Dignitas-Minelli wirft Widmer-Schlumpf «Verleumdung» vor
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Werben Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Dignitas aktiv Suizidwillige an? Das behauptet Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf heute in einem Interview mit der «Berner Zeitung». Sie sagt: «Beispielsweise gehen die Organisationen teils dazu über, ihre Kunden zu akquirieren.» Auch die Tatsache, dass Dignitas vermehrt Personen aus dem Ausland in den Tod begleitet, alarmiert Widmer-Schlumpf. «Wir möchten aber nicht zu einem Land des Sterbetourismus werden», sagt sie weiter.
Beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) will man diese Aussage auf Nachfrage hin nicht kommentieren, verweist jedoch auf einen Bericht zur Sterbehilfe vom Mai, auf den sich Widmer-Schlumpf stützt. Dort heisst es: «Schliesslich ist auch die zunehmende Werbe- und Propagandatätigkeit der Suizidhilfeorganisationen, mittels Inseraten und Berichten in Zeitungen im In- und Ausland, Auftritten an Gemeindeanlässen und letztlich sogar Radiospots zu erwähnen.»
Suizidwillige kommen auch ohne Werbung
Dignitas-Chef Ludwig Minelli weist die Vorwürfe zurück: «Das ist Verleumdung. Diese Vorwürfe muss Frau Widmer-Schlumpf zuerst beweisen», sagt er auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz. «Wenn wir Suizidwillige akquirieren wollten, dann hätten wir schon lange eine Webseite auf Englisch aufgeschaltet. Auf unserer Homepage findet sich jedoch nur ein kleines Kapitel auf Englisch.» Und den englischsprachigen Prospekt biete Dignitas nicht im Internet an.
Minelli betont, dass Interessierte im Gegenteil oft lange recherchieren müssten, bis sie Dignitas fänden. Das ist für Sterbewillige aus dem Ausland jedoch keine Hürde, wie Zahlen zeigen. So sind 800 Briten Mitglied bei Dignitas, wie die Zeitung «Times» schreibt. 119 Personen aus Grossbritannien – wo auf Sterbehilfe Gefängnis von bis zu 14 Jahren steht – habe die Sterbehilfeorganisation bereits in den Tod begleitet. Dignitas selber gibt keine Statistiken heraus.
«Letztes mögliches Mittel»
Minelli wirft dem Bundesamt für Justiz vor, die Fakten zu verdrehen. «Unsere Arbeit besteht zu 90 Prozent darin, den Leuten Ratschläge zu geben, wie sie ihre Probleme lösen könnten.» Suizidvermeidung nennt Minelli das, ganz nach dem Leitsatz: «Wir propagieren Suizid nicht, aber wir akzeptieren ihn als letztes mögliches Mittel.»
Auch bei Exit wehrt man sich gegen die Vorwürfe von Widmer-Schlumpf. «Wir schalten weder Werbung für Freitodbegleitungen noch akquirieren wird Kunden», sagt Sprecher Bernhard Sutter. Die Zahlen würden zeigen, dass dies auch gar nicht nötig sei: Exit habe ohnehin jährlich bis zu 2000 Anfragen, könne aber nur etwa 175 Sterbewillige begleiten. Im Vergleich zu Dignitas bietet Exit Suizidhilfe nur für Personen mit Wohnsitz in der Schweiz an.
Kein Geld für Werbung
Sutter betont, dass Exit Werbung für den Freitod aus Prinzip ablehnte. «Wir wollen den Suizid nicht fördern, sondern Sterbewillige begleiten.» Komme dazu, dass die Organisation auch nicht über das Geld dazu verfüge. Die einzige Dienstleistung, die Exit vermarktet, sind die sogenannten Patientenverfügungen: Mit diesen kann eine Person juristisch festlegen, welche Behandlungen sie im Notfall oder am Lebensende über sich ergehen lassen will. Exit gab 2008 rund 70'000 Franken zu diesem Zweck aus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 29.10.2009, 17:18 Uhr
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