Interview

«Die dünnsten Kinder essen am meisten Süsswaren»

Sind die Schweizer zu dick? Nein, sagt Lebensmittelchemiker Udo Pollmer im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Gegenteil: «Würden wir statistisch nicht dicker, müsste man sich Sorgen machen.»

«Es ist das Privileg der Älteren, auf der Jugend rumhacken zu dürfen»: Udo Pollmer über falsche Ernährung und Übergewichtsstudien.

«Es ist das Privileg der Älteren, auf der Jugend rumhacken zu dürfen»: Udo Pollmer über falsche Ernährung und Übergewichtsstudien. Bild: Keystone

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Herr Pollmer, laut dem schweizerischen Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind mittlerweile 53 Prozent der Schweizer Bevölkerung zu dick …
Schaun Sie sich doch den BAG-Direktor an, der ist bedenklich hager. Aber auch er kann seinen Körperbau nicht ändern, egal was er zu Mittag isst. Die genetische Veranlagung entscheidet über die körperliche Entwicklung und nicht der Kopf.

Laut Statistik werden die Leute immer dicker. Sehen sie das anders?
Kein Grund zur Aufregung. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Menschen statistisch dicker werden zu lassen. Eine ist, die Grenzwerte zu verschieben, nach denen eine Bevölkerung beurteilt wird. Der ideale BMI (Body Mass Index), das ideale Gewicht, stammt meist von Rekruten bei der Musterung. In diesem Alter passt er auch für die meisten. Aber die Vorstellung, alle Menschen über einen Kamm scheren zu wollen, Junge wie Alte, Frauen wie Männer, ist reichlich realitätsfern. Den niedrigsten BMI haben die Menschen im Alter von 9 bis 10 Jahren, den höchsten mit 55 bis 65, je nach Konstitution. Das ist bei allen Säugetieren so, mit dem Alter steigt nebenbei bemerkt auch der Fettgehalt – in freier Wildbahn wie in den Städten. Wenn nun die zurzeit grösste Gruppe von Menschen, die Babyboomer, in die Jahre kommen, dann steigt natürlich auch der durchschnittliche BMI. Werden mehr Kinder geboren, sinkt er erst mal ab.

Sie anerkennen die Richtwerte des BAG nicht – gibt es überhaupt einen Massstab, der für alle anwendbar ist?
Die Vorstellung, man könne Körpergrösse und Gewicht ins Verhältnis setzen und daraus einem Menschen seine gesundheitliche Zukunft vorhersagen, ist so, wie wenn man Schädelumfang und Körbchengrösse einer Ernährungsberaterin ins Verhältnis setzt und daraus ihren IQ errechnet. Bei Frauen ist der grösste Einflussfaktor beim BMI die Länge des Oberschenkels, bei Männern ist es die Breite des Schultergürtels. Wer lange Beine hat, bleibt laut BAG gesund bis ins hohe Alter. Gratuliere, Herr Direktor, da haben Sie sich selbst eine gute Prognose gestellt! Der BMI wird eigentlich nur von Ärzten und Ernährungsdamen verwendet. Der Wissenschaftler würde sich dafür schämen. Deshalb arbeitet er nicht mit dem BMI, sondern beispielsweise mit dem Metrikindex. Der ist zwar kompliziert zu errechnen, berücksichtigt aber wenigstens den Körperbau.

Neuerdings stellt das BAG den Bauchumfang über den BMI, weil am Bauch das gefährliche Fett ist.
Da ist sogar etwas dran, wenn auch anders als gedacht. Es gibt zwei hormonelle Systeme, die über den Fettgehalt des Körpers, die Art des Fettansatzes und auch über das Gewicht entscheiden. Das eine sind die Sexualhormone – deshalb sehen Frauen und Männer anders aus und haben ihr Fett an anderen Stellen, deshalb ändern sich mit den hormonellen Umstellungen im Leben, egal ob Pubertät, Schwangerschaft oder Klimakterium Gewicht und Fettverteilung. Das andere sind die Stresshormone, namentlich das Cortisol. Die meisten Menschen kennen diesen Stoff unter dem Namen Cortison. Das ist ein wichtiges Medikament, das allerdings bei längerem Gebrauch zu einer Fettbildung am Bauch führt und zugleich auch Diabetes, Herzinfarkt und Knochenprobleme hervorruft. Man spricht dann vom metabolischen Syndrom.

