«Die katholische Lehre beruht auf Irrtümern»

Der katholische Priester Jonas Schmid* lebt in einer Partnerschaft mit einem Mann. Im geschützten Rahmen des Vereins Schwuler Seelsorger konnte er ein inneres Coming-out wagen.

Jonas Schmid hat es für sich geschafft, die Zölibatsverpflichtung zu relativieren. Foto: Reto Oeschger

Jonas Schmid hat es für sich geschafft, die Zölibatsverpflichtung zu relativieren. Foto: Reto Oeschger

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Am Sonntag feiern Sie das 20-jährige Bestehen des Vereins Schwuler Seelsorger Adamim – in aller Heimlichkeit. Offenbar hat sich in den 20 Jahren nichts geändert?
Gesellschaftlich schon. Dass es Menschen gibt mit einer gleichgeschlechtlichen Orientierung, ist weitgehend anerkannt. In der Kirche dagegen hat sich grundsätzlich nichts verändert. Höchstens atmos­phärisch durch das berühmte Diktum von Papst Franziskus: «Wer bin ich, ihn zu verurteilen.» Es gibt in der Kirche nicht mehr diesen aggressiv homophoben Ton wie unter Benedikt XVI. Die grundsätzliche Einstellung des katholischen Lehramts aber ist die gleiche geblieben

Dann ist der Leidensdruck als schwuler Priester nach wie vor gross?
Das kann man nicht allgemein sagen. Für mich ist ganz wichtig, dass jemand, der diese Orientierung an sich feststellt, sich auf den Weg eines inneren Coming-out macht. Das heisst für mich, dass ich meine Orientierung nicht einfach mitschleppe, sondern sie zu akzeptieren, ja zu integrieren versuche.

Das ist ein langwieriger Prozess?
Je nachdem. Wer in den 50er- und 60er-Jahren in einer Gesellschaft und einem kirchlichen Milieu aufgewachsen ist, das jemanden wie mich gar nicht vorsieht, hat es sehr schwer. Als ich mit 14 meine Neigung entdeckte, bin ich mir vorgekommen wie einer, den es nicht geben darf. Zumal ich erkennen musste, dass ich mich nicht ändern kann. Auch die Gesellschaft war damals prüde, nicht einmal Mann und Frau durften im Konkubinat zusammenleben.

Gesellschaft und Kirche schwangen damals noch im Gleichklang?
Ja. Sexualität ist im Abendland seit Augustinus prinzipiell negativ besetzt. Der Philosoph Michel Foucault sagt, dass das Abendland nur eine Scientia sexualis, eine Wissenschaft über die Sexualität, nicht aber eine Ars erotica entwickelt hat. Ein Ansatz, wie man Sexualität gut gestalten könnte, fehlt. Die sexualfeindliche Atmosphäre und die Ablehnung der Homosexualität gibt es in der Gesellschaft so freilich nicht mehr. Die Auseinandersetzung Foucaults mit der Sexualität ist für mich wichtig geblieben, um mich von den Ansprüchen der Kirche zu befreien.

Ein Coming-out als Priester wagen Sie trotzdem nicht?
Das innere Coming-out schon. Deswegen ist der Verein Adamim so wichtig, er ist ein geschützter Ort. Der Verein vermittelt eine soziale Plausibilität, dass es auch andere wie mich gibt. Das Wichtigste dabei ist, dass man seine Geschichte erzählen kann. Man hat kein Verhältnis zu seiner Biografie, wenn man sie niemandem erzählen darf. Da bietet Adamim einen geschützten Rahmen, sich anderen zu offenbaren – nicht einem Therapeuten, sondern Leuten, die im gleichen Boot sind.

Ein äusseres Coming-out aber kommt für Sie als Priester nicht infrage?
Es gibt Möglichkeiten, das nicht völlig versteckt zu leben. Jeder von uns hat in einem beschränkten Rahmen einen Kreis, der das weiss und mitträgt: die Haushälterin, die Mitarbeiter oder enge Freunde. Man ist nicht ganz isoliert. In unserer Kirche gibt es alles: schwule Seelsorger, die gar nichts sagen, andere, die den Freundeskreis einweihen, bis hin zu Priestern, die im Pfarrhaus in einer Beziehung leben. Das weiss dann die ganze Gemeinde und selbst der Bischof. Nur die Öffentlichkeit weiss es nicht. Das ist diese schizophrene Haltung der Kirche: Wenn es in der Zeitung steht, hat es plötzlich eine ganz andere Qualität.

