«Die Therme war eine todgeweihte Braut»

Remo Stoffel, der Besitzer der Valser Therme, äussert sich zu seinen Turmbau-Plänen. Und er weist den Vorwurf zurück, beim Kauf sei nicht alles rechtens gewesen.

Remo Stoffel: «Je höher ein Objekt und je mehr Raumvolumen, desto freier fühlen sich die Gäste.» Foto: Doris Fanconi

Remo Stoffel: «Je höher ein Objekt und je mehr Raumvolumen, desto freier fühlen sich die Gäste.» Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Projekt eines Nadelhochhauses für Vals ist nicht auf ungeteilte Begeisterung gestossen, die Skepsis überwiegt. Enttäuscht?
Natürlich ist das nicht sehr ermutigend, wenn man sich lange mit einem Projekt auseinandersetzt und danach in erster Linie über die Höhe des Hauses diskutiert wird. Es geht hier jedoch um eine Grundsatzfrage, wie sich der Tourismus in der Schweiz weiterentwickeln soll. Er steht vor einer technologischen Erneuerung wie das Büro vor 30 Jahren, als noch auf einer Kugelkopfschreibmaschine geschrieben wurde: Der Tourismus ist auf dem Weg von einer arbeitslastigen zu ­einer kapitallastigen Branche.

Vals ist nicht St. Moritz. Schon ein Ort wie Andermatt ist schwierig zu gewinnen für reiche Klientel, auf die Sie setzen – obwohl dort total 2 Mil­liarden Franken in die Aufwertung der Region investiert werden sollen.
Das lässt sich nicht vergleichen. Andermatt ist in erster Linie ein Immobilienprojekt. Man schafft die Basis, um Wohnungen und Häuser zu verkaufen. Wir wollen in Vals ein Hotel realisieren, das wirtschaftlich überlebensfähig ist und das wir nicht verkaufen werden.

Ihre reiche Klientel erwartet eine entsprechende Umgebung.
Wir haben mit Laax ein fantastisches Skigebiet in der Nähe, in Sagogn einen Golfplatz. Aber wir wollen nicht den klassischen Feriengast ansprechen, die Familie, die Freizeitaktivitäten sucht. Das geplante Hotel entspricht einem Bedürfnis international tätiger Geschäftsleute, die auf ihren Reisen geschäftliche und private Aktivitäten kombinieren. Ich verbringe zweimal sechs Wochen jährlich mit meiner Familie in Dubai, je zwei Wochen bin ich alleine dort. Ob Sie diese Klientel anziehen können, darüber entscheidet nicht der traditionelle Luxus: Auch andernorts ist das Bett weich, das Filet zart.

Was entscheidet denn?
Neu kommt der Raum als Luxuskriterium dazu: Die Raumgrösse, die Raumhöhe und der Level über dem Boden bilden die Kriterien des Architektur- und Raumerlebnisses. Sie lösen im Menschen ein gutes Gefühl aus. In der Fläche, dem Volumen und dem gewachsenen Raum über dem Terrain: Je höher ein Objekt und je mehr Raumvolumen, desto freier fühlen sich die Gäste in luftiger Höhe. Es gibt in Europa nicht viele Hotels mit grossen Raumeinheiten in der Höhe.

Da besteht eine Marktnische?
Absolut.

Gibt es für Ihr Projekt einen Businessplan?
Dafür ist es zu früh. Das Hotel wird funktionieren, denn wir haben zwei weitere Standortvorteile: hohe Sicherheit und eine intakte Landschaft. Für eine exponierte Persönlichkeit, die mit ihrer Familie reist, ist Sicherheit ein zentrales An­liegen: Vals liegt in einem Hochtal mit nur einer Zufahrtsstrasse – ein Attentäter hat null Chancen, zu entkommen, null! Dazu kommen die Kühle im Sommer und die Quellen, die heiligen Wasser: eine Kombination von Thermal- und Mineralwasser. Mit dem Helikopter ist man sehr schnell an verschiedenen Orten: den Seen im Tessin, dem Wallis, der Innerschweiz.

