Die Stunde der Bischofsmacher

Bald muss Bischof Huonder zurücktreten. Wahlinstanzen wünschen sich einen Nachfolger in Huonders Geiste, die Reformkatholiken hingegen wollen einen Administrator.

Wer wird der neue Chef? Der Sitz des Bischofs in Chur. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Wer wird der neue Chef? Der Sitz des Bischofs in Chur. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Im Bistum Chur wird nächstes Jahr offiziell ein neuer Bischof gewählt. Aber wird er auch tatsächlich gewählt? Die 24 Geistlichen des Domkapitels haben zwar das verbriefte Recht, aus einer ­römischen Dreierliste den Bischof zu wählen. Der dienstälteste Domherr, der Zürcher Pfarrer Franz Stampfli, sagt jedoch resigniert: «Nicht einmal wir Domherren wissen, wer die Dreierliste zusammenstellt: Chur sagt, sie werde in Rom gemacht, und Rom sagt, sie werde in Chur gemacht.»

Wie auch immer: «Das Domkapitel wird nicht konsultiert. Wir erhalten die Liste und müssen sogleich wählen.» Frühestens am 21. April. Dann wird der ungeliebte Churer ­Bischof Vitus Huonder 75 Jahre alt und muss beim Papst seinen Rücktritt einreichen. Vielleicht hat er das aber auch bereits getan: Am 17. Dezember hatte er eine ­Audienz bei Papst Franziskus.

Die Strippenzieher der Bischofswahl sind im Hintergrund jedenfalls längst aktiv. Stampfli hofft, dass es anders verläuft als das letzte Mal, als er vor den versammelten Domherren erklären musste, dass kein Kandidat wählbar sei. Damals, am 6. Juli 2007, wurde dem Domkapitel eine Dreierliste vorgelegt, auf der neben Huonder zwei bistumsfremde Priester ­figurierten: der Lausanner Weihbischof Pierre Bürcher und der Walliser Erzbischof Emil Paul Tscherrig, damals Nuntius in Südkorea und der Mongolei. Weil zwei Unbekannte auf der Liste standen, hiess es nach der Wahl, Rom habe einen Blinden, einen Lahmen und den eigenen Favoriten auf die Liste gesetzt und so die Wahl Huonders erzwungen.

Kandidat Alain de Raemy, Freiburger Weihbischof.

Auch diesmal könnten auf der Dreierliste die Namen von auswärtigen Kandidaten stehen. Einer, der sich hartnäckig hält, ist jener des konservativen Freiburger Weihbischofs Alain de Raemy. Dass er gewählt wird, ist durchaus möglich, denn schon einmal wurde ein Freiburger Bischof nach Chur transferiert: 1998 Amédée Grab, der nach dem Abgang von Bischof Wolfgang Haas das aufgewühlte Bistum befrieden sollte. Auch der Urschweizer Generalvikar Martin Kopp sagt, der Name de Raemys werde immer wieder genannt. Offenbar favorisiert ihn die Bistumsleitung.

Stromlinienförmiger Freiburger

Der 58-Jährige ist in der Deutschschweiz ein unbeschriebenes Blatt, und so dürfte es – zumindest anfänglich – kaum Opposition gegen ihn geben. De Raemy ist stromlinienförmig, klerikal und kurial gewieft. In Rom, wo er als Kaplan der Schweizergarde diente und mit Ratzinger-Intimus Erzbischof Georg Gänswein Tennis spielte, ist er bestens vernetzt. Der Romand ist vielsprachig, Schweizerdeutsch inklusive, und versteht sich ausgezeichnet mit dem Churer General­vikar Martin Grichting. Unter einem Churer Bischof de Raemy dürfte dieser Weihbischof werden und wie bisher die Fäden im Hintergrund ziehen.

Grichtings Name dagegen wird laut Stampfli nicht auf der Dreierliste stehen: «Er weiss, dass er keine Chance hat.» Zu unbeliebt ist er mit seiner Polemik gegen die demokratisch verfassten Kantonalkirchen und die liberale Zürcher Gegenkirche. Schon im Frühjahr 2008 hatte Huonder versucht, Grichting zu seinem Weihbischof zu machen. Es war der damalige Bundespräsident ­Pascal Couchepin, der über den Nuntius in Bern im Vatikan eine Demarche deponieren liess.

Kandidat Marian Eleganti, Churer Weihbischof.