Wer gehört zu Adamim?
Im Unterschied zu Deutschland, wo es mehrere reine Priestergruppen gibt, ist Adamim offen für alle Männer, die in der Kirche tätig sind, für Theologen und Katecheten, für Priester, Ordensleute und Ehrenamtliche. Wir sind etwa 50, darunter auch einzelne evangelische Pfarrer. Die Frage, ob auch lesbische Frauen Mitglied sein könnten, hat sich nie gestellt.

Will der Verein eine Dating-Plattform sein oder mehr Unterstützungshilfe für die Betroffenen leisten?
Eindeutig das zweite. Er ist keine Partnervermittlung. Mir ist keine einzige Paarfindung bekannt, die im Verein entstanden ist.

Haben Sie selber einen Partner?
Ich bin seit einigen Jahren in festen Händen. Mein Partner ist Kleriker, ein Priesterkollege, gehört aber nicht zu Adamim. Und wir wohnen nicht zusammen.

Das führt aber auch automatisch zu einem Doppelleben. Wie gehen Sie als Gottesdiener damit um?
Ich würde unterscheiden zwischen jüngeren Priestern und solchen meiner Generation. Bei den Jüngeren gibt es etliche Theologen, die in einer schwulen Partnerschaft leben und sich dann zum Priester weihen lassen. Sie versprechen den Zölibat und lügen von Anfang an. Diese jüngeren Priester treten in der Regel klerikal auf, sind konservativ und engagieren sich nicht bei Adamim. Ich gehöre zu einer älteren Generation, die den Zölibat versprochen hatte und es ehrlich meinte. Gewiss gab es auch soziale Gründe dafür: Als Priester kommt kein Druck auf, erklären zu müssen, weshalb man nicht verheiratet ist. Man ist als Schwuler sozial anerkannt, ohne verheiratet sein zu müssen. Im Laufe des Lebens kann sich dann einiges an Erfahrungen und an Beziehungen ergeben.

«Mein Partner ist ein Kleriker; wir wohnen aber nicht zusammen.»

Der Priesterzölibat als Fluchtweg?
Gewiss. Als Priester braucht man sich nicht zu rechtfertigen, warum man keine Frau hat.

War das der Hauptgrund, weshalb Sie Priester wurden?
Es war ein Grund. Ich bin in einem geschlossenen katholischen Milieu aufgewachsen. In dieser Sondergesellschaft haben mich aber auch pädago­gische Vorbilder beeindruckt, etwa ein Priester oder Leiter der katholischen Jugendgruppe. Schon mit 14 habe ich mich für Theologie und Papsttum interessiert.

Das Doppelleben macht Ihnen heute kein schlechtes Gewissen mehr?
Ich habe für mich einen Weg gefunden, die Zölibatsverpflichtung zu relativieren. Schliesslich ist die 1139 formulierte Verpflichtung erst unter Papst Johannes Paul II. zu einem zentralen Glaubensartikel hochgespielt worden. Dank Foucault weiss ich, wie man sich innerlich freimacht von einer Institution, die einen gängeln will. Er zeigt auf, welche Diskurse es gibt, um die Menschen zu knechten und zu regieren. Er sagt, man müsse sich vom abendländischen Geständniszwang befreien.

Wie ist das gemeint?
Der Delinquent muss gestehen und das Innerste entblössen, damit die Gerichte gerecht urteilen können. Analog zum gläsernen Verbrecher gibt es den gläsernen Patienten oder den gläsernen Bürger. Bei der Kirche ist es der gläserne Gläubige. Nur wenn er dem Beichtvater das Innerste offenbart, bekommt er die Lossprechung. Foucault nennt das die Pastoralmacht: Die Institution muss alles wissen über dich, damit sie dir helfen kann. Hat man diesen Herrschaftsmechanismus durchschaut, findet man zu einer inneren Freiheit. Foucault sagt: «Man muss zur Ent-Unterwerfung kommen über die reflektierte Unfügsamkeit und die freiwillige Unknechtschaft.» Nur so kann man zum Subjekt werden und bleibt nicht länger Objekt von Machtdiskursen.

Für dieses Interview hatte der TA auch hochgestellte Kleriker von Adamim angefragt. Ohne Erfolg. Kann es so jemals einen Sprung nach vorne geben?
Hat jemand ein hohes kirchliches Amt inne und ­outet sich, wie neulich der polnische Priester Kryzsztof Charamsa von der Glaubenskongregation, wird er vom System ausgespuckt. Auch wenn sich alle 50 Mitglieder unseres Vereins outeten, würde sich nichts ändern. Die Beharrungskräfte sind viel zu stark.