Ohne Businessplan ist der Erfolg dieses Projekts Glaubenssache.
Einen Businessplan erstellen kann jeder, das ist keine Kunst. Er spuckt Ihnen die Zahlen aus, die Sie eingeben. Wichtiger ist die Sachlogik: Ich muss kein Guru sein, um herauszufinden, dass der Schweizer Tourismus deshalb in der Krise ist, weil die Löhne im Verhältnis zu den Preisen zu hoch sind. Der Monatslohn der Angestellten entspricht im Ausland etwa dem Erlös von einer bis drei Hotelnächten. In der Schweiz brauchen Sie zu dessen Finanzierung rund zehn bis zwanzig Hotelnächte. Das kann auf Dauer nicht rentieren. Ein Ausweg wäre, die Löhne zu senken – und das können wir nicht. Also müssen wir die Übernachtungspreise erhöhen. So haben wir auch wieder die Chance, Schweizer Angestellte zu finden.

Wie teuer wird denn eine Übernachtung im Turmhotel sein?
Das hängt vom Zimmer oder von der Suite ab. Im Schnitt werden es etwa 1600 Franken pro Übernachtung sein.

Das Bieterverfahren der Gemeinde beim Verkauf der Therme und des dazugehörigen Hotels an Sie war sehr undurchsichtig.
Die Gemeinde hat 20 Jahre lang einen ­Investor gesucht: Peter Zumthor, der Erbauer der Therme, wurde bekniet, die Gemeinde hat Hunderttausende von Franken ausgegeben, um einen Investor zu suchen. Die Therme war eine ausgelutschte, todgeweihte Braut, die niemand berühren wollte, ausser mit einem Steckchen. Nach 2009 brachen die Umsätze ein, danach war eine Notsituation. Wir fanden es traurig, dass nichts passiert, und fragten das Amt für Tourismus an, ob es für Vals einen Plan gebe. Ich habe dann der Gemeinde ein Projekt vorgeschlagen, sie war erst skeptisch. Wir mussten die Daten aufbereiten, das kostete rund eine halbe Million. Deshalb haben wir die Zusage erhalten, dass unser Projekt der Gemeindeversammlung vorgelegt wird. Erst nach dem Bekanntwerden unseres Angebots gab es plötzlich weitere Interessenten. Zuletzt blieb die Gruppe um Zum­thor.

Ein Memorandum of Understanding zwischen Ihnen und der Gemeinde sicherte Ihnen Exklusivität bei den Kaufverhandlungen zu. Für die Mitbieter galten nicht die gleichen Bedingungen wie für Sie.
Das mag sein, aber das ist nicht unser Problem. Ausserdem kannte die Gruppe um Zumthor das Hotel bestens, sie haben es schliesslich jahrelang betrieben.

Ein Valser hat wegen der Umstände des Verkaufs der Therme mithilfe des früheren Tessiner Staatsanwalts Paolo Bernasconi Strafanzeige eingereicht. Er wirft Verwaltungsräten der Therme Nötigung und Amtsmissbrauch vor. Was sagen Sie dazu?
Diese Anzeige betrifft mich nicht. Es handelt sich offensichtlich um einen weiteren hilflosen Versuch der unterlegenen Mitbewerber, den Verkauf der Therme mit haltlosen Beschuldigungen und mit Vorwürfen an die Gemeinde Vals zu diskreditieren.

Wie war die Differenz im Angebot?
Wir boten 11,777 777 Millionen Franken, die anderen 11 Millionen.

Und wie viel haben Sie bisher bezahlt?
Der Kanton hat einem künftigen Investor 4 Millionen Wirtschaftsförderung in Aussicht gestellt, also blieb für uns ein Kaufpreis von 7,777 777 Millionen: siebenmal die Sieben.

