Schweiz
EU-Zahnärzte beissen sich in der Schweiz die Zähne aus
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 30.12.2009 20 Kommentare
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Seit Mitte 2004 können Zahnärzte mit EU-Diplom in der Schweiz frei praktizieren. Gegen 1600 Zahnärzte haben in den fünf Jahren seit Einführung der Personenfreizügigkeit ihr EU-Diplom beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) anerkennen lassen. Gut die Hälfte sind Deutsche. Doch längst nicht alle haben nach der Registrierung des Diploms auch eine Praxis eröffnet. Dies zeigt die Statistik der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO). Vor der Personenfreizügigkeit lag die Zahl der Praxiseröffnungen jeweils bei 70 bis 80 pro Jahr. Seit 2004 eröffnen durchschnittlich 140 Zahnärzte eine neue Praxis – rund 80 Praxen gehen pro Jahr jeweils zu. Die Zunahme um etwa 60 neu eröffnete Praxen pro Jahr geht zum grossen Teil aufs Konto der zugewanderten EU-Zahnärzte. Somit haben seit Einführung der Personenfreizügigkeit bloss einige Hundert EU-Zahnärzte effektiv eine Praxis eröffnet, deutlich weniger, als dies aufgrund der Anerkennung ihres Diploms hätten tun können.
«Der Markt ist gesättigt»
Dies erstaunt, denn die Schweiz gilt für ausländische Zahnärzte als attraktiv. So sind die Preise für die Zahnbehandlungen rund ein Drittel höher als in Deutschland, und entsprechend lässt sich mehr Geld verdienen. «Viele der Zuwanderer mussten merken, dass die Schweiz kein Schlaraffenland ist», sagt Peter Wiehl, Kantonszahnarzt von Basel-Stadt. Einerseits würden Patienten ihren langjährigen Zahnarzt nicht einfach wechseln, solange sie zufrieden seien. Zudem seien in der Schweiz nicht nur die Einkommen der Zahnärzte höher, sondern auch die Mieten, Materialkosten und Löhne des Praxispersonals. «Der Markt ist gesättigt», begründet SSO-Sekretär Alex Weber das steinige Pflaster für Neulinge.
Zahnärzte als Wanderarbeiter
Der Zürcher Kantonszahnarzt Werner Fischer schätzt für seinen Kanton, dass es ein Drittel zu viele Zahnärzte gibt. Jährlich würden dennoch 50 bis 60 neue Praxisbewilligungen erteilt, davon etwa zur Hälfte an deutsche Zahnärzte mit EU-Diplom. Aber manche der Neuzuzüger verschwänden rasch wieder vom Markt, weil sie nicht genügend Patienten für ihre Praxis gewinnen könnten. Andere praktizierten an mehreren Standorten, um flexibel auf Kundenströme reagieren zu können. Solche Praxisfilialen teilen sich jeweils mehrere Zahnärzte zusammen; meist hat der Praxisbesitzer freie Kapazitäten, die er stunden- oder tageweise vermietet. Die wandernden Zahnärzte versuchen so herausfinden, wo die Marktchancen am besten sind.
Vom übersättigten Markt in der Schweiz profitieren die Patienten nur am Rande. Die Preise sind trotz ausländischer Konkurrenz weitgehend stabil geblieben. «Die deutschen Zahnärzte kommen nicht hierher, um weniger zu verdienen als ihre Schweizer Kollegen», sagt Wiehl. Im Basler Stadtkanton besitzen 50 der 170 Zahnärzte ein EU-Diplom. Die meisten kommen aus Deutschland. Basel–Stadt ist insofern ein Spezialfall, als einige deutsche Zahnärzte sowohl im grenznahen Gebiet in Deutschland wie in der Schweiz praktizieren.
Konkurrenz auch aus Bern
Auch in Bern sorgen deutsche Zahnärzte seit einigen Jahren für Konkurrenz. Der Kanton Bern hat mit 610 Praxen am zweitmeisten Zahnärzte hinter Zürich mit seinen rund 800 zahnärztlichen Praxisstandorten. Von den 2009 erteilten 36 Berufsausübungsbewilligungen gingen im Kanton Bern dieses Jahr 20 an EU-Zahnärzte, vor allem an Deutsche. Diese Zunahme um rund 5 Prozent ist seit Jahren konstant.
