«Die Städte wollen die Möglichkeit, Alkohol zu verbieten»

Der Städteverband hat Vorschläge im Kampf gegen nächtliche Exzesse präsentiert. Direktorin Renate Amstutz sagt, was sie sich für das neue Alkoholgesetz wünscht und was sie von Polizeipatrouillen hält.

Alkohol bei Jugendlichen ist ein grosses Problem: Teilnehmer eines Botellón in Zürich im Jahr 2008.

Alkohol bei Jugendlichen ist ein grosses Problem: Teilnehmer eines Botellón in Zürich im Jahr 2008. Bild: Keystone

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Der Schweizerische Städteverband hat mögliche Massnahmen gegen die Auswüchse des Nachtlebens gesammelt. Der Bericht zeigt: Sensibilisierung wirkt wenig. Warum?
Es hat sich gezeigt, dass sensibilisierende Aktionen wie Plakate, die auf das Littering-Problem hinweisen, direkt wenig wirken. Wichtiger hingegen sind Präventionsmassnahmen wie der Einsatz von Jugend- und Sozialarbeitern, Absprachen mit den Nachtlokalen oder Patrouillen. Dort wo die Situation überbordet und sich niemand mehr an die Regeln hält, helfen nur noch repressive Massnahmen wie die Mitnahme auf die Dienststelle oder eine Anzeige. Wichtig ist ein institutionalisierter Dialog zwischen allen Beteiligten.

Die Stadtpolizei Zürich will die Präsenz von Donnerstag bis Sonntag verstärken. Nützt das etwas?
Das Vorortsein der Polizei oder von Sozialarbeitern trägt sehr viel zur Beruhigung der Lage bei. Das hält den einen oder anderen vielleicht davon ab, öffentlich gegen Regeln zu verstossen. Der Grund: Es droht die Gefahr, aus der Anonymität herausgeholt zu werden. Das nützt viel.

Die Voraussetzungen in den Schweizer Städten sind sehr unterschiedlich: Wie werden Sie dem gerecht?
Die meisten Städte sind, sobald sie eine bedeutende Funktion für die Region einnehmen, vom Nachtleben betroffen. Einzig die Dimensionen sind unterschiedlich. Die Auswirkungen des Nachtlebens sind also für alle Städte ähnlich – einfach nicht im selben Ausmass. Deshalb wieder: Der Erfahrungsaustausch ist enorm wichtig, um von den Massnahmen anderer Städte zu profitieren.

Ein aktives Nachtleben macht eine Stadt auch attraktiv. Eine Gratwanderung.
Das Nachtleben hat eine grosse kulturelle, soziale und wirtschaftliche Bedeutung. Städte sind Zentren, in denen aber verschiedenste Bedürfnisse zusammenkommen. Durch die grossen Interessengegensätze ergibt sich natürlich Konfliktpotenzial. Das Nachtleben gehört genauso zu einer Stadt wie diejenigen Personen, die morgens früh joggen gehen wollen. Es ist nicht so, dass das eine Bedürfnis richtig und das andere falsch ist. Aber eine Stadt muss einen politischen Entscheid fällen, wie gross das Nachtleben werden und wo es stattfinden soll. Sie kann es sicherlich nicht komplett steuern, aber Einfluss nehmen kann sie.

Nächtliche Exzesse werden punkto Lärm vermehrt zum Problem für Anwohner. Wie lässt sich der Konflikt lösen?
Für Städte ist eine Durchmischung der Nutzung in den Quartieren wichtig. Quartiere, in denen sich nachts das Partyleben abspielt, sollten tagsüber nicht leergefegt sein. Trotzdem gibt es Zonen, die sich besonders für das Nachtleben eignen, und solche, wo dies weniger der Fall ist. Wer zum Beispiel in der Zürcher Altstadt wohnt, weiss, dass es dort laut werden kann. Das überrascht auch niemanden. Wichtig ist, Rücksicht zu nehmen. Die Stadt muss bemüht sein, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. So gibt es beispielsweise Lärmmessgeräte für Veranstaltungen oder auch ein Beschwerdemanagement. Damit fühlen sich Anwohner ernst genommen.

Ein grosses Problem ist der hohe Alkoholkonsum. Sie nehmen die Detaillisten in die Pflicht und kritisieren, dass Alkohol fast uneingeschränkt zur Verfügung steht. Was schlagen Sie vor?
Beispiele zeigen, dass zeitliche Einschränkungen zumindest teilweise wirken. Nachdem die SBB an Bahnhöfen nach 22 Uhr den Alkoholverkauf verboten haben, hat sich die Lage an den Bahnhöfen verbessert. Aber: Wir sind uns bewusst, dass solche Massnahmen kein Allheilmittel sind. Wer Alkohol kaufen will, wird dies auch tun. So decken sich Jugendliche einfach frühzeitig mit Alkohol ein. Trotzdem, solche Massnahmen erhöhen die Kaufschwelle.

Die Ergebnisse Ihres Berichts fliessen auf Bundesebene in die Diskussion um das neue Alkoholgesetz ein. Was würden Sie sich wünschen?
Wir hätten uns gewünscht, dass Städte die Möglichkeit haben, zeitlich und räumlich beschränkt in besonderen Situationen ein Alkoholverbot zu erlassen. Zum Beispiel bei Grossveranstaltungen. Damit hätten die Städte die Chance kurzfristig zu reagieren, wenn sie von Trinkpartys wie den Botellones auf öffentlichem Raum erfahren. Doch damit sind wir beim Bund nicht durchgekommen. Sehr wichtig sind uns zudem Testkäufe, um sicherzustellen, dass die Alterslimite beim Alkoholverkauf respektiert wird.

Auf Bundesebene wird zudem eine Erhöhung der Alkoholsteuer diskutiert. Glauben Sie, dass das wirkt?
Wenn Alkohol billig ist, führt das sicher eher zum Kauf. Als die Preise bei den Alcopops erhöht wurden, gingen die Verkäufe stark zurück. Auch als Coop an Bahnhöfen sein billigstes Bier aus dem Verkauf genommen hat, hat das etwas gebracht. Jedoch finden Jugendliche immer Ausweichmöglichkeiten. Seit die Preise bei den Alcopops gestiegen sind, haben sie sich ihren Alkohol in PET-Flaschen selber zusammengemischt.

Das Nachtleben hat sich extrem rasch entwickelt. Mit welchen Veränderungen rechnet man in den nächsten Jahren?
Konkrete Angaben sind schwierig. die Entwicklung zur 24-Stunden-Gesellschaft wird sich nicht zurückdrehen lassen. Wichtig ist, wie ich anfangs gesagt habe, der stetige Dialog. Wenn die zuständigen Personen die Augen und Ohren offen halten, geht die Entwicklung nicht an ihnen vorbei und man kann auf neue Phänomene aktiv reagieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2013, 19:27 Uhr)

Renate Amstutz ist die Direktorin des Schweizerischen Städteverbands.

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