Die Tigris-Einheit jagt Entführer, Betrüger und Behinderte
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 27.03.2009 11 Kommentare
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Bahnhofplatz Vevey, 6. März 2009: Zur Mittagszeit treten Waadtländer Kantonspolizisten an einen älteren Mann heran, der zuvor zehn Monate untergetaucht war. Die Gendarmen werden begleitet von Kollegen einer Einheit des Bundes, die zu jenem Zeitpunkt weder der Öffentlichkeit noch der Mehrheit der kantonalen Polizeidirektoren bekannt ist. Am Genfersee im Einsatz stehen Angehörige der Einsatzgruppe Tigris. Zusammen mit Waadtländer Polizisten verhaften sie um 13.15 Uhr Gerhard Ulrich. Der Gründungspräsident der Querulantenorganisation «Appel au peuple» weiss, was ihm blüht: 46 Monate Haft wegen mehrfacher Ehrverletzung und wegen Brandstiftung. Der 65-jährige Agronom und Hilfsbriefträger hatte das Haus seiner Frau in Saint-Prex angezündet. Den international Gesuchten ausfindig gemacht haben Zielfahnder aus dem Tiger-Bestand der Bundeskriminalpolizei.
Damals, vor drei Wochen, war Tigris geheim, heute ist bekannt, dass die Sondereinheit über ein Jahresbudget von 2,7 Millionen Franken und einen hypermodernen digitalen Schiesskeller in einem Berner Vorort verfügt. 2008 leisteten die 14 Tiger 40 Einsätze wie Festnahmen in Bundes- und Rechtshilfeverfahren, Gefangenentransporte, Rückführungen aus dem Ausland und Hausdurchsuchungen. Die Sonderpolizisten beteiligten sich vergangenes Jahr auch an acht erfolgreichen Zielfahndungen. Darunter versteht das Justizdepartement in Bern «eine gezielte, intensive, operative Suche nach ausgewählten ausgeschriebenen Straftätern, deren Festnahme von besonderer Bedeutung ist». Genaueres zu den bisher 130 Tigris-Operationen ist nicht zu erfahren - ausser, dass dabei kein Schuss fiel und dass der Financier Dieter Behring verhaftet wurde.
Nun wird untersucht
Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hat eine Untersuchung über die Tiger-Aktivitäten angeordnet und eine Informationssperre über einzelne Einsätze verhängt. Der «Tages-Anzeiger» kann trotzdem einige der Aktionen nachzeichnen - anhand von Polizeimeldungen über Zielfahndungen, bei denen die Tigris-Beteiligung verheimlicht oder zumindest nicht ausgewiesen wird:
- Mai 2003: Das Bundesamt für Polizei berichtet über erste Erfolge «der neuen Bundeskriminalpolizei-Einheit Zielfahndung», die ab 2005 zur Tigris-Truppe ausgebaut wird. Innert 48 Stunden seien «zwei international gesuchte Kriminelle» festgenommen worden: in Freiburg ein Drogenhändler, der 1999 aus einem deutschen Gefängnis geflüchtet war, in Kreuzlingen ein mutmasslicher Millionenbetrüger.
- Ende März 2004: Es gibt es «einen Erfolg in einem eher ungewöhnlichen Fall» zu vermelden. «Dank der Erfahrung der Zielfahnder der Bundeskriminalpolizei» und «einer reibungslosen Zusammenarbeit mit den Polizeiorganen Deutschlands, des Kantons Freiburg und der Stadt Lausanne» sei eine deutsche Staatsangehörige in Lausanne «schonend angehalten» worden. Die geistig Behinderte habe sich zuvor ihrem Vormund entzogen, um in der Schweiz ein neues Leben aufzubauen, und sei ohne Geld und ohne Gepäck eingereist.
- Juni 2006: In einer gemeinsamen Aktion verhaften Zürcher Kantonspolizisten und Tiger-Leute im Juni 2006 einen Moldauer. Das Landeskriminalamt Thüringen sucht den 26-Jährigen wegen Raubs, Erpressung und Körperverletzung.
- Frühe Morgenstunden des 11. Dezember 2006: Auf der Autobahnraststätte Sulzberg bei Rorschach werden zwei Polen festgenommen, die wegen bewaffneten Raubs gesucht werden. Am 3. April 2007 führt wiederum die Zusammenarbeit von Tigern mit St. Galler Kantonspolizisten zur Verhaftung eines Türken mit gefälschten Papieren. Die Polizeidirektion Hannover fahndet nach dem 28-Jährigen. Er soll sich an einer Abrechnung im Drogenmilieu beteiligt haben, bei der ein Widersacher entführt, erpresst und misshandelt wurde.
