Schweiz

Die politische Mission des blauen Samichlaus

Von Antonio Cortesi, Aarau. Aktualisiert am 06.12.2010 26 Kommentare

Oliver Hunziker hat eine leidvolle Scheidung hinter sich, bei der er um das Sorgerecht für seine Kinder stritt. Jetzt kämpft er auf politischer Ebene weiter.

Dieser Samichlaus verteilt nicht nur Nüsse und Mandarinen: Oliver Hunziker fordert, dass das gemeinsame Sorgerecht im Gesetz verankert wird.

Dieser Samichlaus verteilt nicht nur Nüsse und Mandarinen: Oliver Hunziker fordert, dass das gemeinsame Sorgerecht im Gesetz verankert wird.
Bild: Sophie Stieger

Wieso gerade die Farbe Blau? «Oberchlaus» Oliver Hunziker weiss es selber nicht so genau. Dass die Leute auf der Strasse oft an übermässigen Alkoholkonsum denken, amüsiert ihn. «Hauptsache, wir fallen auf», sagt er. Und Hauptsache Irritation. Dann sei die Botschaft schon halb angekommen.

Die blauen Samichläuse haben eine politische Mission. Sie verteilen den Kindern zwar auch Nüsse und Mandarinen. Aber wichtiger ist das Flugblatt, das sie den Eltern zustecken. Rund 80 blaue Chläuse sind an diesem Samstag in 19 Städten der Schweiz unterwegs. Hunziker friert sich im Einkaufsrummel von Aarau die Füsse ab und sagt: «Als alternative Chläuse ermahnen wir nicht die Kinder, sondern weisen die Behörden auf ein gravierendes Fehlverhalten hin.»

Mütter mit Heimvorteil

Im Visier steht das Schweizer Zivilgesetz, das getrennte und geschiedene Väter nach Ansicht der blauen Chläuse «krass benachteiligt». Noch mehr deren Kinder: Tausende würden auch dieses Jahr Weihnachten ohne Vater verbringen müssen, steht auf dem Flyer. Schlimmer noch: «Viele dürfen nicht einmal Geschenke von ihren Vätern empfangen.» Schuld seien die Behörden und Gerichte, die das Menschenrecht auf beide Elternteile missachteten. Deshalb die ultimative Forderung der Chläuse, endlich das gemeinsame Sorgerecht im Gesetz zu verankern.

Wer an diesem Aktionstag das blaue Chlausgewand überzieht, hat eine leidvolle Geschichte hinter sich. Beim 45-jährigen Informatiker Oliver Hunziker dauerte sie sechs Jahre und begann 2003. Der Vater zweier Buben im Alter von 8 und 9 Jahren hatte die Trennung von seiner Ehefrau eingeleitet und gab sich der Illusion hin, dass sie die Familie verlassen müsse. Es kam anders: Beim Eheschutz-Verfahren zog Hunziker den Kürzeren.

Einvernehmliche Scheidung dank Mediation

«Geschockt» hat ihn damals, «wie stereotyp der Bezirksrichter entschieden hat». Weil primär die Mutter die Kinder betreut habe und er für die Familie die Brötchen verdienen musste, sei ein gemeinsames Sorgerecht gar nie zur Diskussion gestanden. Fortan konnte er die Söhne nur noch an drei Wochenenden zu sich nehmen. Und besonders schmerzlich: «Ich merkte, wie die beiden immer mehr die Sichtweise der Mutter übernahmen und sich von mir entfremdeten.» Da beschloss Hunziker, für das gemeinsame Sorgerecht zu kämpfen. Zunächst für sich selber, dann immer mehr für Väter mit dem gleichen Schicksal.

Heute, sagt Hunziker, sei seine Situation bereinigt. Dies dank einer Richterin, die für die zerstrittenen Partner eine Mediation angeordnet hatte: Die Ehe wurde letztes Jahr einvernehmlich geschieden. Noch rechtzeitig, um Hunzikers Familie nicht definitiv auseinanderzureissen. Aber doch zu spät, weil die Söhne inzwischen im Teenageralter sind und selber bestimmen, ob sie beim Vater oder bei der Mutter leben wollen.

Zufluchtsort für Männer

Geblieben ist Hunzikers sozialpolitisches Engagement, das ihn heute voll in Beschlag nimmt: Er präsidiert den Verein verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter. Zudem steht er der über 3000 Mitglieder zählenden Schweizerischen Vereinigung für gemeinsame Elternschaft vor.

Und vor einem Jahr eröffnete er mit Mitstreitern in Aarau das erste Väterhaus der Schweiz. Hier finden Vertreter des sogenannt starken Geschlechts Unterschlupf, die im Beziehungskampf die Waffen strecken mussten: Männer, die von ihren Frauen geschlagen oder psychisch malträtiert werden. Und Männer, die im Scheidungskrieg innerlich zerbrechen.

«Kein Antifeminist»

Er sei beileibe «kein Antifeminist», betont Hunziker. Die Einwände «linker Frauen» kann er aber nicht nachvollziehen. Diese lehnen eine Verankerung des gemeinsamen Sorgerechts im Gesetz ab mit dem Argument, viele Männer wollten zwar gleiches Recht, seien aber nicht bereit, bei der Kinderbetreuung und im Haushalt die gleichen Pflichten zu übernehmen. Das Problem sei vielmehr, kontert Hunziker, «dass viele Frauen nicht bereit sind, ihre Erziehungsmacht mit einer neuen Generation emanzipierter Männer zu teilen».

Sagts und verteilt die nächsten Flugblätter. Darauf steht auch, dass ein unverheirateter Vater eines Kleinkindes in der Stadt Zürich im Trennungsfall standardmässig ein Besuchsrecht von 6 Stunden pro Monat erhalte – «bloss 2 Stunden mehr als ein Gefangener in der Strafanstalt Pöschwies». Stimmt das wirklich? Und wird da nicht zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt? «Wer zu seinem Recht kommen will und kein Geld für eine teure Kampagne hat, muss die Dinge zuspitzen», sagt Oberchlaus Hunziker – rückt den Bart zurecht und zieht weiter. Es ist ein dünner Kunststoffbart mit Gummizug. Ein Rauschebart aus Büffelhaar, wie ihn die roten Chläuse tragen, hätte laut Hunziker 1000 Franken gekostet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2010, 20:27 Uhr

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26 Kommentare

Paul Gerber

06.12.2010, 10:09 Uhr
Melden

Der arme Vater: In unserer männerfeindlichen Gesellschaft hat er NULL Chancen, zu seinem Recht zu kommen! Antworten


Diana Bruni Hulette

06.12.2010, 13:09 Uhr
Melden

Blaue Samichläuse: Als Mutter zweier Kleinkinder bin ich gleicher Meinung: Gemeinsame Rechte, gemeinsame Pflichten. Macht weiter so, viel Kraft und Energie an euch! Es tut weh, zu lesen, wie Väter schmerzlich von Ihren Kindern getrennt werden. Die Schweiz sollte in Familienrechten einmal einen grossen Schritt vorwärts machen anstelle rückwärts. Antworten



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