Die smarte Kommunikatorin

Mit der 32-jährigen Pascale Bruderer wird eine junge Vollblutpolitikerin mit unpolitischen Attributen Nationalratspräsidentin.

Pascale Bruderer verkörpert die Mittelschicht-SP.

Pascale Bruderer verkörpert die Mittelschicht-SP.

Etwas zum Mitmachen zum Einstieg: Halten Sie sich den ausgestreckten rechten Zeigfinger rechts neben die Lippen! Bewegen Sie die Hand nach rechts, zuerst leicht runter und dann wieder auf die gleiche Höhe! Sie haben in der Gebärdensprache das Zeichen gemacht, das für die Frau steht, die im kommenden Jahr höchste Schweizerin wird. Hörbehinderte, die ihr nahestehen, haben Pascale Bruderer vor Jahren mit dem Smiley-Mund bedacht. Und Pascale Bruderer, der Gebärdensprache mächtig, strahlt, als sie im schicken Café des Alpes im Bundeshaus davon erzählt. Und nippt am Verveine-Tee.

Seit sie in jungen Jahren in die Politik eingestiegen ist, engagiert sich Pascale Bruderer für Menschen mit Behinderung. Die gesamte Verwandtschaft mütterlicherseits ist teils schwerhörig, teils gehörlos. Einzige Ausnahme: Pascale Bruderers Mutter. Die Aargauer Nationalrätin weiss nicht, ob auch ihre Kinder Hörprobleme bekämen. Das Risiko ist vorhanden.

Flirt mit dem Freisinn

Auf die Frage, was ihr grösster politischer Erfolg sei, sagt Pascale Bruderer: dass die Vorabend-«Tagesschau» übersetzt wird. Sie weiss: «Das war kein weltbewegendes politisches Geschäft, aber es ist typisch für die Art, wie ich gern arbeite.» In Einzelgesprächen sei es ihr gelungen, Parlamentsmitglieder aus allen Lagern zu überzeugen, eine entsprechende Bestimmung ins Radio- und Fernsehgesetz aufzunehmen.

Parteigrenzen überschreiten fällt der Frau, die in ganz jungen Jahren in Baden auch mal mit dem Freisinn flirtete, leicht. Zwischen der Maturandin Bruderer und einem FDP-Lokalpolitiker kam es zu einem Vorstellungsgespräch. Doch er war ihr viel zu konservativ. Sie trat in die SP ein, ganz in der Familientradition. Die Grossväter waren Genossen, Aargauer Grossräte, rote Gemeindeammänner.

Für ein Studienjahr ging Bruderer nach Schweden, ins gelobte Land der Sozialdemokratie. Als sie dort mit einem gehbehinderten Freund reiste, erlebte sie, dass man sich in Skandinavien besser mit dem Rollstuhl bewegen kann als daheim. Beim Joggen kam es der Politologiestudentin vor wie am Vatertag, weil so viele Männer mit Kinderwagen unterwegs waren. Wie schwedische Kommilitonen die hohen schwedischen Steuersätze verteidigten, hat sie erstaunt und überzeugt. Und Bruderer schiebt nach: «Auch in der Schweiz wächst heute das Bewusstsein wieder, dass man für seine Steuern auch sehr viel zurückerhält.»

Das gewinnende Äussere

Zurück aus Skandinavien, kaum 24 Jahre alt, rückte Pascale Bruderer als Jüngste in den Nationalrat nach. Das war vor sieben Jahren. Nun wird sie die jüngste Frau, die je den Nationalrat präsidierte. «Mit der Etikette – die Jüngste – ist es manchmal schwierig», sagt sie. Und manchmal einfacher. Gleiches gilt für ihr gewinnendes Äusseres, das ihr die eine oder andere Stimme, aber keinen Seriositätsbonus einträgt. In der Aargauer SP haben nicht zuletzt gesetztere Genossinnen die Nase gerümpft ob der frischen und gut aussehenden Senkrechtstarterin. Misstöne gab es, als das politische Naturtalent an ihrer Stelle und ohne jahrelange politische Basisarbeit den Sprung nach Bern schaffte. Sie sind verstummt, obwohl Bruderer noch heute nicht als Schwergewicht unter der Bundeshauskuppel gilt.

Zu den Vorteilen jugendlicher Schönheit gehört das mediale Interesse. Die geborene Kommunikatorin Bruderer nutzt sie – wie sie selber sagt –, «um auch vermeintlichen Nischenthemen wie der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung Gewicht zu geben». Die IV-Diskussion habe nun gezeigt, wie gross die Bedeutung solcher Fragen sei.

Typische Mittelschicht

Bruderer, die sich ihr Studium bei der UBS verdiente, verkörpert nicht die Schweiz von unten, sondern das Gros der SP-Wähler: die gut ausgebildete, gut verdienende Mittelschicht. Entsprechend stimmt sie manchmal auch ab: So bejaht sie Sonntagsverkäufe, womit sie sich bei den Gewerkschaftern keine Freunde macht. Abgesehen von solchen gewichtigen Ausnahmen ist das politische Profil der Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau parteitreu.

Über ihre SP und die Niederlagenserien in kantonalen Wahlen will Bruderer lieber nicht reden. Fragen zum Thema blockt sie ab mit der Begründung, parteipolitische Aussagen seien nicht die Aufgabe der angehenden Nationalratspräsidentin. Sie lässt sich einzig entlocken: «In der Kommunikation ist nicht alles gut gelaufen in den vergangenen Jahren.» Und sie weiss wohl, dass sich die politischen Gegner wundern, warum die Sozialdemokraten nicht stärker auf sie als ihre beste Verkäuferin diesseits des Röstigrabens setzen. Pascale Bruderer lächelt und trinkt den letzten Schluck Verveine-Tee.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2009, 04:00 Uhr

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