Eine magische Zahl.
Genau.

Haben Sie eine esoterische Seite?
Ich glaube an Glückszahlen, deshalb wird das Hotel 107 Zimmer haben. 107 gibt in der Quersumme 8.

Und?
Das ist eine Glückszahl.

Die 7,777 777 Millionen haben Sie bezahlt?
Wir haben bis jetzt 1,777 Millionen bezahlt. Für die verbleibenden 6 Millionen haben wir mit der Gemeinde vereinbart, dass wir gemeinsam in die Infrastruktur der Gemeinde finanzieren, für Tagungs- und Seminarräume, ein Sportzentrum und anderes. Die Gemeinde wird denselben Betrag aufbringen. Sie finanziert ihn aus dem Kaufpreis für die Therme.

Die übrigen 6 Millionen wären Ende März fällig gewesen.
Die Gemeinde konnte das Projekt bisher nicht verbindlich planen, weil eine Gruppe von 20 Leuten die Entscheide der Gemeindeversammlung angefochten hat. Damit war nicht klar, ob der Verkauf rechtskräftig würde. Dabei hat die Gemeinde dem Projekt in einem zweistufigen Verfahren zugestimmt, das zweite Mal mit gegen 75 Prozent. Ich habe mich bereit erklärt, die Frist bis zum September 2016 zu verlängern.

Dann haben Sie bisher nur 1,7 Millionen für die Therme bezahlt. Und der zugesagte Neubau ist in weiter Ferne.
Der Neubau wird der Turm sein, über den die Gemeinde nochmals abstimmen muss. Wir sind seit November 2013 Eigentümer der Therme und des dazugehörigen Hotelbetriebs. Zaubern können auch wir nicht. Aber wir haben inzwischen die Zimmer renoviert, die Küche. Wir haben 20 Millionen im vergangenen Jahr investiert, 15 Millionen dieses Jahr und dazu 10 Millionen in Arrondierungen.

Gab es stille Reserven?
Wo? Der Bau war in einem desolaten Zustand. Die Küchenlüftung stammte aus den 60er-Jahren, teilweise war das Haus mit Asbest isoliert, die Stromeinrichtung inakzeptabel. Wo sind da stille Reserven?

Wer an der Gemeindeversammlung dem Verkauf der Therme zustimmte, wusste nicht, dass er später wird Ja sagen müssen zu einem 380 Meter hohen Turm, damit die zugesagten Investitionen fliessen.
Ich hatte den Auftrag, hochwertige Architektur nach Vals zu holen, und das habe ich getan. Alle Projekte, die zur Diskussion standen, waren Türme. Als die Valser Ja sagten zu meinem Projekt, sagten sie Ja zu Veränderungen und zu einer progressiven Zukunft für ihr Dorf.

Muss Vals auf die Investitionen verzichten, wenn der Turm nicht realisiert wird?
Ich bin zuversichtlich, dass die Bevölkerung dem Bau zustimmen wird. Und auch aus der kantonalen Verwaltung haben wir positive Signale: Die Zusammenarbeit mit den Behörden ist konstruktiv. Der Turm ist das Ergebnis eines Architekturwettbewerbs, an dem sich zwei Pritzkerpreisträger beteiligt haben. Das wird kein Plattenbau aus Ostdeutschland. Schaffen Sie es erst einmal, zwei Pritzkerpreisträger an Bord zu holen!

Gemäss Mitteilung der Architekturjury fand die Mehrzahl ihrer Mitglieder, der Turm passe nicht nach Vals. Trotzdem entschieden Sie, dass der Turm der Gewinner ist.
Nur eine Minderheit der Jury hat sich geäussert. Die Jury war sich in der Beurteilung des Projekts uneins, weshalb sie keine Empfehlung abgab. Damit sie das Gesicht wahren konnte, habe ich den Wettbewerb in diesem Stadium ohne Nennung eines Gewinners beendet. Ich trage das Risiko für den Bau und habe zum Schluss als freier Mensch entschieden.

