 gründlich nachgeführt und vom Volk mit fast 60 Prozent gutgeheissen wurde. Einer der grössten Bewunderer dieser Verfassung musste lange ohne ihre Rechte auskommen: Fernand Melgar, der sich als Dokumentarfilmer mit Asylsuchenden, Flüchtlingen, Abgewiesenen, Auszuschaffenden und anderen Unerwünschten auseinandersetzt. Der Regisseur wurde in Tanger geboren und wuchs als Kind spanischer Sans-Papiers in Lausanne auf. «Ich liebe die Schweiz und ihr politisches System», sagt er, der sich vor zwölf Jahren einbürgern liess. Er habe damals einen Eid auf die Verfassung abgelegt. «Wer sie liest, wird sehen: Die SVP ist daran, uns Eidgenossen das Land zu stehlen.» Die Schweizer Demokratie sei die beste von allen, aber sie sei auch zerbrechlich.

Gleichzeitig kommt die Welt zu uns: 46 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung haben mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren ist.

Und wie steht es um die Integration? Über kaum ein Thema wurde im Landesinneren dermassen heftig gestritten in den letzten Jahren, keine Haltung bestimmte unsere aussenpolitischen Abstimmungen dermassen stark wie das Misstrauen, keine Angst war so weit verbreitet wie die Angst vor Ausländern. Überall in der Schweiz gibt es Ärger, wo eine Asylunterkunft eingerichtet werden soll. Immer wieder schockierten Berichte über ausländische Räuberbanden, Rentenbetrüger aus den Balkan­ländern, afrikanische Drogendealer, fremdländische Raser, Vergewaltiger und Diebe. In den Schweizer Gefängnissen sitzen mehr Ausländer als Schweizer.

Ein Land ohne Ghetto

Das ist natürlich schlecht, aber keine Schweizer Spezialität. Und es besagt noch wenig über die Integration insgesamt. «Ich kenne kein Land, das so gut integriert wie die Schweiz», sagt Regisseur Fernand Melgar, der weit in der Welt herumgekommen ist. Gleichzeitig kommt die Welt zu uns: 46 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung haben mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren ist. «Dennoch gibt es bei uns keinerlei Segregation», sagt Peter Hug. Die Schweiz, findet er, weise «eine höchst inklusive, erfolgreiche multikulturelle Gesellschaft auf».

Wie das läuft, zeigt ein türkischer Unternehmer in Basel. Mustafa Atici studierte als Wirtschaftsingenieur in Ankara, kam mit 23 Jahren nach Basel, lernte Deutsch, absolvierte am Europainstitut ein Nachstudium und gründete einen türkischen Schnellimbiss und weitere Firmen, die er als Geschäftsführer leitet. Ausserdem politisiert er für die SP im Grossen Rat. «Wäre die Schweiz als Einwanderungsland gescheitert», sagt er, «hätten Ausländerinnen und Ausländer hier nicht so viel erreicht – in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Und sie hätten weit weniger Erfolg mit ihrer Arbeit.» Was missfällt ihm denn am meisten? «Leute, die in ihrer Opferrolle verharren. Ob Schweizer oder Ausländer, ist egal. Ich mag diese Haltung nicht.»

Sie ist Gift für die Arbeit.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2016, 23:49 Uhr)

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