Doktor Arbeitslos

Immer mehr Sozial- und Geisteswissenschaftler schreiben eine Dissertation, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Meist vergeblich, weil sie als Doktoren erst recht keine Stelle finden.

Keine Stelle trotz Doktortitel: Studierende in der Bibliothek der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich.

Keine Stelle trotz Doktortitel: Studierende in der Bibliothek der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Bild: Keystone

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Und irgendeinmal stand die Zeile mit dem «Dr. phil.» dann ganz unten in der Bewerbung. In Schriftgrösse 10, versteckt, verschmäht. Nach über 100 gescheiterten Bewerbungen hatten ihm das seine Kollegen empfohlen. Denn der 33-jährige Doktor in Geschichte Sandro Felder (Name geändert) findet keine Arbeitsstelle.

Dabei hatte alles gut begonnen. Felder nahm nach der Matur ein Geschichtsstudium auf, «etwas Spannendes, das mich für ein breites Feld qualifiziert und mir viele Berufsmöglichkeiten offenlässt», sagt er. Zwar sei er vorgewarnt gewesen, dass es nicht einfach werde, dass es Geduld brauche auf der Stellensuche. «Aber irgendwann ergibt sich etwas, das passt», war er überzeugt.

Schwer vermittelbare Akademiker

Heute, über zehn Jahre später, hat sich noch immer nichts ergeben. Eigentlich hatte er nie beabsichtigt, seinem Studium einen Doktor anzuhängen. Doch nach dem Lizenziat fand er keine Stelle, nur ein sechsmonatiges Praktikum, das ihm die Regionale Arbeitsvermittlung (RAV) vermittelte. Danach wieder nichts. Bis sich die Möglichkeit ergab, eine Dissertation zu schreiben. 50 Prozent wissenschaftliche Mitarbeit an der Uni Bern, die restliche Zeit stand für die Doktorarbeit zur Verfügung. Felder war nicht mehr arbeitslos.

Vier Jahre lang forschte er, «was sehr spannend war». Dann, Ende 2010, schloss er seine Dissertation erfolgreich ab – und landete wieder in der Arbeitslosigkeit. Die RAV vermittelte ihm zwar noch ein Praktikum und eine Stelle. Doch weil diese nicht zu seinen Kompetenzen passte, klappte der Berufseinstieg erneut nicht. «Ich hatte beim RAV das Gefühl, einer unter hundert zu sein», sagt Felder. Einer unter hundert schwer vermittelbare Akademikern, könnte man beifügen. Viele davon mit Doktortitel.

Der Arbeitslosigkeit entfliehen

2337 arbeitslose Doktoren verzeichneten die RAV im Juli dieses Jahres. Rund doppelt so viele wie zu Beginn des Krisenjahres 2009. Tendenz: steigend. In Deutschland nennt man dieses Phänomen «Doktor Arbeitslos». Trotz der zunehmend schwierigen Lage für Doktoren auf dem Stellenmarkt steigt jedoch die Anzahl der abgeschlossenen Dissertationen. Promovierten im Jahr 2000 noch 2822 Studierende, waren es letztes Jahr bereits 3488 (siehe Grafik). Besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften hat die Beliebtheit des Doktortitels zugelegt: In den vergangenen zwölf Jahren haben sich die abgeschlossenen Dissertationen auf 525 verdoppelt.

Markus Diem, Doktor in Psychologie und Leiter der Studienberatung der Universität Basel, räumt ein, dass einige Studierende aus Furcht vor der Arbeitslosigkeit ein Doktorat in Angriff nähmen. Gerade strukturierte Doktoratsprogramme von meist sechs Semestern verführten Masterabsolventen noch zusätzlich zu einem solchen Schritt. «So wird das Doktorat zur dritten Studienphase, die man anhängt wie einen Master an einen Bachelor.» Ein Doktorat als Verlegenheitslösung sei jedoch keine kluge Entscheidung, weil es auch Möglichkeiten verbaue. «Man ist danach schlicht für vieles zu alt», sagt Diem. Praktika und Trainee-Programme seien für jüngere Leute konzipiert. «Doktorieren sollte nur, wer sich in Zukunft explizit als Forscher, Experte oder wissenschaftlicher Mitarbeiter sieht.»

Natalie Breitenstein, Beraterin bei den Career Services der Universität Zürich, rät Studierenden ebenfalls von einer Dissertation als Überbrückungsmassnahme ab. «Der Student sollte unbedingt aus Interesse an der Forschung promovieren.» Einen Doktor in den Sozial- und Geisteswissenschaften, wie sie ihn gemacht habe, erwerbe man aus Idealismus, nicht aus marktwirtschaftlichen Gründen. Denn: «Der Berufseinstieg wird durch einen Doktor nicht einfacher.»

Zu qualifiziert fürs Praktikum

«Zu wenig Praxiserfahrung», «überqualifiziert» – dies hört Sandro Felder am häufigsten, wenn er wieder einmal eine Absage erhält. Eineinhalb Jahre nach dem Abschluss seiner Dissertation sucht er schon längst nicht mehr nach einem Job, der eigentlich seinen Qualifikationen entspräche. Er versucht momentan, durch Networking und persönliche Kontakte zu einer Arbeit zu kommen. «Mittlerweile würde ich irgendetwas annehmen», sagt er. Auch ein weiteres Praktikum. Doch seit einem Jahr ist da eben gar nichts mehr. Bei der RAV ist er ausgesteuert, er lebt momentan von seinen Reserven. «Auch Regale auffüllen wird langsam zu einer Option», sagt er. Denn die Alternative hiesse Sozialhilfe.

«Nach Abschluss der Dissertation ist ein Jobbewerber meist schon über 30 Jahre alt, und es fehlt ihm oft an einschlägiger Berufserfahrung», sagt Natalie Breitenstein. Wichtig sei darum, dass man bereits im Grundstudium und vor allem während der Promotion einen Fuss in die Arbeitswelt setze. «Man muss heute früh seine berufliche Zukunft planen.» Trotz Bologna-Reform sei es möglich, neben dem Studium zu arbeiten.

Bild des Doktors korrigieren

Irene Tschopp, Mediensprecherin des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich, sieht eine weitere Problematik, welche die Arbeitsmarktsituation für Doktoren erschweren dürfte: «Die gut qualifizierten Arbeitskräfte aus dem Ausland, die durch die Personenfreizügigkeit auf den Arbeitsmarkt kommen, könnten eine Konkurrenz für die Akademiker darstellen.» Auch Tschopp rät generell zu einem frühen Kontakt mit der Arbeitswelt. «Ohne Netzwerk kommt man auch als Doktor nicht weiter.»

Für Natalie Breitenstein hat die Öffentlichkeit nach wie vor ein schiefes Bild von Promovierten. Der Eindruck, den viele vom Doktor hätten – ein verkopfter Wissenschaftler, der aus dem Elfenbeinturm in die Arbeitswelt herabsteigt –, habe aber noch nie mit der Realität übereingestimmt. «Die Jobbewerber, aber längerfristig auch die Unis, müssen dieses Bild bei den Arbeitgebern korrigieren», sagt sie. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.08.2012, 09:06 Uhr)

Arbeitslose Doktoren (Bild: TA-Grafik ek / Quelle: SECO)

Abgeschlossene Doktorarbeiten (Bild: TA-Grafik ek / Quelle: BFS, SHIS)

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