Schweiz
Die Schweiz verschandelt die schönen Landschaften
Von David Schaffner, Bern . Aktualisiert am 25.06.2010 26 Kommentare
Die Landschaftsschützer von Pro Natura und Thomas Held von Avenir Suisse sind ein und derselben Meinung – dieses ungewohnte Bild der Harmonie ergab sich gestern nach der Veröffentlichung der neusten Studie des liberalen Thinktanks. Darin kommt die wirtschaftsnahe Organisation zum Schluss, dass viele Kantone «ihre Aufgaben in der Raumplanung nur bedingt wahrnehmen». Tatsächlich wächst in der Schweiz die Siedlungsfläche schneller als die Bevölkerung. Jedes Jahr überbauen Bauarbeiter eine Fläche in der Grösse des Walensees – Tendenz steigend.
Avenir Suisse stellt daher fest: Die Entwicklung ist «wenig nachhaltig und läuft dem Verfassungsziel des haushälterischen Umgangs mit dem Boden zuwider». Um mehr Transparenz in die Umsetzung des nationalen Raumplanungsgesetzes durch die Kantone zu bringen, hat der Thinkthank erstmals die verschiedenen Instrumente der Siedlungsplanung verglichen. Das Ranking zeigt eklatante Unterschiede (siehe Grafik rechts): Gut schneiden städtische Kantone wie Zürich, Genf und Bern ab. In kleinen Kantonen wie Glarus oder Innerrhoden hingegen ist die Umsetzung der Raumplanung so schlecht, dass «kaum von einer Steuerung der Siedlungsentwicklung gesprochen werden kann». Avenir Suisse fordert, dass die schlechten Kantone künftig von den guten lernen.
Verbände werben für Initiative
Die Umweltverbände reagierten mit Jubel auf diesen unerwarteten Befund aus der liberalen Ecke: Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz und Otto Sieber von Pro Natura interpretierten die Studie als Argument für die Annahme ihrer Landschaftsinitiative. Diese fordert, dass die Gesamtfläche der schweizerischen Bauzonen während 20?Jahren nicht mehr wächst und die Kantone künftig verdichtet bauen.
Angesprochen auf den Jubel der Verbände, wand sich Held gestern etwas: Die Hälfte der Studienmitarbeiter unterstütze die Initiative, gab er zu. Er hingegen nicht. Held setzt darauf, dass das Parlament einen guten Gegenvorschlag zum Volksanliegen ausarbeitet und neue Mindeststandards festlegt sowie dafür sorgt, dass die Stände künftig überkantonal planen (siehe Interview unten). Laut dem Bundesamt für Entwicklung (ARE) sind im Gegenvorschlag bisher vor allem konkretere Vorgaben für die kantonalen Richtpläne vorgesehen.
Zürich oder Bern schneiden in der Studie bereits heute gut ab, weil sie die verschiedenen Instrumentarien insgesamt ziemlich gut anwenden. Sehr gut sind sie bei der Konzentration der Siedlungsentwicklung und der Bauzonenpolitik. Zürich punktet überdies bei der Raumbeobachtung und Bern bei der Planung funktionaler Räume.
Allerdings erreichen auch die Klassenbesten nicht mehr als zwei Drittel der möglichen Punktzahl. Der ehemalige ARE-Vizedirektor Fritz Wegelin sagte daher während der Vorstellung der Studie, die er lektoriert hatte: «Auch das Spitzenfeld kann noch lernen.» Sämtliche Kantone müssen also darauf achten, dass sie die wichtigsten Instrumente der Raumplanung konsequenter umsetzen oder überhaupt erst einführen.
- Konzentration der Siedlungsentwicklung: Erfolgreich sind Kantone, die den Gemeinden beispielsweise verbieten, unkontrolliert Gewerbegebiete einzuzonen, den Zentren einen höheren Bauzonenbestand erlauben als den Peripherien oder darauf achten, dass die Siedlungsentwicklung und der Ausbau von Verkehrsnetzen parallel verlaufen.
- Planung funktionaler Räume: Die ökonomische Entwicklung führt dazu, dass Kantonsgrenzen und Wirtschaftsräume nicht mehr überlappen. Kantone, die gemeinsame Gewerberegionen oder Naherholungsgebiete definieren, können hier punkten.
- Bauzonenpolitik und Siedlungsgrenzen: Von grosser Bedeutung ist, ob die Kantone bei der Genehmigung von neuen Zonen durch die Gemeinden streng verfahren. Fast alle Gemeinden wollen neue Zonen, um Firmen und Einwohner anzulocken. Konflikte sind laut der Studie an der Tagesordnung. Geben die Kantone kein Gegensteuer, entstehen wie im Wallis Bauzonenreserven für gegen 30 Jahre, obwohl das Gesetz nur Reserven für 15 Jahre erlauben würde.
- Raumbeobachtung: Nur Kantone wie Zürich, die über eine breite Datenbasis zur Siedlungsnutzung verfügen, können effektiv überprüfen, ob sie ihre Ziele in der Raumplanung erreichen. Zürich gibt sich alle vier Jahre Rechenschaft in einem speziellen Bericht.