Macht das BAG die Leute dick, weil es sie unter Druck setzt?
In diesem Fall ja. Wer Menschen massiv unter Druck setzt, egal ob körperlich oder psychisch, sorgt für höhere Cortisolspiegel. Wenn ich Menschen erkläre, dass sie mit dem falschen Körper nicht mehr dazugehören, krank werden und früher sterben müssen, dann haben diese Todesdrohungen Folgen. Die Dicken werden dann dicker. Nicht umsonst kommen auffällig viele dicke Kinder aus Scheidungsfamilien. Wer verzweifelt ist und keinen Ausweg sieht, der wird dicker. Nicht weil er Schokolade isst, sondern weil hohe Cortisolspiegel die Gesundheit massiv schädigen – das Harmloseste ist dabei noch der Bauch! Der Bauch ist doch nur ein Symptom, aber um Himmels willen nicht die Ursache der Probleme. Auch wenn er dem unbedarften Beobachter zuerst ins Auge sticht.

Stress macht also dick?
Ja – und nein. Die Korpulenten, also die Menschen, an die sich diese Kampagnen wenden, werden davon wie bereits gesagt dicker. Der andere Körperbautyp, der Hagere, nimmt unter massiver Belastung ab. Der Dicke kommt aus einem erholsamen Urlaub zwei Kilo schwerer zurück, der Hagere verliert trotz zahlreicher kulinarischen Freuden ein paar Kilo. Diese beiden Körpertypen funktionieren unterschiedlich. Der Hagere kriegt meist auch nichts auf die Rippen, auch wenn er sich den Bauch vollschlägt. Deshalb haben auch die Mastkuren, die man jahrzehntelang zur Erreichung des damaligen Schönheitsideals gemacht hat, nicht gewirkt. Wissen Sie, wofür der Körper am meisten Energie braucht? Um zu heizen, um den Körper, die inneren Organe ständig auf 37 Grad zu halten. Beim Hageren ist die Fettschicht dünner, er ist schlechter isoliert, er nutzt die Energie zur Wärmeproduktion. Die dünnsten Kinder essen deshalb auch am meisten Süsswaren. Nicht die Dicken! Die Korpulenten sind in der glücklichen Lage, dass ihr Körper besser isoliert ist.

Ist Prävention gegen Übergewicht also sinn- und nutzlos?
Man muss die Ursachen für das Gewicht kennen. Es gibt an die 100 Ursachen dafür, warum jemand von seinem persönlichen Normalgewicht abweicht. Gewicht ist keine Krankheit, und Übergewicht keine Diagnose – sondern nur ein Symptom. So wie Fieber, wenn Sie wollen können Sie’s auch Übertemperatur nennen. Einem Dicken zu sagen: Du musst abnehmen, ist so intelligent, wie, einem Fiebrigen zu sagen, er müsse abkühlen. Wir brauchen eine Diagnose, und wenn wir keine haben, lassen wir die Leute lieber in Frieden. Denn bisher gibt es keine erfolgreiche Therapie. Mit einer Diät richtet man doch nur Schaden an. Übrigens sind die zwei Körperbautypen evolutionsgeschichtlich bedingt: Der Hagere ist Nomade, er kann ausdauernd den Tieren hinterherrennen, für den Ackerbau brauchte es die Korpulenten, weil sie mehr Kraft entwickeln. Vergleichen Sie doch einfach einen Jogger mit einem Ringer.

Alle westlichen Staaten verzeichnen eine Zunahme des Durchschnittsgewichts …
Wie gesagt, das Gewicht steigt mit dem Alter, und wenn Europa älter wird, wird es dicker. Würde es – statistisch – nicht dicker, müsste man sich Sorgen machen. Dann gibt es noch die ethnischen Unterschiede: Stellen Sie sich vor Ihrem geistigen Auge bitte einen Spanier und einen Schweden vor. Beide sind gleich schwer, aber der Schwede ist gross und hager, der Spanier ist kleiner und gedrungener. Der Spanier ist damit zwei BMI-Punkte dicker. Aber nur, weil er Spanier ist. Im Mittelmeerraum ist der Körperbau gedrungener. In Deutschland haben wir viele Zuwanderer aus der Türkei. Wenn dann in einer Grundschulklasse 60 Prozent Kinder aus Familien aus dem Mittelmeerraum kommen, geht der Durchschnitt nach oben – auch dann, wenn die deutschen und die türkischen Kinder gleich bleiben. Inzwischen sinkt die Geburtenrate bei den Zuwanderern und schwupps geht der BMI bei den Schulanfängern leicht nach unten.

