Die eingebildete Astronautin

Eine Toggenburgerin erobert als Nasa-Mitarbeiterin die Titelseiten, tritt als Promi im «Samschtig-Jass» auf und parliert mit Kurt Aeschbacher. Weil ihre Geschichte so gut ist, fragt keiner genau nach. Ein Fehler.

«Es wurde so viel geschrieben. Ich konnte nicht mehr alles
kontrollieren»: Barbara Burtscher träumt von einer Reise ins All.

Sophie Stieger

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Physiklehrerin Barbara Burtscher (25) verschickte in ihrer noch jungen Karriere viele Medienmitteilungen. Gestern landete die vorläufig letzte in den Mailboxen der Redaktionen: «Barbara Burtscher zieht sich aus der Medienwelt zurück. Leider wurden ihre Worte oft verdreht. Ob es jetzt Education Center, Educator Resource Center oder einfach nur U.S. Space & Rocket Center heisst, sollte doch keine entscheidende Rolle spielen.» Der Medienmitteilung war ein Interview mit dem TA vorausgegangen, das sich nicht ganz so entwickelt hatte wie die anderen Interviews, die Barbara Burtscher gegeben hatte.

Und Barbara Burtscher gab viele Interviews. Im Sommer 2009 begannen sich die Journalisten ernsthaft für die junge Toggenburgerin zu interessieren, die scheinbar lebte, was alle anderen nur träumten. Sie habe ein «Nasa-Astronautencamp besucht» und beim Basteln einer Miniaturrakete eine derart gute Falle gemacht, dass «die Nasa-Leute anerkennend genickt» hätten, schrieb die «Schweizer Illustrierte». Am Ende des «Astronautencamps» sei eine dreistündige Mission im Spaceshuttle-Simulator auf dem Programm gestanden. «Die Nasa-Leute lobten mich: Noch nie habe ein Weltall-Neuling eine Mission derart perfekt gemeistert», liess sich Burtscher von der «Schweizer Illustrierten» zitieren. Dann habe man ihr gesagt, sie dürfe «jeden Sommer im Nasa Education Center» unterrichten.

«Neuen Nasa-Rekord» in der G-Zentrifuge

Wenig später doppelte Burtscher auf «20 Minuten online» nach, die «Nasa-Instruktoren» hätten sie nach dem Kurs «eindringlich dazu aufgefordert», sich für das offizielle Astronautenprogramm zu bewerben, und in der G-Zentrifuge habe sie einen «neuen Nasa-Rekord» aufgestellt.

Danach gab es für die Schweizer Journalisten kein Halten mehr. Und schon gar kein Innehalten. Man buchte «Unsere Frau bei der Nasa», wie der «Blick» sie nannte, gerne. Und Burtscher sagte gerne zu. Sie war auf der Titelseite der «Coop-Zeitung», als Promi-Jasserin im «Samschtig-Jass», als angehende Astronautin bei Kurt Aeschbacher im Schweizer Fernsehen, bei Hannes Hug als Astrophysikerin im «Focus»-Interview auf DRS 3 und als «Ausserirdische» auch im «Tages-Anzeiger». Allein in den Printmedien erschien Burtschers Geschichte über 60-mal.

«Von der Uni zur Nasa»

Sie selbst stand den Medien in wenig nach. Auf dem Plakat für ein Benefizkonzert unter dem Patronat von Micheline Calmy-Rey liess sie sich als «Astrophysikerin, Nasa-Mitarbeiterin» aufführen. An der Universität Zürich hielt sie einen Vortrag unter dem Titel: «Ich will ins Weltall Mein Weg von der Uni zur Nasa». Diesen Sommer zog Burtscher nach. Sie verkündete, sie trete nun ihren Job als «Instruktorin im Nasa Education Center» in Huntsville, Alabama an, worauf das «Oltner Tagblatt» feststellte: «Sie geniesst derzeit eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit als mögliche neue Astronautin der Schweiz.»

Bloss ein kleiner Schönheitsfehler in Burtschers Ausführungen machte stutzig: Ein «Nasa Education Center» gibt es nicht. Weder in Huntsville noch in Alabama, noch sonst wo. Das machen ein paar Telefonanrufe in den USA klar: Alle liessen sich von Burtscher an der Nase herumführen. Zwar war sie sowohl 2009 als auch 2010 in Huntsville, Alabama. Aber nicht am Nasa Education Center, sondern am U. S. Space and Rocket Center (Spacecenter). Das steht zwar auf dem gleichen Gelände wie das Nasa Marshall Space Flight Center, hat damit aber nicht viel zu tun. Das Spacecenter ist, wie das Verkehrshaus in Luzern, eine Einrichtung, in der Schüler für die Naturwissenschaften begeistert werden sollen. Einfach mit alten Spaceshuttles und Raumanzügen statt Lokomotiven und Pilatus-Fliegern.