Gelassen reagierte gestern der Sprecher von Glarus auf die miserable Platzierung seines Kantons: «Wir wissen, dass wir Arbeit vor uns haben. Deshalb haben wir uns eine Reform der Raumplanung vorgenommen.» Im Zusammenhang mit der radikalen Fusion von vielen Gemeinden will Glarus bis 2014 die Siedlungsplanung neu gestalten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.06.2010, 23:06 Uhr
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26 Kommentare
@ H. Frey: die Schweiz will doch wachsen und international mithalten? Wie wollen sie das tun ohne mehr Arbeiter und Steuerzahler? Wir haben eine Kontingentierung der Arbeitskräfte in der CH, wir Rosinenpicker pflücken uns diejenigen, die wir benötigen und sträflich versäumt haben selber auszubilden, sei es, weil uns Ausbildung zuviel kostete und wir bei der Bildung gespart haben. Wir Armen! Antworten
Eine Lösung wäre doch, dass wir noch mehr so hässliche, charakterlose Wohn- und Bürosilos wie den Primetower in Zürich hinstellen, damit ist jedenfalls den Geldgebern gedient . Dann fehlt nur noch die teuerungsabhängige Miete und schon gibt es ein paar wenige Millionäre in der Schweiz mehr und das Volk darf bluten, sowas nennt man Raumplanung. Antworten
@ Walker: Zwischen Zuwanderung bremsen und totaler Abschottung liegt ein riesiger Spielraum. Es macht keinen Sinn, die Schweizer Wirtschaft proportional durch noch mehr Firmen und noch mehr Arbeitskräfte aufzublasen, denn absolute Grösse ist nicht entscheidend für den Wohlstandslevel. Ideal wäre, wenn die Schweiz mit konstant 6 Mio Einwohnern jährlich die Produktivität pro Kopf steigern könnte. Antworten
Die Schweiz hat eine in die Zukunft gerichtete gesamtheitliche Raumplanung verpennt. Zusätzlich das Bevölkerungswachstum und die Tatsache, dass die Baufläche begrenzt ist (oder wollen wir Deutschland einnehmen ;) ) Somit gibt es nur noch das Wachstum in die Höhe. Dies ist nur mittels entsprechenden Gebäuden zu lösen. Ein einzelner Wolkenkratzer sieht nicht schön aus, doch eine gesamte Skyline... Antworten
Herr Zürcher ist absolut beizupflichten.Wir haben in der Schweiz bereits zuviele gierige Profiteure an der erhöhten Bodennachfrage. Apropos Gier:Wir müssen nicht nur den Bankers in den USA usw. diese vorwerfen, sie ist auch bei uns weit verbreitet.Auch Chefökonom Neff von CS stellt fest:Die Preise für Boden und Wohnungen werden erst sinken, wenn die Einwanderung abnimmt!Dies ist aber unrealistisch Antworten
Die Sache ist doch einfach. Jeder Immigrant braucht eine Wohnung, allein oder zu zweit. Jetzt rechne man, 2009 sind 150'000 eingewandert und 50'000 ausgewandert (ca.Zahlen). Hunderttausend brauchen mindestens 50'000 Wohnungen. 2009 wurden 64'000 neue Wohunge gebaut. Alles klar?Man MUSS die Zuwanderung bremsen, aus UeberlebensgründenAber lt. Bern haben ja noch 1,4 bi 2 Mio Einw. zusätzlich Platz! Antworten
@Martin Reifler Bin völlig mit Ihnen einverstanden. Finde auch die SP ist langsam nicht mehr wählbar, da sie die Themen die die Bevölkerung beschäftigen nicht anspricht. Wenigstens gibt es bei den Grünen einen Lichtblick mit dem Arbeitspapier von Bastien Girod zur Bevölkerungsentwicklung. Prompt wurde dieser natürlich von Frau Genner in die rechtsradikale Ecke gestellt. So ist kein Dialog möglich. Antworten
Bitte jetzt nicht der Ramplanung, der Politik, den Gemeinden oder sonst wem die Schuld geben. Schuld sind maximal die Jasager zur Personenfreizügigkeit. Jedes Jahr kommen seit diesem Entscheid plus 100% Ausländer in die Schweiz. In effektiven Zahen ca. 95'000-120'000 Menschen jedes Jahr. Selbstredend wollen die auch irgendwo wohnen... Antworten
@Reifler Schön und gut über die Zuwanderung zu reden aber bitte dann auch die Folgen tragen, wenn wir uns abschotten. Es sind aber nicht nur die bösen Ausländer die unser Land zubetonieren, eher diejenigen die glauben einen Anspruch auf viel Platz zu haben. In weniger Häusern lebten mal 450'000 Menschen in Zürich. Ich kenne Leute die es heute als normal erachten zu Zweit auf 600-800 m2 zu leben. Antworten
Dürfen wir denn da wohnen, wo wir arbeiten? Nein, denn zuerst wird dem Gewerbe billiges Bauland gegeben und wir Arbeiter dürfen dann zusehen wo wir wohnen und uns glücklich schätzen, wenn wir uns eine Wohnung in der Nähe leisten können und es einen öffentlichen Verkehr zwischen Arbeitsplatz und Wohnort gibt. Hauptsache die Industrie und das Gewerbe verdienen ihr Geld. Antworten