Viele ärgern sich über die Übergewichtsprävention des BAG. Was wäre die richtige Reaktion? Was bei solchen Kampagnen rauskommt, können Sie ja in den USA sehen. Die müssten aufgrund der massiven Aufklärungs- und Umerziehungskampagnen heute alle gertenschlank sein. Sind sie aber nicht. Mein Tip an die Kolleginnen und Kollegen im BAG, die diesen Mist von der «gesunden Ernährung» zu verantworten haben: Täglich einmal eine Scheibe Hirnwurst. Vielleicht hilfts ja.

Was würden Sie machen, wenn Sie BAG-Direktor wären?
Da müsste ich mich wohl erst einmal mit den politischen Parteien arrangieren ... Wichtiger wäre es, diese womöglich gutgemeinte Aufklärung vorher auf ihren Erfolg und ihre Nebenwirklungen zu prüfen. Wer ein unausgereiftes Produkt verkauft, haftet dafür. Wer aber Ratschläge an die Menschheit verteilt, die nicht nur wirkungslos sind, sondern sogar schaden, marschiert dann wieder zur Politik und fordert mehr Geld für noch grössere Kampagnen. Warum haften eigentlich unsere Ernährungsberaterinnen nicht für ihre Ratschläge? Warum können ständig neue Diäten der Bevölkerung empfohlen werden, wo wir doch seit Jahrzehnten wissen, dass die Dicken davon noch dicker werden? Entweder sind die Menschen, namentlich die Frauen alle falsch – oder eben unsere Vorstellungen und Theorien. Ich habe mich da für eine Aussenseiterposition entschieden und sage nach Prüfung der Datenlage: Die Theorien sind falsch.

Aber es gibt doch die übergewichtigen Jugendlichen …
Ja, es gibt Dicke – und das hat viele Gründe. Und es soll Menschen geben, die das Falsche essen. Sie wollen einfach nicht Körner picken, Möhrchen mümmeln und Wasser saufen. Pfui Spinne! Die Jugend hat schon immer alles falsch gemacht. Entweder sie kann nicht ruhig sitzen, oder sie bewegt sich zu wenig. Entweder isst sie ihre gesunde Mittelmeerkost nicht, dann gibts offizielles Gejammer. Oder tut sie es doch und liebt Pizza und Pasta. Und schon ist es den Ernährungserziehern auch wieder nicht recht. Es ist das Privileg der Älteren, auf der Jugend rumhacken zu dürfen. Hoffentlich macht es ihnen Spass. Sie dachten natürlich an die Kinder, die Tag für Tag nur Hamburger und Pommes essen ... Aber wie viele tun das denn? Wie viele können sich das leisten? Da sollten wir uns lieber der zahllosen Diätopfer annehmen! Und Zeitschriften zur Verantwortung ziehen, die magersüchtige Models als Vorbilder präsentieren. Ganz unter uns: Auch in Deutschland werden die Pommes bekämpft, da verfüttern viele Mütter lieber Pellkartoffeln mit Schale an ihre Brut. Dadurch kommt es immer wieder zu Vergiftungen von Kindern und zwar durch die Kartoffelalkaloide Solanin und Chaconin. Die einzige Methode, das Zeug aus den Kartoffeln zu kriegen, ist die Fritteuse. Pommes sind deshalb für Kinder unbedenklicher als andere Zubereitungsformen. Später essen sie die Pellkartoffeln (ohne Schale) auch von ganz alleine. Aber nicht weil sie vernünftiger sind, sondern weil die Leber mit den Giften dann besser zurechtkommt.

Was raten Sie den Menschen?
Leib uns Seele werden nicht von der Medizin und auch nicht von den Medien zusammengehalten – sondern von Speis und Trank. Ich wünsche Ihnen allen einen gesunden Appetit! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2011, 16:38 Uhr

Udo Pollmer

Der 57-jährige Lebensmittelchemiker und Fachbuchautor ist durch provokative Aussagen zu allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen bekannt geworden. Pollmer betätigte sich unter anderem als Wissenschaftsjournalist und Unternehmensberater, dann als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Fulda und an der Universität Oldenburg. Heute ist er wissenschaftlicher Leiter des Vereins Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften.

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