ETH-Aufseher spricht Machtwort zu Nestlé-Vertrag

Dem ETH-Ratspräsidenten geht Nestlés Vetorecht für Lausanner Lehrstühle zu weit.

Das Rolex Learning Center, eine andere Frucht privaten Sponsorings an der ETH Lausanne. Foto: Martin Rüetschi (Keystone)

Das Rolex Learning Center, eine andere Frucht privaten Sponsorings an der ETH Lausanne. Foto: Martin Rüetschi (Keystone)

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Der 100-Millionen-Vertrag zwischen der UBS und der Universität Zürich sorgte im vergangenen Jahr für Aufsehen. Eine Gruppe von Universitätsprofessoren lancierte mit dem «Zürcher Appell» einen öffentlichen Protest gegen geheime Sponsoringverträge zwischen Konzernen und Universitäten. Solche Abkommen gefährdeten die unabhängige Lehre und Forschung. Die Universitäten beteuerten, die Forschungsfreiheit bleibe unangetastet. Vor rund einer Woche veröffentlichte die «Wochenzeitung» (WOZ) den Kooperationsvertrag zwischen der ETH Lausanne (EPFL) und Nestec, einer Tochterfirma des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Die WOZ, die sich den Vertrag via Öffentlichkeitsgesetz erstritt, konnte aufzeigen, dass sich die EPFL von Nestec weit mehr dreinreden lässt, als sie bislang zugab.

Nestlé muss Professor absegnen

Die Nestlé-Tochter Nestec erhält nicht nur Einsitz in die Berufungskommissionen für die beiden «Nestlé-Lehrstühle», sondern auch ein bisher in der Schweiz einmaliges Vetorecht: Ernennt die Berufungskommission einen Kandidaten für diese Lehrstühle, muss dieser schriftlich von Nestec abgesegnet werden. Die Lehrstühle sind dem «Brain Mind Institute» der EPFL angeschlossen und beschäftigen sich unter anderem mit den Auswirkungen von Nahrung auf die Entwicklung des Gehirns oder das Nervensystem. Nestec zahlte gemäss Vertrag pro Lehrstuhl fünf Millionen Franken auf fünf Jahre verteilt. Weiter soll der Nahrungsmittelkonzern pro Jahr zwei bis vier Millionen Franken für konkrete Forschungsprojekte ausgeben. Gemäss Angaben der EPFL sind bisher effektiv 9,7 Millionen Franken geflossen.

EPFL-Präsident Patrick Aebischer verteidigt den Vertrag. Auch das Vetorecht sei logisch, sagte er vergangene Woche gegenüber Schweizer Radio SRF: «Wenn Ihnen jemand Mittel gibt, um einen Lehrstuhl zu entwickeln, werden Sie den Lehrstuhl nicht gegen den Willen des Sponsors besetzen.» Gestern war Aebischer für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Nun wird er von oberster Stelle zurückgepfiffen: Fritz Schiesser, Präsident des ETH-Rates, des Aufsichtsorgans der beiden ETH, sagte gestern auf Anfrage des TA: «Sponsoren dürfen bei der Besetzung von Lehrstühlen kein Vetorecht haben.» Ein Mitspracherecht sei hingegen gängige Praxis bei beiden ETH und gehe in Ordnung. Der private Sponsor sei Mitglied in der meistens rund 15-köpfigen Berufungskommission. Der ETH-Rat diskutiert den Fall EPFL/Nestlé nächste Woche.

Der Vertrag, der im Jahr 2006 abgeschlossen und später verlängert wurde, läuft nach Angaben der EPFL im November 2014 aus. Wie der TA aus gut unterrichteter Quelle weiss, sind noch keine Verhandlungen für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit im Gang. «Ob und in welcher Form die Zusammenarbeit verlängert wird, muss die EPFL unter Patrick Aebischer entscheiden», sagt Fritz Schiesser.

Auch der Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, Antonio Loprieno, sagt: Ein Vetorecht für private Sponsoren gehöre nicht zur «akademischen Kultur». Die Schweizer Hochschulen befänden sich bezüglich des Umgangs mit privaten Sponsoren und Mäzenen zurzeit in einem Lernprozess. Angesichts der steigenden Forschungskosten brauche es nämlich private Sponsoren. Neue Vorgaben seien aber nicht nötig und schreckten Sponsoren ab.

Die Entwicklung beschäftigt auch das Parlament. SP und Grüne befürchten, dass finanzstarke Konzerne die Forschung der staatlich subventionierten Universitäten beeinflussen können, und möchten Transparenzregeln für alle Hochschulen einführen. Der publik gewordene Vertrag zwischen Nestlé und der EPFL ist für sie ein Steilpass. Im Juni wollen Parteivertreter entsprechende Vorstösse einreichen.

Bürgerliche gegen Regulierung

Gestern führte die Wissenschaftskommission des Nationalrats eine Anhörung zum Thema durch. In der anschliessenden Diskussion zeigte sich: Im Parlament sind die Regulierungsbemühungen der Linken chancenlos. Ein Vorschlag, via Kommissionsmotion mehr Transparenz zu fordern, scheiterte deutlich. Aus Sicht von SVP-Nationalrat Peter Keller gehört die aktuelle Debatte in die Kategorie «politische Hysterie». CVP-Präsident Christophe Darbellay kritisierte in den sozialen Medien bereits die Berichterstattung der WOZ als «stupide». Die Schweiz könne sich glücklich schätzen, wenn zwei Aushängeschilder wie die EPFL und Nestlé kooperierten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.05.2014, 23:22 Uhr)

Patrick Aebischer.

Fritz Schiesser.

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