Wir brauchen mehr Lebensraum. Deswegen ja auch die einfachere Angliederung von Nachbarsgebieten. Die Franzosen können bleiben wo sie sind, aber BW, Vorarlberg und die italienischen Gebiete passen doch zu uns. Dann hätten wir sofort wieder gaaaanz viel Land. Macht doch Sinn, alles in allem. Antworten
Eine wirksame Raumentwicklung ist nur in grossen und geeinten Kantonen wie Zürich und Bern möglich. Um der fortschreitenden Zersiedelung Einhalt zu gebieten, braucht es in unserer von vielen Kantonsgrenzen zerschnittenen Nordwestschweiz eine kantonsübergreifende, integrale Landschaftspolitik. Dies aber ist nur mit einem Kanton Nordwestschweiz möglich. Antworten
Der Befund ist nicht neu. Die Raumplanung existiert nur auf dem Papier. Alles ist praktisch freiwillig und den Kantonen überlassen. Reichlich naiv von Thomas Held, auf 'einen guten Gegenvorschlag' zur Initiative zu warten. 'Gut' wäre wie bisher: Jeder Kanton und jede Gemeinde kann machen was sie will, dafür sorgen die Interessensvertreter im Parlament. Deshalb brauchts die Landschaftsinitiative. Antworten
Man muss nur mit offenen Augen durch die Schweiz reisen, um die Folgen der katastrophalen Raumplanungspolitik festzustellen. Zugegeben: Im Ausland ist's häufig noch schlimmer. Aber dort sind auch die Landreserven meist grösser. Umgekehrt stelle ich fest, dass England seine unvergleichlichen Landschaften recht rigoros schützt. Antworten
Ich mache mir grosse Sorgen in welchem Tempo ganze Felder und Weiden einfach überbaut werden. Von St.Gallen bis Genf ist bald ein einziges "Dorf". Das belastet mich sehr. Jedoch höre ich mich in meinem Bekanntenkreis um, so bin ich der einzige der wirklich findet, die Schweiz sei überbaut. Jedes Dorf explodiert, jeder will noch mehr Wohnfläche. So kann es doch nicht weitergehen... Antworten
Schon wieder neue Pöschtäli schaffen für von der Industrie nicht benötigten gerne gross Experten ? Die Entscheidung über Form und Farbe fällt bereits bei der Erteilung der Baubewilligung, und, da sind genügend ausgewiesene Fachleute vorhanden. Neue Projekt verzögernde „Göttibuäbä Amtsstellen“ ? Und... wer soll das bezahlen ? Antworten
Es sollte die ganze Schweiz eingezont werden. Dann können Immobilien problemlos überall hingepflanzt werden. Die Gewinne der Baulobby und der Landbesitzer explodieren, was wiederum gut für den Staat ist, der kann dann wieder die Steuern senken und noch mehr Reiche werden dann noch mehr Immobilien brauchen, weil ja alle in die Schweiz wollen. Das ist doch die Eierlegendewollmilchsau, gut für alle. Antworten
Die Gier der Politiker und Stadtplaner ist halt unerschöpflich. Bern ist ein Musterbeispiel. Ältere Wohnquartiere verslumen. Objekte werden an Ausländer verkauft. Derweilen werden neu Projekte gebaut welche kein Mensch braucht. Brünnen, Waldstadt usw. Bei jedem Spatenstich stirbt ein Stück Lebensqualität. Im Wald wird eine KVA gebaut was keiner begreift. In der alten verseuchten KVA Wohnungen. Antworten
Der Ledergerber-Tower in Zürich pass natürlich auch nicht in die Umgebung und Landschaft der Stadt.Nur da hat sich der vorgängige "Stapi" noch ein Denkmal setzen lassen.Da kann man immer wieder Initiativen schaffen und abstimmen lassen.Was aber schon verschandet ist bleibt eben dann doch.Es gehörte auch in den Text,was schon steht,muss innert 2 Jahren abgebrochen werden! Antworten
Und die Grünen schlafen einen tiefen Schlaf, denn die Hunderttausenden, die in den letzten Jahren zugewandert sind, brauchen schlicht und einfach Wohnraum, Strassen, Läden, Arbeitsräume... Als Naturschützer, ex-Mitglied und Wähler der Grünen, kann ich nicht verstehen, dass die Zuwanderung nicht diskutiert werden darf. Muss ich tatsächlich die gesellschaftspol.erzkonservative, bünzlige SD wählen? Antworten
Bevor hier dermassen Lob verteilt wird wäre es vielleicht interessant gleichzeitig zu untersuchen warum in Zürich Stadt praktisch kein Wohnraum erhältlich ist und die Preise dermassen explodieren dass man bereits von einer Immobilienblase spricht. Antworten
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Reto La Roche
Eigentlich erstaunlich, dass jemand das bemerkt ! Antworten