«Ist das sinnvoll?»
Die Kantone zweifeln, ob der Bund für solche Fälle eine Truppe stellen muss. «Ich bin grundsätzlich skeptisch», erklärt die St. Galler Justizdirektorin Karin Keller-Sutter, nachdem sie erstmals vom «Tages-Anzeiger» von den Tiger-Einsätzen in ihrem Kanton erfahren hatte. Bern müsse erklären, welche Rechtsgrundlage es für Tigris gäbe, sagt sie: «Danach stellt sich aber immer noch die Frage, ob es sinnvoll ist, wenn der Bund in solchen Fällen eingreift.» Guido Balmer vom Eidgenössischen Justizdepartement erklärt, die Tigris-Einheit mache Zielfahndungen mit internationalem Hintergrund, «die sich nicht eindeutig einem Kanton zuordnen lassen». Mit den Kantonen arbeite man stets zusammen.
Emblem der Sondereinheit Tigris. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.03.2009, 06:23 Uhr
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11 Kommentare
Tigris und wie sie alle heissen mögen, sind illegal. Es gab eine Volksabstimmung zur BUSIPO (Bundessicherheitspolizei) die Vorlage wurde vom Volk klar bachab geschickt. Ergo ist jede geheime Polizei auf Bundesebene illegal. Das scheint aber kaum jemanden zu interessieren. Tschüss Demokratie Grüezi Polzeistaat. Antworten
Es ist bekannt das in jedem Kanton für die anfallenden Arbeiten zu wenig Polizei vorhanden ist. Kaum hat der Bund mal eine gut funktionierende Organisation beieinander, wird schon wieder aus allen Rohren geschossen. Sagt doch einfach mal "Danke" dass jemand da ist, der zwischendurch die nicht ganz angenehme Arbeit erledigt. Antworten
meine Damen -u. Herren, ich halte es für absolut richtig und nötig dass auch die Schweiz über hochqualifizierte Spezialeinheiten verfügt welche in extremen Situationen im Sinne eines Schutzes des Rechtsstaates und seiner Bürger professionell ein -u. durchgreifen kann. dass eine solche Sondereinheit verdeckt arbeiten muss ist selbsterklärend. Antworten
Wenn die St. Galler Kantonspolizei mit der Tigris-Einheit des Bundes zusammenarbeitet und die Justizdirektorin des Kantons St. Gallen von dieser Einheit trotzdem keine Kenntnis hat, zeigt dies wohl in aller Deutlichkeit, wo hier das eigentliche Problem liegt. Tigris ist und war nie geheim; nur hat man für deren Existenz (es geht um nur 14 Polizisten!) in der Öffentlichkeit keine Werbung gemacht. Antworten
Nicht die Einheit des Bundes ist m.E fraglich, sondern wirklich hinterfragen sollte man, ob jeder Kanton eine eigene Intervetionseinheit braucht. Bekanntlich sind diese auch teuer zu unterhalten und meist unterbeschäftigt. Die meisten unser Nachbarländer operien mit zentralen Einheiten, weil diese Variante schlussendlich billiger und effizienter ist als ein Dutzend Einheiten im Nebenjob. Antworten
Da kommt der Verdacht hoch, dass diese scharfe Spezialeinheit mit hohem Aufwand -auch für den Steuerzahler, nur befähigt ist die kleinen Fische zu jagen. Die grossen Fische jedoch selbst -die eigentlich bekämpft und massgeregelt werden sollten, ist diese Einheit nicht zuständig, dieweil die grossen Fische ja der Einheit Arbeit -und Auftraggeber sind! Wo sind wir Menschen in der Zeit angekommen? Antworten
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Peter Maurer
Ein tragisches Beispiel mehr, für die Unfähigkeit vieler unserer sogenannten Vertreter!! Rambos auf Steuerkosten für unverhältnissmässige Hausdurchsuchungen, und verhaften von Dieter Behring (ein mutmasslicher Betrüger, aber sonst harmlos)! Anruf hätte genügt, er wäre gekommen. Wie lange sollen wir noch zuschauen, wie unsere Angestellten (Behörden) uns kontrollieren, überregulieren, anlügen...... Antworten