«Die Schweiz ist nicht mehr das sicherste Land»

Die Schweiz muss sich verabschieden vom Mythos, sie sei das sicherste Land der Welt: Das Niveau der Kriminalität hat sich den Verhältnissen in Europa angeglichen. Einbrüche, Gewalt und Drohungen nehmen zu.

«Die Schweiz ist nicht mehr das sicherste Land»: Stefan Blättler, Präsident SKK Kriminalkommission. (Video: Keystone)
Video: Keystone

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Das Niveau der Kriminalität in der Schweiz hat sich weitgehend den Verhältnissen im übrigen Europa angeglichen. Zu diesem Schluss kommt die neue schweizerische Opferbefragung. Einbrüche, Gewalt und Drohungen sind demnach in der Schweiz seit 2004 gestiegen.

«Die Schweiz muss sich verabschieden vom Mythos, sie sei das sicherste Land der Welt», sagte Kriminologe Martin Killias vor den Medien in Bern. Auch Stefan Blättler, Präsident SKK Kriminalkommission, sagt im Video-Interview mit Keystone (siehe oben), dass die Schweiz nicht mehr sicherer sei als die angrenzenden Länder.

Bei Gewalt- und Drohdelikten sowie den Einbrüchen habe die Schweiz in den vergangenen fünf Jahren den europäischen Durchschnitt erreicht.

Im Auftrag der Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) haben Killias und das Kriminologische Institut der Universität Zürich rund 2000 zufällig ausgewählte Personen befragt. Diese kommen nach eigenen Angaben immer häufiger mit Kriminalität in Berührung.

Die Delikte fanden vor allem auf der Strasse und nicht im häuslichen Bereich statt, wie Killias ausführte. In den vergangenen fünf Jahren seien zehn Prozent der Befragten von Gewalt oder Drohungen betroffen gewesen.

Bei der Opferbefragung 2004 hatten noch 7,2 Prozent über eine solche Erfahrung in den letzten fünf Jahren berichtet. Die Delikte seien gegenüber früheren Jahren tendenziell auch schwerer ausgefallen und beträfen vor allem Leute bis 26 Jahre.

Folge des Ausgangsverhaltens

Diese Entwicklung sei eine logische Folge des heutigen Ausgangsverhaltens, sagte Killias. Immer mehr junge Leute strömten an den Wochenenden in die Städte.

«Wenn hunderte Jugendliche den Samstagabend mit einer unbeschränkten Menge Alkohol am Zürcher Hauptbahnhof verbringen, wäre es ein soziologisches Wunder, wenn dort keine Gewalt passieren würde», sagte der Forscher. Mit dem oft zitierten Wertezerfall habe die Deliktzunahme weniger zu tun, zeigte sich Killias überzeugt.

Mehr Raubüberfälle und Einbrüche

Auch Raubüberfälle haben gemäss der Umfrage in den letzten fünf Jahren zugenommen. 2,2 Prozent der Befragten gaben an, sie seien überfallen worden. Betroffen seien vor allem Personen bis circa 40 Jahre. Die Anzahl Raubüberfälle liegt aber noch unter dem europäischen Durchschnitt.

Killias beobachtet eine Zunahme der Überfälle auch seit der Verbreitung der modernen Kommunikationsmittel. Weil fast jede Person ein Handy oder Smartphone bei sich trage, seien Raubüberfälle auf der Strasse wieder lukrativer geworden.

Einen ähnlichen Effekt vermutet der Kriminologe bei den Einbrüchen. Mit dem hohen Goldpreis lohnten sich Einbrüche wieder mehr, sagte er. Selbst ein «Taufketteli» bringe den Dieben einen anständigen Erlös.

Internationale Banden

Gaben bei der Opferbefragung 2004 noch 5,1 Prozent der Befragten an, in den letzten fünf Jahren Opfer eines Einbruchs geworden sein, waren es in der aktuellen Umfrage 7,1 Prozent. Killias vermutet auch einen Zusammenhang mit der organisierten Bandenkriminalität. Internationale Einbrecherbanden suchten sich immer häufiger die Schweiz als Zielland aus.

Nicht ganz zufällig: «Wäre ich ein Bandenmitglied im französischen Lyon, würde ich auch Genf als Ziel auswählen», sagte Killias. Denn nur in der Schweiz seien das Strafrecht und das Strafprozessrecht so milde. Ein Einbrecher könne fast schon davon ausgehen, dass er nicht in Untersuchungshaft kommt.

Zu wenige Polizisten

Die Resultate der Opferbefragung, die seit 1984 im Abstand von rund fünf Jahren durchgeführt wird, nimmt die Polizei sehr ernst, wie der Berner Polizeikommandant Stefan Blättler sagte. Die Resultate würden analysiert und mit der Polizeistatistik verglichen. In sieben Kantonen werden zudem noch Vertiefungsstudien ausgewertet. Deren Ergebnisse sollen im Herbst bekannt werden.

Die Sicherheit im öffentlichen Raum könne nicht alleine an die Polizei delegiert werden, sagte Blättler. Das sei eine globale Aufgabe der Gesellschaft. Zudem leide die Polizei unter Personalmangel und müsse immer mehr administrative Aufgaben übernehmen. «Wir haben Personalbestände, die immer noch auf dem Mythos der sicheren Schweiz basieren», sagte Blättler.

Suva alarmiert

2009 erlitten 13 von 1000 jungen Männern in der Freizeit durch Gewalt eine Verletzung. Bei den jungen Frauen waren es 2 bis 3 Fälle pro 1000. Die Suva spricht von einem «alarmierend hohen Niveau». Anzeichen für eine Trendwende gebe es keine.

Die gefährlichste Zeit ist in den Wochenendnächten nach Mitternacht, und zwar im Ausgang. Besonders hoch ist das Risiko in den Städten, wobei Städter nicht stärker gefährdet sind als jene, die für den Ausgang von der Landschaft in die Stadt strömen.

Die Suva betont, dass die starke Zunahme ausschliesslich auf Vorfälle im öffentlichen Raum zurückgeht. Diese machten insgesamt 82 Prozent der Fälle aus.

Im Ausgang oder in den Ferien

Im privaten Raum hat sich die Häufigkeit der Fälle nicht verändert. Offenbar habe die Gesellschaft auf die Gewalt in der Öffentlichkeit noch keine angemessene Reaktion gefunden, heisst es in der Studie.

Auch im Berufsleben wurde keine Zunahme von gewaltbedingten Verletzungen festgestellt. Den gefährlichsten Beruf haben die Polizisten: Mit 11 von 1000 Fällen ist ihr Risiko, bei einer Gewaltanwendung im Beruf verletzt zu werden, aber kleiner als bei den 15 bis 24 Jahre alten Männern in der Freizeit.

Auch Soldaten erleiden gewaltbedingte Verletzungen. 40 Prozent der Fälle ereignen sich im Ausgang oder in den Ferien. (pbe/sda)

Erstellt: 30.08.2011, 09:36 Uhr

Studienleiter und Kriminologe: Martin Killias. (Bild: Keystone )

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