Weil die Lehre unbeweglich ist?
Die Lehre ist unbeweglich, obwohl sie auf Irrtümern beruht. Auf einem doppelten humanwissenschaftlichen Irrtum, wonach Sexualität nur der Fortpflanzung dient und die Schöpfungsordnung nur eine einzige, die heterosexuelle, Orientierung kennt. Ein weiterer Irrtum betrifft die Exegese. Gemäss dem jüdischen Theologen Pinkas Lapide gibt es nur zwei Arten des Umgangs mit der Bibel: Man nimmt sie wörtlich, oder man nimmt sie ernst. Beides ist nicht vereinbar. Solange man die Texte wörtlich nimmt, aus dem Kontext herauslöst und irgendetwas in sie hineinprojiziert, betreibt man fundamentalistische Exegese.

So wie Bischof Huonder, der im Sommer eine alttestamentliche Bibelstelle für verbindlich erklärte, welche die Todesstrafe für praktizierende Homosexuelle fordert.
Das war intellektuell unglaublich unbedarft. Zumal von einem Bischof, der in Altem Testament promoviert hat. Huonders Methode folgend, müsste man auch Behauptungen der Bibel wörtlich nehmen, dass der Hase ein Wiederkäuer sei und umzubringen sei, wer eine Blutwurst isst. Diese fundamentalistische Exegese widerspricht selbst einem Dokument der päpstlichen Bibelkommission von 1993. Das Lehramt aber tut weiterhin so, als ob es diese Erklärung nicht gäbe.

So wird die Kluft zur Gesellschaft immer grösser?
Natürlich. Die Kirche kann mit der Gesellschaft gar nicht dialogisieren. Der Vatikan erdreistet sich, zu dem, was man als Genderfragen umschreibt, also zur sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen, eine eigene Definition zu geben, jenseits aller wissenschaftlichen Diskussionen. Für den Vatikan ist Gender alles, was die Familie kaputt macht. So klinkt er sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs aus. Naturwissenschaftlich ist er offen, wie die Umweltenzyklika von Franziskus zeigt, humanwissenschaftlich aber auf einem anderen Planeten. Würde er sich naturwissenschaftlich auf das Niveau begeben, auf dem er sich humanwissenschaftlich bewegt, wäre die Erde noch immer eine Scheibe.

Deshalb müssen die Schweizer Bischöfe Nein sagen zu Segnungsfeiern für homosexuelle Paare?
Das Verbot von Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare ist die Folge dieser humanwissenschaftlichen Irrtümer. Die Kirche gibt sich grosszügig und erklärt: Schwule Orientierung können wir akzeptieren. Das Körperliche aber sei Sünde, weil es der fortpflanzungsfokussierten Engführung der Sexualität widerspricht. Man nennt das eine heterosexistische Position: Das Heterosexuelle wird totalisiert.

Ist Adamim in Kontakt mit den Schweizer Bischöfen?
Es gab zwischenzeitlich einen institutionalisierten Dialog, zwar nicht direkt mit der Schweizer Bischofskonferenz, aber mit deren Kommission Bischöfe-Priester. Adamim und Zöfra, der Verein vom Zölibat betroffener Frauen, hatten parallel Kontakt mit der Kommission aufgenommen, die sich grosse Mühe gab. Die Bischöfe selber aber haben sich als völlig dialogunwillig gezeigt, es war ihnen lästig. Als ihnen die Zöfra die Namen von 520 betroffenen Frauen mitteilte, haben sie nur noch gerudert und gefuchtelt. Sie wollten die grosse Zahl nicht wahrhaben. Die Anregungen von Adamim haben sie überhaupt nicht ernst genommen. Da haben wir uns gesagt: So bringt das nichts. Seither herrscht Funkstille.

* Name von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2016, 17:08 Uhr)

Adamim

Schwule Männer im Dienst der Kirche

Jonas Schmid (65, Name geändert) ist Priester und Pfarrer. Aufgewachsen im katholischen Milieu, lebt er in der Deutschschweiz. Seit 1999 gehört er zu Adamim, dem Verein Schwuler Seelsorger Schweiz, und engagierte sich während Jahren im Vorstand. Der Verein wurde vor 20 Jahren von Betroffenen ins Leben gerufen. Ein damals im TA porträtierter schwuler Priester forderte Berufskollegen auf, mit ihm eine Gruppe zu gründen, wo sich Gleich­gesinnte aussprechen können. Heute hat der Verein rund 50 Mitglieder. (mm.)

www.adamim.ch

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