Die günstige Alternative zum Gripen

Nach dem Nein zum Gripen werben die Amerikaner in der Schweiz für einen billigeren Jet mit ungewöhnlicher Geschichte.

Der erste Flug eines Scorpions in Wichita, Kansas. (Quelle: Textron/Youtube)


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Der US-amerikanische Industriekonzern Textron stand schon vor der Gripen-Abstimmung mit der Schweizer Botschaft in Washington in Kontakt, um ihr bei ­Bedarf sein neuartiges Projekt vorstellen zu können. Nach dem Volks-Nein vom 18. Mai sieht sich das Unternehmen nun in einer guten Ausgangslage: «Der Scorpion ist ideal auf die Verhältnisse der Schweiz zugeschnitten», erklärte Projektchef Bill Anderson im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Er ist günstiger als der Gripen und erfüllt dennoch 90 Prozent der gestellten Aufgaben. Der Schweiz könnten wir den Jet für weniger als 20 Millionen Dollar anbieten.»

Erschwinglich musste er sein

Der Scorpion ist kein Überschalljäger wie der Gripen und will dies auch nicht sein. Entwickelt wurde der Jet explizit mit dem Auftrag, einen für die weltweit unter Spardruck stehenden Luftwaffen erschwinglichen Jet auf den Markt zu bringen. Mit Ausnahme des Luftkampfes ist die Maschine deshalb auf praktisch alle anderen Aufgaben der Luftraumüberwachung sowie auf Aufklärungs- und Informationsaufgaben ausgerichtet. «Die meisten Luftwaffen fliegen im Alltag nur solche Aufträge», erklärt Bill Anderson. «Der Scorpion ist dafür das derzeit beste, mondernste Fluggerät.» Textron schätzt den weltweiten Markt des Jets auf insgesamt 2000 Maschinen und will mit der ersten Auslieferung 2016 ­beginnen.

Das Unternehmen ist mit mehreren Luftwaffen in Verhandlung. Interessiert sind vor allem Länder in Asien und ­Lateinamerika sowie die US National Guard. Zweifellos würde ein Auftrag aus der Schweiz dem Projekt ein besonderes Gütesiegel verpassen. «Eine Anfrage aus der Schweiz wäre für uns eine vorzügliche Nachricht», sagt Textron-Mediensprecher David Sylvestre. Vertreter der Schweizer Armee und Regierung seien jederzeit zu einem Testflug in ­Kansas willkommen. In Europa ist der Scorpion zum ersten Mal im Juli an den beiden britischen Flugshows in Farn­borough und der Royal Air zu sehen.

Nur 20 Prozent neu entwickelt

Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte der Maschine. Ein kleines Team von Ingenieuren begann vor drei Jahren mit ersten Planskizzen und baute den Prototyp – völlig abgeschirmt vom übrigen Unternehmen – in Rekordtempo zusammen. Dies war möglich, weil überwiegend bewährte Teile von Zivil­maschinen verwendet wurden. Nur etwa 20 Prozent sind Neuentwicklungen, darunter das Cockpit. «Die Luftwaffen auch in den USA brauchen nicht immer und für alles Überschalljets der vierten und fünften Generation», sagt Anderson. «Für die täglichen Aufträge genügt ein Scorpion. Er ist sparsam, günstig und flexibel.» Eine Offerte an die Schweiz würde pro Maschine weniger als 20 Millionen Dollar vorsehen, ein Siebtel des Preises für einen Gripen. Möglich ist auch eine konzernübergreifende Paketlösung, da Textron auch Bell-Helikopter sowie Drohnen herstellt.

Ein wichtiges Verkaufsargument sind die tiefen Betriebskosten. Ein Scorpion fliegt für 3000 Dollar pro Stunde, das ist ein ein Bruchteil der Kosten jedes Überschalljets. «Ein wachsendes Problem für alle Luftwaffen sind die extrem hohen Betriebskosten», sagte Anderson. «Sie zwingen dazu, die Einsatzzeiten der ­Piloten zu kürzen und sie in die Simulationsanlagen zu schicken.» Diese Nachteile der hohen Kosten und geringen Einsätze soll der Scorpion beseitigen. Hinzu kommt, dass die Maschine die allerneuste Überwachungs- und Aufklärungstechnologie verwendet, die in den letzten zwei Jahren erhältlich war.

Austausch mit Pilatus

Das Flugzeug kann ähnlich wie eine Cessna-Geschäftsmaschine auf kurze Distanz starten und landen. Doch wurde die Steigleistung mit stärkeren Motoren verbessert, ebenso erhöht wurde die Wendigkeit. Dass Textron gleich wie Saab der Schweiz Gegengeschäfte anbieten würde, ist für Anderson klar. «Natürlich, das gehört dazu. Wir würden den Pilatus-Werken einen Technologietransfer anbieten.»

Wie gut ein Mittelpreisjet wie der Scorpion tatsächlich eine Lücke füllen könnte, ist umstritten. Die auf Rüstungsgeschäfte spezialisierte Beratungsfirma Avascent bestätigt, dass weltweit rund 2000 Maschinen eingesetzt werden können. Der Konkurrenzkampf sei hart. Gerade deshalb müssten die Luftwaffen eine neuartige Maschine wie den Scorpion nun in ihre Evaluationen einbeziehen. Die Teal Group dagegen, eine auf die Luftverteidigung spezialisierte Beratungsfirma, glaubt an nur beschränkte Einsatzmöglichkeiten. Der Bedarf liege bei jährlich nur 20 Maschinen.

Die Einschätzungen liegen also weit auseinander. Dies liegt wohl auch daran, dass Textron die Maschine entwickelt hat, ohne – wie das üblich ist – bereits einen sicheren Regierungsauftrag in der Tasche zu haben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.05.2014, 23:49 Uhr)

In Europa erstmals im Juli an den beiden britischen Flugshows in Farn­borough und der Royal Air zu sehen: Scorpion. (Foto: Textron)

Scorpion

Ein Jet kostet 20 Millionen Dollar

Der Scorpion wurde in nur 23 Monaten vom Zeichentisch zum flugfähigen Prototyp entwickelt. Die Hauptbestandteile wie der Rumpf, die Flügel und das Fahrwerk kommen von Cessna, die Motoren liefert Honeywell und die Elektronik stammt von Cobham. Hinter dem Projekt steht der US-Konzern Textron, der weltweit grösste Hersteller von Geschäftsflugzeugen. Neben Cessna-Jets baut das Unternehmen Helikopter des Typs Bell/Agusta sowie Drohnen und «den schnellsten Rasenmäher der Welt».

Den Jungfernflug absolvierte der Scorpion Ende 2013, die ersten Jets sollen 2016 ausgeliefert werden. Ein Scorpion kostet rund 20 Millionen Dollar. Als Vorteil gilt der geringere Aufwand: Eine Betriebsstunde soll 3000 Dollar kosten, verglichen mit 17'000 Dollar für einen Überschall-Abfangjäger. (wn)

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