Die Strategie, die die Schweiz laut Borer jetzt braucht

Von Thomas Borer-Fielding. Aktualisiert am 10.12.2009 22 Kommentare

Ex-Botschafter Thomas Borer-Fielding hat ganz konkrete Vorstellungen darüber, wie sich die Schweiz aufstellen und wo sie aktiver werden muss.

Zur Person

Thomas Borer-Fielding leitete von 1996 bis 1999 die Taskforce Schweiz–Zweiter Weltkrieg und war danach Schweizer Botschafter in Berlin. Heute arbeitet er als Unternehmensberater.

Der Sturm, der über den Finanzplatz fegte, ist kurzfristig abgeflaut, aber er ist noch lange nicht vorbei. Politik und Wirtschaft müssen eine zukunftsfähige Strategie für die Verteidigung des Finanz- und Steuerplatzes Schweiz ausarbeiten und umsetzen. Als Axiom muss gelten: Die Erhaltung eines konkurrenzfähigen, starken Schweizer Finanzplatzes ist für uns alle lebenswichtig. Letztlich geht es dabei um die Verteidigung der Schweizer Grundwerte.

Was gehört zu dieser Strategie? Die Dienstleistungen und die regulatorischen Bedingungen auf dem Finanzplatz müssen vorbildlich sein. Fehler hier führen direkt zu weiterem Imageverlust und machen den Finanzplatz weltweit angreifbar. Nur auf dieser Grundlage kann der Kampf gegen die abstruse Idee eines umfassenden internationalen Informationsaustausches gewonnen werden.

Spiesse müssen gleich lang sein

Es muss darauf hingearbeitet werden, dass andere Finanzplätze - in den USA, Grossbritannien, Singapur und Hongkong - vergleichbaren Regeln wie die Schweiz unterworfen werden. Die Spiesse müssen gleich lang sein. Neben Verhandlungen über eine Ausweitung der EU-Zinsertragsrichtlinie und über eine allgemeine Abgeltungssteuer sind Steueramnestieabkommen mit wichtigen Ländern anzustreben. Dass die ersten Vorschläge nicht auf positives Echo gestossen sind, darf nicht abschrecken. Angesichts der Finanznot vieler Staaten dürfte der Vorstoss bald willkommen sein. Insbesondere Deutschland könnte unter einer gelb-schwarzen Regierung dafür empfänglich sein.

Unterstützt werden muss die Strategie durch eine nachhaltige Public- Relations- und Public-Affairs-Kampagne für den Finanzplatz, aber auch für unser Land. Die internationale Glaubwürdigkeit und der gute Ruf haben eine besondere Bedeutung für ein Land wie die Schweiz. Darum müssen wir an unserem Erscheinungsbild in der Welt arbeiten und die Marke Schweiz professionell führen. In Zukunft muss es ein gemeinsam von Wirtschaft und Politik getragenes Bild geben. Natürlich wäre es verfehlt, zu glauben, das Ansehen eines Landes oder seines Finanzplatzes lasse sich auf Dauer durch Werbekampagnen verbessern. Wichtig ist, welche Politik ein Staat konkret umsetzt. Aber die beste Politik der Welt nützt wenig, wenn sie überhaupt nicht dargestellt und verteidigt wird.

Es müssen allgemeine, aber auch für jedes Land spezifische Botschaften formuliert werden. Dazu gehört die Vermittlung von Fakten und Kenntnissen über die Schweiz und ihren Finanzplatz, zum Beispiel seine Bedeutung für den Wohlstand ganz Europas. Die legitimen Motivationen des Bankkundengeheimnisses und der Schutz der Privatsphäre sind darzulegen. Dazu gehört ein Argumentarium, wieso Steuerwettbewerb gut ist und dem wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand dient.

Beziehungsnetz in Europa schaffen

Vorurteile, wie das Bild der Schweiz als Hort krimineller Gelder, müssen bekämpft werden. Wir sollten unseren vorbildlichen Kampf gegen Kriminalität darlegen. Staaten, die uns angreifen, müssen mit einer schnellen und substanziellen «Antwort» rechnen, die insbesondere auch Mängel ihrer Finanzplätze oder ihrer Kriminalitätsbekämpfung auflistet.

