«Die Unterschiede zwischen guten und schlechten Schulen sind gross»
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 07.12.2010 80 Kommentare
Zur Person
Ernst Buschor (CVP) war von 1993 bis 2003 Zürcher Regierungsrat. Die letzten acht Jahre seiner Amtszeit stand er der Bildungsdirektion vor. Seit seinem Abtritt von der politischen Bühne engagiert er sich in verschiedenen Vereinen und Stiftungen. Darunter auch im Bildungsbereich. Unter anderem sitzt er im Präsidium des Vereins Forum Bildung.
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Die 15-jährigen Schweizer Schüler sind von 34 OECD-Staaten im vorderen Drittel, bei Mathe sogar in den Top 3. Welches Gesamtbild ergibt sich aus den neusten PISA-Resultaten?
Erfreulich ist vor allem, dass die Schweiz auf allen drei Gebieten zwar teilweise langsam, aber kontinuierlich aufholt. Am höchsten ist der Punktanstieg bei den Naturwissenschaften. Man darf nicht nur auf die Rangreihenfolge blicken. Bis zu zehn Länder sind innerhalb von 10 Punkten, wobei die Messgenauigkeit auch etwa in dieser Grössenordnung liegen dürfte. Wichtig sind vor allem die Zunahmen oder Abnahmen der Punktzahlen im Zeitablauf. In der Mathematik sind wir stets in der Kopfgruppe. Es ist davon auszugehen, dass in der Mathematik weiterhin ein schweizerisches Ost-West-Gefälle bestehen dürfte. Interessant wird daher die Analyse der erst nächstes Jahr verfügbaren kantonalen Werte sein. In Lesen sind wir kontinuierlich besser geworden, obwohl die Zahl der Fremdsprachigen zugenommen hat. Der höchste Anstieg erfolgt in den Naturwissenschaften.
In Mathematik haben sich die Schweizer Schüler seit 2000 kontinuierlich von Rang 7 auf Rang 3 vorgearbeitet. Was macht diesen Erfolg aus?
Vor allem bei der Mathematik wirken sich hohe Stundenzahlen signifikant verbessernd aus. Das trifft für die übrigen Fächer weniger zu. Wir hatten auch verschiedene Modernisierungen in den Lehrmitteln.
Was machen Finnland und Korea, die beiden Erstplatzierten in Mathematik noch besser?
Bei Finnland und Korea ist zu beachten, dass dies zwei Länder mit niedriger Immigrationsrate sind. In solchen Ländern sind die Anforderungen an den Sprachunterricht vergleichsweise niedriger, was mehr Raum für die übrigen Fächer ergibt.
Bei den Naturwissenschaften dümpelt die Schweiz seit sieben Jahren um Rang 10. Wie könnte man sich hier noch verbessern?
Der naturwissenschaftliche Unterricht wurde weltweit als wichtiger Faktor für die Entwicklung anerkannt und führte vor allem zu Verbesserungsbestrebungen – auch in der Schweiz. So weist die Schweiz im Vergleich zu den übrigen Fächern mit 21 Punkten zwar den grössten Anstieg, aber einen Rückfall im Rang aus. Hier bleibt noch einiges zu tun. Das ist aber in einem starken Masse eine Frage der Lehrmittel- und Unterrichtsmodernisierung.
Die ETH Zürich gehört zu den weltbesten Hochschulen. Warum klafft hier zu den Grundschulen eine Lücke?
Die USA sind durchwegs schlechter als die Schweiz und verfügen über die meisten Top-Universitäten. Der Konnex PISA – Top-Universitäten ist gering, weil es hier nur auf die besten Schüler und nicht auf Durchschnitte ankommt und die Förderung der Spitzenuniversitäten wichtiger ist.
Wie bei den Naturwissenschaften figuriert die Schweiz auch beim Lesen seit sieben Jahren im vorderen Drittel, ist aber nicht top. Liegt nicht mehr drin?
Beim Wert zum Lesen spielt der Anteil der Fremdsprachigen und der bildungsfernen Schichten eine wichtige Rolle, wobei hier die Schweiz gegenüber immigrationsschwachen Ländern im Nachteil ist. Ich halte es für sehr erfreulich, dass der Anteil der Leseschwächsten deutlich abgenommen hat. Massgebend hierfür sind didaktische und organisatorische Fortschritte. Hier meine ich Leseprogramme, gezielte Förderung auf Schul- und Unterrichtsebene und Weiteres.
Korea, Japan, Finnland und Kanada: Diese vier Staaten liegen in allen Fächern ganz vorne. Können Sie das erklären?
Es ist deutlich zu unterscheiden zwischen den asiatischen und europäisch-anglo-amerikanischen Ländern. Asiatische Länder haben ein wesentlich positiveres Verhältnis zur straffen Förderung («Paukschulen»). Finnland und vor allem Kanada betreiben eine sehr gezielte Frühförderung, bei der die Schweiz auf einem der letzten Ränge ist. Der Nobelpreisträger Heckmann hat nachgewiesen, dass Frühförderung – also Fördermassnahmen vor dem Schuleintritt – die höchste Produktivität aufweist. Hier muss die Schweiz unbedingt aufholen.
Interessant ist auch Estland: Die Balten können sich mit den Schweizern messen, obwohl sie vermutlich viel weniger Mittel zur Verfügung haben. Wie machen die das?
Estland dürfte kaum interessant sein, weil es erst neu bei PISA dabei ist und kaum über Zeitreihen verfügt. Zudem dürfte es – wie Finnland – kaum Immigranten haben.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus den neusten Resultaten für das Schweizer Bildungssystem?
PISA vermittelt ein Luftbild, das zwar Veränderungen im globalen Bildungswettbewerb aufzeigt, bei der Suche nach den Gründen für die Abweichungen aber noch vertiefter Analysen bedarf. Wichtig ist vor allem auch der Blick in die einzelnen Schulen, denn die hohen Abweichungen von den Mittelwerten deuten darauf hin, dass es grosse Unterschiede zwischen «guten» und «schlechten» Schulen gibt. Wir müssen vor allem von den besten lernen – eine Arbeit, die noch bevorsteht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.12.2010, 16:02 Uhr
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80 Kommentare
@Term: genau. Und diese Deutsche kommen dann mit einem Hochschulabschluss in die Schweiz und nehmen uns die lukrativen Jobs weg. Klar wächst da Unmut ...und persönlich habe ich nichts gegen Deutsche. Aber mit unserem Bildungssystem sind wir Schweizer in Europa benachteiligt. Dabei erachte ich das schweizerische Modell der Lehre als sehr gut. (Die Grundschule eher als mittelmässig) Antworten
Finnland hat wenige Kinder aus Einwanderfamilien. Praktisch 100% der Kinder sprechen die Muttersprache. Diese Tatsache will die Schweizer Bildungspolitik nicht wahrhaben. Dafür reformieren sie seit Jahren scheinbar ziellos die Schule. Dabei ist das Problem klar erkennbar. Man muss es nur sehen (wollen). Antworten