Obwohl er es selber nicht zugibt, verfolgte Grichting einen Plan B. Überraschend lancierte er Anfang Jahr die alte Idee eines Bistums Zürich – weil er so Chancen gehabt hätte, wenigstens Bischof des Rumpfbistums Chur zu werden. Der Plan ging nicht auf. Gegen das Bistum Zürich gibt es zu viele Einwände. Auch Marian Eleganti, der im Dietiker «Exil» lebende Churer Weihbischof, wäre für Konservative im Prinzip wählbar, er gilt jedoch als zu schwach, um an die Spitze des Bistums zu gelangen.

Die Wunschkandidaten der Liberalen sind die beiden Äbte des Klosters Einsiedeln: der Jetzige, Urban Federer, und der Frühere, Martin Werlen. Doch Werlen ist wegen seiner freiheitlichen Positionen in Rom nicht gefragt. Und Federer ist mit 48 Jahren zu jung. Beide scheinen auch wenig Lust auf das schwierige Bischofsamt zu haben.

Kandidat Andreas Rellstab, Pfarrer in Zürich-­Hottingen/Witikon.

Im Unterschied zum Stadtzürcher Pfarrer Andreas Rellstab, auch wenn er Ambitionen öffentlich dementiert. Der einstige Generalvikar Graubündens gilt als moderater Seelsorger. Mit seinem Rücktritt aus der Bistumsleitung hatte er gezeigt, dass er eine andere Linie vertritt als Huonder. Rellstab stammt aus einer evangelischen Zürcher Familie, die geschlossen zum Katholizismus konvertierte. Selber Domherr, wird Rellstab den nächsten Churer Bischof mitwählen. Mit seinen 50 Jahren wäre aber auch er ein gar junger Bischof. Und das nach rechts gerutschte Domkapitel dürfte ihn kaum wählen.

Die zentrale Figur: Gullickson

Viele Kirchenvertreter wollen allerdings gar keinen neuen Bischof, sondern ­lediglich einen Administrator. Der sogenannte Kreis der 70 Priester – darunter auch Rellstab – trifft sich regelmässig, um über eine Kirche ohne und nach Huonder nachzudenken. Er hat einen Brief nach Rom geschickt mit der Bitte, der Vatikan möge zunächst einen Administrator einsetzen, der im Bistum für Ordnung sorgen soll. Auch Generalvikar Kopp hat sich kürzlich in dieser Zeitung klar für diese Idee ausgesprochen, «weil zurzeit nicht nur das Bistum gelähmt ist, sondern weil ich auch das Domkapitel als funktionsunfähig erachte». Damit spielt er auf die starke konservative Mehrheit und die Spaltung im Domkapitel an.

Kandidat Urban Federer, Abt Kloster Einsiedeln.

Auch Domherr Stampfli steht hinter der Idee eines auswärtigen Administrators. Er wünscht sich den aufgeschlossenen Bündner Mauro Jöhri, aktuell Generalminister der Kapuziner in Rom. Huonder und seine Entourage hätten freilich keine Freude an einem Administrator; diese Massnahme ist Krisensituationen vorbehalten und würde ihnen ein schlechtes Zeugnis ausstellen.

Die zentrale Figur bei hiesigen Bischofsbestellungen ist Thomas Gullick­son, der erzkonservative päpstliche Nuntius in Bern. Er steht mit der Churer Bistumsspitze in bestem Einvernehmen und sieht keinen Grund für einen Administrator – seiner Meinung nach läuft im Bistum alles rund. Im Interview mit dem TA betonte er, es sei seine Aufgabe, die Namen geeigneter Kandidaten der ­Bischofskongregation in Rom zu übermitteln. Deren Chef ist Kardinal Marc Ouellet, und er ist genauso konservativ wie Gullickson. So ruhen die Hoffnungen der Schweizer Reformkatholiken vor allem auf dem eher liberalen Kardinal Pietro Parolin. Er steht dem vatikanischen Staatssekretariat vor, das ebenfalls bei der Wahl mitredet.

In Rom sollen Gullicksons schillernde Blogs zur Situation der Weltkirche und der Politik des Papstes auf wenig Gegenliebe stossen, wie man hört. Papst Franziskus ist zwar persönlich über die Situation im Bistum Chur informiert; ob er sich dennoch aktiv mit dem Schicksal der Schweizer Diözese befasst, ist fraglich, denn sehr bedeutend ist sie für ihn nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2016, 20:25 Uhr

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