Doppelte Agenda

Die albanische Union in der Schweiz zeigt exemplarisch, dass sich Imame zum gemässigten Islam bekennen, tatsächlich aber einem reaktionären Glauben frönen.

Brutstätte des radikalen Islam: Medina mit der Prophet-Mohammed-Moschee.<br />Foto: Ali Jarekji (Reuters)

Brutstätte des radikalen Islam: Medina mit der Prophet-Mohammed-Moschee.
Foto: Ali Jarekji (Reuters)

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Öffentlichkeit und Politik lassen sich noch so gern von Imamen versichern, sie seien einem gemässigten Islam verpflichtet und bekämpften extremistische Tendenzen. Das liess etwa die «Union Albanischer Imame in der Schweiz» bei ihrer Gründung im Jahr 2012 verlauten.

Dabei haben die meisten dieser Imame eine konservative Agenda: Oft studierten sie in Saudi­arabien und sogen dort den wahhabitischen Staatsislam auf, der mit einer wortgetreuen Auslegung des Koran zum Islam der Prophetenzeit zurückkehren will. Wer die Spuren dieser Imame auf dem Internet verfolgt, merkt bald, dass sie zu einem mit salafistischen Imamen auf dem Balkan verbandelten Netzwerk gehören.

Parallele Rechtsprechung?

Eigentlich ein überraschender Befund, geht man doch davon aus, dass Albaner aus Ländern kommen – Kosovo, Mazedonien –, die säkularisiert sind und, wenn überhaupt, einen gemässigten Islam leben. Dies gerade im Unterschied zu Muslimen aus dem Maghreb. Wenig bekannt ist, dass sich nach dem Krieg auf dem Balkan unter dem Deckmantel sozialer Hilfe zahlreiche von Saudiarabien gesteuerte salafistische Gruppen eingenistet haben. Sie bringen Geld in die armen Länder Südosteuropas, bauen repräsentative Moscheen und werben Männer zum Studium in Riad und vor allem an der Islamischen Universität Medina an.

Ihre Protagonisten treten seit Jahren an Seminarien in Schweizer Moscheen der albanischen Union auf – nicht punktuell, sondern häufig und regelmässig. Viele Referenten findet man auf einschlägigen Listen mit Namen radikaler Prediger. Darunter solche, die 2014 in Kosovo verhaftet wurden, weil sie die Verfassung gefährdet und zu religiösem Hass aufgerufen haben sollen. Gewiss rufen nicht alle diese Imame zur jihadistischen Reise nach Syrien und in den Irak auf. Die Mehrheit aber ist einem politischen Islam verpflichtet, der seine Lebensart auch in der Einwanderungsgesellschaft erstreiten will oder gar religiös-familiäre Rechtsfragen über eine Fatwa-Kommission regeln lässt.

Ob sich damit bereits eine parallele Rechtsprechung etabliert hat, entzieht sich der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Denn in den Moscheen sind die Albaner unter sich, vom Blick der Mehrheitsgesellschaft geschützt. Dass in diesen Moscheen ausschliesslich Albanisch gesprochen und Arabisch gesungen wird, ­beweisen unzählige auf Youtube und Facebook gestellte Videos von Bildungsveranstaltungen dieses durch und durch patriarchalen Islam. Das Internet potenziert die missionarische Wirkung der Prediger. So tragen diese Moscheen nicht zur Integration bei, sondern eher zur Bildung von religiösen Parallelgemeinden. Die Intransparenz auch der Finanzflüsse nährt das Misstrauen ihnen gegenüber.

Das Misstrauen färbt zu Unrecht auf jene albanische Moscheen und Imame ab, die sich wie?Mustafa Memeti vom offiziellen albanisch-­religiösen Dachverband um einen gemässigten und weltoffenen Islam bemühen. Unter Verdacht gerät auch die muslimische Bevölkerung, die mehrheitlich nur sporadisch in die Moschee geht.

Konser­vativ bis reaktionär

Das Netzwerk der Union mit offiziell 50 schweizerischen Moscheen bedeutet darum für Politik und Medien die Aufforderung, sich vor allem mit den Imamen und muslimischen Funktionären auseinanderzusetzen. Auch mit jenen der explizit saudischen Moscheen in Genf und Basel und jenen der zahlreichen türkischen Moscheen, die vom Religionsministerium Diyanet gesteuert werden.

Der Blick auf diese Moscheen macht deutlich, dass die Mehrheit der hiesigen Imame konser­vativ bis reaktionär ist. Gerade auch dann, wenn sie vorgeben, gemässigt zu sein. Vielleicht sind sie ja beides, reaktionär und angepasst, und leben mit einer doppelten ethischen Agenda. In Saudiarabien im Scharia-Islam geschult, bleiben sie diesem verhaftet, wissen aber, dass dieser mit dem Rechtsstaat europäischer Prägung nicht kompatibel ist.

Statt sich aber für eine Imamausbildung an Schweizer Universitäten einzusetzen, nimmt die albanischen Union die Weiterbildung ihrer Imame und Gläubigen durch Seminare mit radikalen Predigern lieber selber an die Hand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2016, 18:47 Uhr

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