Die teure Pannenseite

Für 2,7 Millionen Franken wurde der Webauftritt des Parlaments überarbeitet. Leider funktioniert jetzt kaum mehr etwas richtig.

Schön, aber nicht sehr funktional: Die neue Website des Parlaments.

Schön, aber nicht sehr funktional: Die neue Website des Parlaments.

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In Sachen Marketing war die Vorstellung des neuen Webauftritts des Parlaments absolut auf der Höhe der Zeit («Hot Shit» würde ein Werber dazu sagen): Es gab ein rassig geschnittenes Youtube-Video, Einführungskurse für Journalisten und Parlamentarier und eine Medienmitteilung, in der die Verwaltung keine falsche Scheu vor Eigenlob zeigte. Nutzerfreundlich und barrierefrei sei die neue Website, modern und «responsive», einfach zu bedienen und dem rasanten technologischen Fortschritt angepasst. Und das sei auch nötig: «Der Webauftritt Parlament.ch ist das Schaufenster der Schweizerischen Bundesversammlung», liess sich Mark Stucki, Bereichsleiter Information der Parlamentsdienste, in der Mitteilung zitieren. Hier lege das Parlament Rechenschaft über seine Arbeit ab, und hier fänden Bürgerinnen und Bürger alles, was National- und Ständerat diskutierten und entschieden.

Ob die Bürgerinnen und Bürger tatsächlich alles finden? Eher nicht. Auf der neuen Seite, deren Entwicklung 2,5 Jahre dauerte und 2,7 Millionen Franken kostete, herrscht die grosse Verwirrung. Kurz nach der Umschaltung auf die neue Seite vor Beginn der Frühlingssession begann auf Twitter (wo auch sonst) ein Gejammer, das bis zum heutigen Tag anhält. Die Wortprotokolle aus den Räten: nicht mehr zu finden. Die Auflistung der Geschäfte: dito. Die Abstimmungsresulte: nur dreissig Klicks entfernt. Die Ladezeiten: wie in den Zeiten von ratternden Kabelmodems. Die Navigation: ähnlich zufällig wie in jenen alten Internetgames, in denen man in einen herumrasenden Kreis klicken musste. Kurz: ein Ärgernis für all jene Berufsgruppen, die auf die Seite angewiesen sind.

«Mühsam»

«Die Seite ist massiv unübersichtlich geworden», sagt der Berner Lobbyist Walter Stüdeli. Aktuell verfolgt er die Beratung des Heilmittelgesetzes, das sich in der Einigungskonferenz befindet. Auf der alten Seite war der Stand des Geschäftes übersichtlich zusammengefasst. «Heute muss ich mir alles mühselig zusammensuchen.» Zuerst habe er schweigen wollen, sagt Stüdeli, denn es sei ja vielleicht auch eine Frage des Alters, wenn man auf Neues so reagiere. «Aber es ist tatsächlich mühselig.»

Auch Firmen wie Politnetz oder Sotomo, die aus professionellen Gründen auf die Datenbank der Eidgenössischen Räte angewiesen sind, haben nur bedingt Freude am Relaunch. Eine «Riesenbaustelle» ist es für Michael Hermann von Sotomo. Aber eine machbare Baustelle. «Mich dünkt, der Relaunch lege viel Wert auf eine möglichst schöne Erscheinung – und weniger auf die gute Zugänglichkeit der Daten.» Auch für Marco Schwarzenbach von Politnetz ist der Relaunch «nicht sehr praktisch». Eine riesige Umstellung für die Arbeit von Politnetz bedinge er aber nicht.

Bei den Parlamentsdiensten, verantwortlich für den Relaunch, weiss man um die Kritik aus der Öffentlichkeit – und wehrt sich dagegen. «Jeder Go Live von Websites von solch hoher Komplexität (Einbindung zahlreicher Datenbanken usw.) birgt das Risiko von einzelnen Anfangsproblemen oder Kinderkrankheiten, die erst im produktiven Betrieb manifest werden», schreibt Daniel Schweizer, Leiter Ressort Web bei den Parlamentsdiensten, auf Anfrage. Auch lange und intensive Testphasen könnten dieses Risiko nicht zu 100 Prozent vermindern. «Unsere täglich bis zu 20'000 Besucherinnen und Besucher entdecken natürlich mehr, als dies einem personell limitierten Testpersonal möglich ist.»

Irgendwann funktioniert es dann

Ein erstes, gröberes Problem hat die Verwaltung inzwischen beheben können. Es war Medienjournalist Nick Lüthi, dem zuerst aufgefallen war, dass Hunderte von Links der alten Seite seit dem Relaunch ins digitale Nirvana führen. In der Zwischenzeit leite man 55'000 Links wieder um, was 95 Prozent aller Links entspreche, sagt Daniel Schweizer von den Parlamentsdiensten und verbreitet Zuversicht: Man werde alle Rückmeldungen zur neuen Seite erfassen, analysieren, gewichten und in die künftige Weiterentwicklung langfristig einfliessen lassen. Vielleicht, so jedenfalls die Hoffnung in Bundesbern, funktioniert dann bis zum nächsten Relaunch alles perfekt … (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.03.2016, 15:27 Uhr)

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