Nochmals: Was würde passieren, wenn die Gemeindeversammlung Nein sagt zur Zonenplanänderung, die für den Turmbau nötig ist?
Dann entzieht man mir als Investor das Vertrauen. Dann werde ich nicht weiter­investieren. Die Valser müssen sich überlegen, ob sie den Turm wollen – oder was die Alternative ist. Im Areal Boda in Vals sind heute rund 40 000 Quadratmeter Bauland eingezont. Soll ich dort lieber ein Jumbo-Chalet neben dem anderen hinbauen? Die Valser müssen einen Grundsatzentscheid fällen: Wollen sie die hochwertige Architektur des Turms von Thom Mayne in die bestehende Hotelanlage einfügen – oder will man nackte Bauspekulation in der Fläche ausbreiten?

Bauen Sie den Turm an einem anderen Ort, wenn Vals Nein sagt?
Das sind Optionen, die ich dann prüfe, wenn es dazu kommen sollte. Das Projekt hat ein internationales Echo ausgelöst, aber ich möchte den Turm in Vals bauen. Er gibt dem Dorf ein positives Image und ist eine alternative Antwort auf die gegenwärtigen touristischen Bedürfnisse.

Laut Urteil des Bundesstrafgerichts von 2010 ging die Eidgenössische Steuerverwaltung in Ihrem Fall von Nachsteuerforderungen von 151,35 Millionen Franken aus.
Die angeblichen Steuervorwürfe sind die Folge eines früheren Konflikts mit einem ehemaligen Geschäftspartner. Diese Angelegenheit ist abgeschlossen. Ich habe keine Steuerschulden.

Wollen Sie eigentlich aus Verbundenheit mit Ihrer Herkunftsregion in Vals investieren – obwohl das Risiko gross ist?
Nein, ich lanciere dieses Projekt, weil ich daran glaube, dass es kommerziell rentiert. Sonst würde ich es nicht machen. Sonst könnte ich ja auch ein Museum bauen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.04.2015, 07:37 Uhr)

Remo Stoffel

Der Investor

Der 1977 geborene Remo Stoffel wuchs in Vals auf. Nach der Banklehre machte er sich mit 19 Jahren selbstständig. 2005 kaufte Stoffel mit zwei Partnern aus der Konkursmasse der Swissair die Immobilienfirma Avireal. Nach einem intensiven Rechtsstreit brachte er seine Anteile 2011 ins Bau- und Immobilienunternehmen Priora ein. Stoffel ist mit Ex-Snowboard-Weltmeisterin Manuela Pesko verheiratet.

Bildstrecke

Valser Hotelträume

Valser Hotelträume In Vals GR soll Europas höchstes Haus entstehen: ein 381-Meter-Turm mit Luxussuiten.

Das sagen die Valser zu den Hotelturm-Plänen.

Artikel zum Thema

Die Millionenwette

Analyse Der Turmbau zu Vals mag bizarr sein. Die Idee dahinter ist es nicht. Mehr...

Neue Vorwürfe zum Verkauf der Valser Therme

Die Gemeinde habe beim Verkauf von Therme und Hotel an Remo Stoffel grobe Fehler begangen, kritisiert Staatsrechtsprofessor Rainer J. Schweizer. Er spricht von Korruption. Mehr...

Gut gemeint – aber auch gut?

Kommentar Die Gemeinde Vals ist in einer schwierigen Ausgangslage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Hoch hinaus.

Entdecken Sie die Schweizer Bergewelt und erleben Sie spektakuläre Aussichten.

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Bunter Augenblick: Im indischen Mumbai findet der Feiertag Janmashtami zu Ehren Krishnas Geburt statt. Viele Hindus malen sich hierfür die Gesichter an. (23. August 2016)
(Bild: Indranil Mukherjee) Mehr...