Die erhöhten Zürcher Lehrerlöhne setzen Nachbarkantone unter Druck
Von Jürg Ackermann. Aktualisiert am 21.02.2011 39 Kommentare
(Bild: TA-Grafik mrue/ Quelle: Kantone)
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Junge Lehrerinnen und Lehrer werden es sich dieses Jahr besonders gut überlegen, wo sie unterrichten wollen. Noch selten waren die Lohnunterschiede zwischen den Kantonen derart gross. So verdient beispielsweise ein Neulehrer in Rapperswil SG ab dem nächsten Schuljahr 18'000 Franken weniger als im benachbarten Stäfa ZH. Noch grösser ist die Differenz zwischen den Kantonen Zürich und Zug. Wobei man berücksichtigen muss, dass Zug die Primarlehrerlöhne nach dem ersten Dienstjahr überdurchschnittlich stark erhöht.
Unter Zugzwang gerät auch der Kanton Schwyz. Die Regierung denkt laut über ein Anheben der Einstiegssaläre nach. «Wir müssen etwas machen», sagt Markus Probst, der dem Schwyzer Amt für Volksschulen vorsteht. «Junge Lehrer fragen sich, ob sie nicht ein paar Kilometer weiter weg zu einem deutlich höheren Salär unterrichten wollen.»
Studienabgänger wollen in Zürich arbeiten
Die verschärfte Konkurrenzsituation lässt sich auch an der Zürcher Grenze zum Kanton Aargau beobachten. Dort werden gute Lehrer gegenwärtig mit ähnlichen Methoden abgeworben wie in der Privatwirtschaft. So ködern etwa einzelne Zürcher Schulgemeinden abwanderungswillige Aargauer Lehrer mit Sonderleistungen wie einem Gratis-Laptop. Wie stark die Fluktuation ist, wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wenn die Kündigungsfrist in vielen Schulgemeinden abläuft.
Bildungsexperten stellen fest, dass sich Studienabgänger der Pädagogischen Hochschulen vermehrt für Löhne interessieren. Viele junge Studienabgänger ziehen gerne in den attraktiven Grossraum Zürich oder können sich ein Leben als Pendler vorstellen.
Experte: «Sehr teure Rechnung»
Die Lehrerorganisationen nutzen die Gunst der Stunde und fordern mit Blick auf Zürich auch anderswo attraktivere Arbeitsbedingungen: Nebst Lohnerhöhungen pochen sie je nach Kanton auch auf weniger Wochenlektionen, weniger Schulwochen oder administrative Entlastungen. Selbst in Bern, wo kaum Lehrer nach Zürich abwandern, werden die Löhne für junge Lehrer in den kommenden Jahren angehoben. Die Vorgabe aus der Wirtschaftsmetropole hat auch in der Hauptstadt ihre Wirkung entfaltet: Nebst der generellen Lohnerhöhung von zwei Prozent können Junglehrer in Bern bald von zusätzlichen Gehaltsstufen profitieren.
Kritisch beobachtet wird diese Entwicklung von Stefan Denzler von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung: «Die geplanten Lohnerhöhungen können für die öffentliche Hand zu einer sehr teuren Rechnung werden.» Da Lohnsenkungen in schlechten Zeiten bei Lehrern völlig tabu seien, müssten sich die Kantone jetzt sehr genau überlegen, wie sie sich der zunehmenden Konkurrenzsituation stellten. Die Lehrerlöhne seien nämlich im Vergleich zu anderen Berufen mit vergleichbarer Ausbildung schon heute «absolut konkurrenzfähig».
Kritisch beurteilt Denzler auch, dass sich die Diskussion vor allem um die Einstiegslöhne dreht: «Wenn diese später kaum mehr ansteigen, ist das problematisch. Man muss den Lehrern Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten bieten, sonst wandern sie nach ein paar Jahren wieder ab.»
Es brodelt an der Basis
Auch für die Lehrervertreter ist klar: Der Lohn allein entscheidet nicht über die Zufriedenheit im Beruf. «Wenn die Unterschiede aber derart gross sind, werden sie zum Problem», sagt Hansjörg Bauer vom Lehrerverband St. Gallen. In einem Brief hat er sich an Regierung und Parlament gewandt, um auf den klaffenden Salärgraben zwischen Zürich und St. Gallen aufmerksam zu machen.
Es ist allerdings eher unwahrscheinlich, dass SVP-Bildungsdirektor Stefan Kölliker und das von SVP und FDP dominierte St. Galler Parlament den Lohnforderungen nachgeben werden. Die Lehrer wiederum dürften das Nichtstun kaum widerstandslos schlucken. Bauer sagt: «An der Basis steigt die Bereitschaft, den Forderungen notfalls auch mit Demonstrationen Nachdruck zu verleihen.» Auch im Thurgau erhält Lehrer-präsidentin Anne Varenne deutlich mehr Mails von unzufriedenen Pädagogen, die den Verband auffordern, sich für Lohnanpassungen einzusetzen.
Druck nimmt weiter zu
Der Druck auf die Kantone rund um Zürich dürfte in den kommenden Jahren nicht geringer werden. Denn der Kanton Zürich wird auch in Zukunft alles daran setzen, um bei Lehrern beliebt zu bleiben. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, steigt doch der Bedarf an Lehrern im grössten Kanton der Schweiz weiter an: Zürich rechnet in den nächsten Jahren mit einer Erhöhung der Schülerzahlen um bis zu 15 Prozent – vor allem wegen der anhaltenden Zuwanderung in den Kanton.
Gleichzeitig wird sich der Lehrermangel in den Nachbarkantonen verschärfen. So werden etwa im Aargau in den nächsten fünfzehn Jahren 40 Prozent des Lehrpersonals pensioniert. Wollen die pädagogischen Hochschulen die Nachfrage nach Lehrern künftig decken, müssen sie je nach Region bis zu doppelt so viele Fachkräfte wie heute ausbilden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2011, 21:04 Uhr
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39 Kommentare
Wenn ich sehe, welche Geringschätzung den einst hoch respektierten Lehrern entgegenschlägt, dann braucht man sich nicht wundern, wenn weniger und weniger aus unserer Mitte diesen überaus wertvollen Beruf ergreifen oder auf Dauer durchzustehen vermögen. Geld übertüncht manches, doch halten können wir die Lehrer nur, wenn wir ihnen durch positives Interesse helfen, ihre Motivation zu bewahren. Antworten

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