Keine Nasa-Instruktoren beim Spacecenter

Auf demselben Gelände befindet sich auch ein Educators Resource Center der Nasa. Doch das stellt dem Spacecenter nur Material und Infrastruktur für Führungen und Kurse zur Verfügung. Spacecenter-Sprecher Al Whitaker betont: Es gibt keine Nasa-Instruktoren beim Spacecenter. Barbara Burtscher ist nicht als Instruktorin angestellt, weder jetzt noch künftig. Weder von der Nasa noch vom Spacecenter. Sie habe sich für den Sommerkurs 2010 gemeldet als Volunteer Instructor, als freiwillige Instruktorin. Sie habe keinen Lohn erhalten. Und es habe sie seines Wissens auch nie jemand aufgefordert, sich für das Astronautenprogramm der Nasa zu bewerben.

Als Steigbügelhalter für ihre kurze Karriere als Hochstaplerin nutzte Burtscher das Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF). 2009 gewann eine ihrer Schülerinnen den jährlichen Wissenschaftswettbewerb des SBF. Der 1. Preis war eine Woche Sommercamp im Spacecenter. Burtscher durfte als Lehrerin mitfliegen. Vor ihrem Abflug gab sie noch ein Interview zusammen mit ihrer Schülerin, nach der Rückkehr redete sie hauptsächlich von sich und ihrem Job bei der Nasa. Und schon bald war Burtscher, die ihr Studium mit einer Bachelor-Arbeit zu Gravitationslinsen abgeschlossen hatte, bekannt als Astrophysikerin, fungierte als IWC-Botschafterin, dinierte mit dem US-Botschafter, warb für Tischtennisbälle, für Flüge ins Weltall und vor allem für sich.

Grosses Missverständnis

Gegenüber dem TA bezeichnet Burtscher heute alles als ein grosses Missverständnis. Man habe ihr immer gesagt, sie sei in einer Nasa-Einrichtung. Dass sie keine Anstellung und keinen Lohn erhalten habe, sei ein Visa-Problem. Dass man ihr eine Vergütung für das Engagement als Instruktorin am Spacecenter in Aussicht gestellt hatte (9.50 Dollar pro Stunde), kann sie mit einem E-Mail tatsächlich nachweisen. Doch Briefe und einen Arbeitsvertrag mit Nasa-Logo, die sie «ganz sicher erhalten» hat, findet sie nicht mehr.

«Blick» und «20 Minuten» will sie wiederholt darauf hingewiesen haben, sie nicht mit der Nasa in Zusammenhang zu bringen. «Es ist so viel geschrieben worden. Ich konnte das nicht mehr alles kontrollieren.» Dann bricht sie in Tränen aus.

Möglich ist alles

Warum es Barbara Burtscher viel zu weit trieb, ist schwer zu sagen. Erkundungen in der Schweizer Astronomenszene zeigen, dass sie einen guten Ruf genoss. Sie gewann einst bei «Schweizer Jugend forscht» und war fortan der Darling in einer vorwiegend von älteren Herren besetzten Domäne. Viele schwärmen von Burtschers Vorträgen, bei denen sie das Himmelsgeschehen live vom Teleskop auf die Leinwand überträgt. «Sie hat grosse Verdienste darin, Jugendlichen die Astronomie näherzubringen», sagt einer, der Burtscher seit langem kennt. Sie erhielt gar auf Anregung von Bundesrat Couchepin SBF-Gelder für die Durchführung eines Astronomietages. Diesen hält sie auch dieses Jahr ab. Und das SBF würde diesen, wenn angefragt, laut eigenen Angaben auch wieder sponsern.

Sie trägt eine IWC, erwähnt oft das Unternehmen Space Travellers und spricht vom Tischtennisspielen auf Parabelflügen, weil Gubler Tischtennis ihr Sponsor ist. Der Space-Travellers-Geschäftsführer gibt offen zu, dass er «Barbara als PR-Botschafterin europäisieren» will. Hat Burtscher den Druck der Sponsoren unterschätzt? Oder war ihr das Leben als Bachelor-Studentin und Lehrerin nach ihrer preisgekrönten Gymnasialzeit zu wenig aufregend? Wollte sie einfach einen Bekanntheitsgrad erreichen, den ihr Sponsoren mit einem richtigen Flug ins All vergüten würden? Man weiss es nicht.

Möglich ist alles. Von ihr erfährt man es nicht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.08.2010, 23:43 Uhr)

Barbara Burtscher dementiert die gestrige Medienmitteilung. Sie sei Opfer einer Hackerattacke geworden. Auf ihrer Homepage schreibt sie: «WICHTIGER HINWEIS: Hacker in der Mail-Box: Die Medienmitteilung vom 16.August 2010 mit dem Titel "Barbara Burtscher zieht sich aus der Medienwelt zurück" stammt NICHT von mir und wurde von einem Hacker in meinem Namen versandt. Diese Mitteilung entspricht nicht der Wahrheit - ich werde der Sache nachgehen.»

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