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«Diese Menschen bewegen sich am Rande der Normalität»

Von Barbara Stäbler, SDA. Aktualisiert am 26.08.2010

Freunde von Bernard Rappaz fürchten, dass der Walliser Hanfbauer in Haft erneut in einen Hungerstreik tritt. Ein forensischer Psychiater versucht zu erklären, warum ein Mensch bereit ist, so weit zu gehen.

1/16 Am 24. Dezember hat Bernard Rappaz seinen Hungerstreik abgebrochen. Er ist jetzt im Wallis inhaftiert. (Bild: Mai 2010)

   

Herr Frei, braucht es eine bestimmte psychische Konstellation, um in einen Hungerstreik zu treten, oder könnte das jeder und jede von uns auch?
Nein, dazu braucht es einen sehr starken Willen. Dabei gibt es eine Palette von Motiven: von bewundernswert-idealistisch bis krankhaft-fanatisch. Zwei extreme Beispiele sind der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi und der RAF-Terrorist Holger Meins. Beide waren der Ansicht, im Recht zu sein. Hungerstreik kann eine machtvolle Waffe in der Hand von politisch rechtlosen Menschen - worum es in diesem Fall nicht geht - aber auch von Querulanten oder Fanatikern sein.

Wie muss man sich die Psyche eines solchen Fanatikers vorstellen?
Fanatisch ist jemand dann, wenn er nicht mehr in der Lage oder Willens ist, den Standpunkt des anderen einzunehmen. Diese Menschen bewegen sich am Rande der Normalität. Bei bestimmten, vielleicht sogar banalen Ereignissen, bei denen diese Menschen ihre «Rechte» verletzt sehen, reagieren sie extrem.

Dann kann also jedes Anliegen Motiv für einen Hungerstreik sein - auch das banalste? Bei Bernard Rappaz geht es ja angeblich um Hanfliberalisierung.
Grundsätzlich ja. Ohne den Fall Rappaz im Detail zu kennen: Für gewisse Leute der 68er und post-68er Generation ist die Liberalisierung von Hanf stark ideologisch aufgeladen. Es wundert mich also nicht, dass auch dieses verhältnismässig «banale» Thema für jemanden so wichtig werden kann, dass er dafür sein Leben aufs Spiel setzt.

Während des Hungerstreiks hat Rappaz seinen Urin getrunken, um dem Körper wichtige Mineralsalze zuzuführen. Ist es ihm wirklich ernst mit seinem Hungerstreik?
Ja. Denn das Ziel eines Hungerstreikenden ist es nicht, zu sterben, sondern sein Anliegen durchzubringen.

Rappaz wurde durch alle rechtlichen Instanzen hinweg für schuldig befunden. Damit hat er alle rechtsstaatlichen Mittel ausgeschöpft. Warum kann einer wie er das nicht akzeptieren?
Es ist grundsätzlich heikel, sich aus psychiatrischer Sicht zu abweichenden politischen Meinungen zu äussern. Immerhin hat sich das Stimmvolk 2008 in der Frage der Hanfliberalisierung dagegen ausgesprochen. Wenn ich unser relativ faires Rechtssystem gegen den Einsatz des Lebens abwäge, dann deutet dies eben klar auf Fanatismus hin. Denn in der Regel sehen Leute ein, dass sie gegen Recht verstossen haben, auch wenn sie selbst einen anderen Standpunkt einnehmen.

Als was sehen sich Hungerstreikende?
Ich würde sagen als Vorkämpfer ihrer Sache. Und dann auch als Opfer des Staates.

Ist sich einer wie Rappaz bewusst, dass er mit seinem Handeln Unglück über andere Leute bringt - etwa über seine Tochter?
Fanatiker unterwerfen grundsätzlich alles ihrem Ziel - sowohl ihre eigene Gesundheit wie auch die Gefühle von nahestehenden Personen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2010, 22:44 Uhr

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