Handlungsbedarf besteht vor allem in drei Richtungen. Erstens ist mit relevanten Regierungen, Verwaltungen und Parlamenten ein regelmässiger und intensiver Meinungsaustausch zu planen und zu implementieren. Dazu gehören Seminare und Workshops. Zweitens ist die Medienfront anzugehen. Wir müssen die internationalen Kommunikationsnetze besser handhaben und nutzen. Es gilt, in anderen Ländern präventiv oder reaktiv politischen und medialen Druck zugunsten des Finanzplatzes Schweiz auszuüben oder die Doppelmoral der jeweiligen Regierung in Finanzplatzfragen zu thematisieren. Drittens sind regierungsunabhängige Organisationen, Universitäten, Thinktanks sowie wichtige gesellschaftliche Gruppen einzubinden. Zu denken ist an die Schaffung von Instituten an ausländischen Universitäten oder die Vergabe von Stipendien und Forschungsaufträgen im Finanzbereich.

Ein solches Beziehungsnetz dient einerseits als Frühwarnsystem, anderseits zur Schaffung von Goodwill, auf den man in Krisenzeiten zurückgreifen kann. Es darf nicht nur von Steuer- und Bankfragen bestimmt sein. Mit Werten wie Freiheit, Wettbewerb, Rechtsstaatlichkeit können sich Menschen weltweit identifizieren.

Ein Krisenstab ist zu bilden

Diese Anstrengungen erfordern ein umfassendes Projektmanagement - wohl durch die Bankiervereinigung, unterstützt durch die Diplomatie - und erhebliche finanzielle und personelle Mittel. Es braucht zudem einen Kreis von Experten mit enger Bindung ans Finanzdepartement und ans Departement für auswärtige Angelegenheiten, der Szenarien sowie politische und mediale Antworten darauf erarbeitet. Aus diesem Kreis muss ein Krisenstab gebildet werden. Nur so lässt sich verhindern, dass die Schweiz beim nächsten Mal «kalt erwischt» wird.

Die Risiken einer globalisierten, interdependenten Welt für den Finanzplatz erfordern oft rasche Entscheidung und umgehende Umsetzung. Keine Stärke unserer auf Konkordanz ausgelegten Politstruktur, wie das Nicht-Handling der Auseinander-setzung um den Finanzplatz Schweiz gezeigt hat. Unser Regierungssystem, mit sieben gleichberechtigten Bundesräten und einem schwachen Bundespräsidenten im 19. Jahrhundert geschaffen, führt in einer komplexer und schneller werdenden Welt in Krisen zu verspäteten oder halbherzigen Entschlüssen.

Wir brauchen mehr Leadership. Dazu gehören die Fähigkeit vorauszuschauen und Einfallsreichtum, um in Zukunft nicht von Diktaten, Pressionen und Faits accomplis überrollt zu werden. Die Schweiz muss sich überlegen, wie dieses System zu verändern ist. Die Finanzwirtschaft sollte diese gesellschaftliche Diskussion mit anstossen. Wir stehen mitten in einer grossen Wirtschaftskrise. Die Schweiz muss die Chancen dieser Krise wahrnehmen. Das Land ist relativ wenig verschuldet, die Wirtschaft gut positioniert. Und im Gegensatz zur Wallstreet und zur City of London hat sich der Finanzplatz Schweiz - abgesehen von der UBS - als stabilisierender Faktor erwiesen. Das sind gute Voraussetzungen, um im internationalen Vergleich an Boden zu gewinnen und in einer stärkeren Position aus der Weltwirtschaftskrise hervorzugehen.

Dieser Beitrag entstammt dem heute im NZZ-Verlag erscheinenden Buch: «Neustart - 50 Ideen für einen starken Finanzplatz Schweiz». Die Herausgeber Claude Baumann und Ralph Pöhner haben 33 namhafte Autoren versammelt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2009, 11:58 Uhr

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22 Kommentare

Su Studer

10.12.2009, 14:22 Uhr
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@:Klingler: Borer ist nicht gestrauchelt, sondern von Ringier und einen rückgratlosen BR Deiss rausgemobbt worden. Ringier musste einen schönen Batzen desswegen an Herrn Borer zahlen. Leider ist der Schweiz trotzdem ein fähiger Mann verloren gegangen. Anstatt zu jammern können Sie sich auch bei Herrn Borer bedanken, was er alles schon für die Schweiz geleistet hat, (zB Task Force Natzi-Gold) Antworten


ruth leemann

10.12.2009, 12:05 Uhr
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Die Zeit von Herr Borer ist abgelaufen und ist nicht der Wunschkanditat - es braucht andere Profile welche solche Regulieren bewältigen. Antworten



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