Die «schockierende» Studie, von der Journalisten nichts wissen wollen

Eine private Stiftung hat 470 Medienschaffende eingeladen, um ihnen die Resultate einer Untersuchung zu präsentieren. Doch die Studie hat ein Problem: Sie passt schlecht ins Beuteschema von Journalisten.

In der Schweiz werden sie als Täter beschrieben, im Ausland als Opfer: Eine Studie beurteilt die Berichterstattung über Roma als einseitig und pauschalisierend.

In der Schweiz werden sie als Täter beschrieben, im Ausland als Opfer: Eine Studie beurteilt die Berichterstattung über Roma als einseitig und pauschalisierend.

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Man sagt, Journalisten seien besser im Austeilen als im Einstecken. Dieses Klischee schien sich an der gestrigen Pressekonferenz in der Zürcher Altstadt zu bestätigen. Die Rroma Foundation lud 470 Journalisten zu einer Medienkonferenz ein, um die Resultate einer Studie zu präsentieren. Die Stiftung hat 297 Artikel untersucht, die acht Zeitungen und Magazine* im Zeitraum von fünf Jahren publiziert hatten. Allen Texten ist gemein, dass sie über Roma berichteten.

Rund ein Drittel der Journalisten sei persönlich angeschrieben worden, bei vielen hakte die Rroma Foundation telefonisch nach und kündigte an, der Befund der Studie sei «schockierend». Am Medientermin selbst stellten die Veranstalter einen üppigen Apéro bereit, um anschliessend auch mit den Journalisten ins Gespräch kommen zu können. Doch die Platten blieben praktisch unberührt. Von den 470 geladenen Journalisten kamen genau vier. Zum Vergleich: Als Geri Müller nach seinem Selfie-Gate erstmals vor die Medien trat, reisten rund 50 Medienschaffende aus der ganzen Schweiz an.

Bettler, Diebe und Prostituierte

Dabei zeichnet die Studie durchaus ein bemerkenswertes Bild. Die wesentlichsten Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Wird über Roma in der Schweiz berichtet, handeln die Texte ausschliesslich von Bettlern, Dieben, Prostituierten, die in patriarchalen Clans organisiert sind und hierzulande Probleme machen. Wie viele Roma in der Schweiz leben, wie unauffällig sie leben und wie gut sie integriert sind, erfahren die Leser nicht – anders als in Deutschland oder Frankreich, wo die Medien laut Studie ausgewogener berichten würden. In den Auslandressorts beschränke sich die Aufmerksamkeit dagegen auf die Roma als Opfer, so die Studie. Sie werden fast ausschliesslich als arm, ungebildet und sozial ausgegrenzt beschrieben. Und oft würden diese Merkmale ihrer Ethnie zugeschrieben.

Belege für den Befund fänden sich in allen Zeitungen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Titeln seien gering, sagte der Direktor der Rroma Foundation, Stéphane Laederich. Konkrete Beispiele aus der NZZ, dem «Tages-Anzeiger» oder «20 Minuten online» legen die Vermutung nahe: Hätten die Autoren anstelle von Roma über andere Minderheiten in diesem Stil berichtet, hätte ihre Berichterstattung womöglich ein Beben ausgelöst.

«Die soziale und kulturelle Rückständigkeit der Roma ist historisch begründet, aber nicht genetisch bedingt.» (NZZ, 27. 5. 2013)
Der Autor kreiere die These, dass Roma der heutigen Zeit nicht angepasst seien und schaffe ein Bild, das den Roma nicht gerecht werde, heisst es in der Studie. «Viele Roma leben integriert und unauffällig, gehen einer normalen Arbeit nach und werden nicht als Roma erkannt», heisst es in der Studie.

«In ihrer Heimat leben Roma bekannterweise unter widrigen Umständen, in Hüttensiedlungen ohne sanitäre Anlagen.» (TA, 21. 1. 2012)
Beim zweiten Beispiel kritisieren die Verfasser der Studie nicht nur, dass die Zuschreibungen auf sämtliche Roma angewendet werden, sondern schlicht falsch seien. Roma leben weder hauptsächlich in Ghettos, noch haben alle Roma ein und dieselbe Heimat. 80'000 bis 100'000 der 12,6 Millionen Roma haben laut der Rroma Foundation ihre Heimat in der Schweiz.

«Auch nach tausend Jahren in Europa sind die ursprünglich aus Nordindien stammenden Roma im Abendland nicht angekommen. Oft scheitern sie an ihren mangelnden Integrationsbemühungen. Meistens ist ihre Mentalität einfach nicht mit der einer zivilisierten Gesellschaft vereinbar.»(20min.ch, 7. 9. 2010)
Hier finde sich das Motiv des archaischen Rom, mit einem zielgerichteten Geschichtsverständnis verknüpft, bei dem sich die Roma in einem Zustand der Vorzeitlichkeit befänden, so die Autoren. Selbst die WOZ, die sich auch explizit um eine Gegenposition bemühte, gerät in die Kritik. Die linke Wochenzeitung wollte wissen, wie die Roma in der Schweiz leben und begleitete dafür Rumänen und Rumäninnen, die regelmässig unter Lausanner Brücken schlafen. Die WOZ pauschalisiere Roma als verarmte Obdachlose und ignoriere völlig, dass viele Roma gut integriert in der Schweiz leben, werfen ihr die Autoren vor. Die Studie ist mit Zitaten gespickt, die ein stereotypes Bild von Roma zementieren.

Köppel meldete sich ab

Die einseitige Berichterstattung habe für die in der Schweiz lebenden Roma Folgen, sagte Laederich gestern. Selbst er werde gefragt, ob er Lesen und Schreiben könne, wenn er erwähne, dass er Rom sei, sagte der Träger eines Doktortitels. Immer mehr Roma fühlten sich deshalb dazu veranlasst, ihre ethnische Herkunft zu verheimlichen.

Um einen Journalisten habe sich die Rroma Foundation besonders bemüht: Roger Köppel, Chefredaktor der «Weltwoche». Sein Magazin veröffentlichte im Jahr 2012 den viel diskutierten Beitrag über Roma «Sie kommen, klauen und gehen». Mehrere Strafverfahren gegen die «Weltwoche» wurden eingestellt, die Zürcher Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, der Artikel setze die Roma nicht als Volk herab. Der Presserat dagegen rügte den Artikel als diskriminierend. Köppel habe sich, verriet Laederich, im Gegensatz zu den meisten anderen eingeladenen Journalisten die Mühe gemacht, seine Absage zu begründen und um die Zusendung der Unterlagen zu bitten.

* «20 Minuten»/«20 Minuten online», «Beobachter», «Blick», NZZ, «SonntagsZeitung», «Tages-Anzeiger»/Tagesanzeiger.ch, «Weltwoche», WOZ (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.11.2014, 19:26 Uhr)

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