Statt in eigene Praxen ging ein beträchtlicher Teil der Zuwanderer in Zahnarztzentren, die erst in den letzten Jahren entstanden sind. In diesen Zentren arbeiten die Zahnärzte zwar auf eigene Rechnung, sind aber eingemietet. Auch hier werden die Kunden aber meist nicht mit tieferen Preisen, sondern mit langen Öffnungszeiten angeworben. Diese neue Konkurrenz wirkt sich auf die etablierten Zahnärzte aus. «Das Kundenbewusstsein ist gestiegen», sagt SSO-Sekretär Weber. Auch andere Zahnärzte müssten ihren Kunden flexiblere Behandlungszeiten anbieten. Zudem gebe es keine langen Wartezeiten mehr, eine Folge des gesättigten Marktes.
Die Kehrseite ist, dass einige Zahnärzte ihren Umsatz zu halten versuchen, indem sie die Patienten «überarzten», wie Fischer sagt. Bei den Preisen sieht er keine grosse Möglichkeit nachzugeben. «Wer die Qualität halten will, für den ist der Spielraum nicht gross.» Vom Jahresumsatz von einer halben Million Franken für eine ausgelastete Einzelpraxis gingen rund 75 Prozent weg für Miete, Amortisation, Materialeinkauf und Personalkosten. Dem Zahnarzt bleiben laut Fischer im Schnitt 150'000 Franken brutto. Einen weiteren Grund, warum es ausländische Zahnärzte schwer haben, ortet Fischer im hohen Qualitätsanspruch der Schweizer Patienten: «Schweizer Zahnärzte und Zahntechniker haben eine Uhrmachermentalität.» Wer sich nicht anpasse, könne qualitätsgewohnte Kunden kaum halten. Dies müssten auch zuziehende Zahnärzte merken, die sich bisher an eine Kassenzahnmedizin gewohnt gewesen seien. «Der zahnärztliche Standard in der Schweiz ist hoch.»
Blick in Unterwasserwelt
Die neue Konkurrenz auf dem Zahnarztmarkt treibt auch Blüten. So treten einige ziemlich schrill am Markt auf und lassen im Internet etwa Kunden auf Videoclips von sensationellen Erfolgen bei der ästhetischen Gebisskorrektur erzählen. Oder das Zahnarztzentrum Swiss Smile – mit Standorten im Zürcher Hauptbahnhof, an der Bahnhofstrasse und in St. Moritz – wirbt unter anderem damit, dass sich die Patienten beim Anblick einer virtuellen Unterwasserwelt entspannen können.
Es gibt auch Zahnärzte, die Patienten dem Umsatz zuliebe «überarzten». Foto: Keystone
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2009, 06:54 Uhr
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20 Kommentare
Der Preis ist das eine, die Langlebigkeit das andere. In D "muss" eine Füllung nur 2 Jahre "halten" in der CH "halten" diese nicht selten 15 Jahre od länger. Je schneller eine undichte, "haltende" Füllung ersetzt werden muss, desto schneller geht auch der eigene Zahn verloren und ist nur noch durch Fremdmaterail zu ersetzen. In der Region München (1,8 Mio) gibt's ca.3000 Zähnärzte, in der CH 3500. Antworten
Wir Schweizer profitiern von ausgebildeten Zahnärzten die zu uns kommen. Die Deutschen profitiern von den guten Arbeitsbedingungen hier. Das ist eine typische Win- Win Situation. Auch wenn die Preise nicht fallen so steigen sie wenigstens auch nicht so stark. Dies wäre nämlich der Fall wenn keine Deutschen kämen und unsere altershalber ausscheidenden Zahnärzte ersetzen würden. Antworten
Dass die CH kein Schlaraffenland ist, war zum vorneherein klar, was ich den Zuwanderen gleich hätte sagen können.In der CH hat es höhere Löhne, weil die Kosten höher als in Deutschland sind;dies ist ganz logisch!Somit hat es sicher nicht denselben Effekt,wie wenn jemand morgens über die Grenze kommt u.drüben wohnt! Antworten
Der Mythos der beosnderen Schweizer Zahnarztqualität scheint wohl unausrottbar. Aber Es bestehen ja auch Interessen, diesen Irrglaube aufrecht zu erhalten. Erstaunlich nur: Die "schlechten" deutschen Zahnärzte machen inzwischen einen Gutteil des Lehrkörpers der Schweizer Universitäten aus. Und die Aufteilung 25/25/50 stimmt wohl: aber für alle Zahnärzte! Antworten
Ich hatte das "Privileg", vor vielen Jahren an einen einheimischen Zahnarzt zu geraten, welcher meine Zähne in einen - sagen wir es freundlich - unorthodoxen Zustand brachte. Ein junger deutscher Zahnmediziner, der mir sogar seine Dissertation zur Lektüre überliess, hat dann meine Zähne so behandelt, dass ich wieder ohne weiteres lachen kann. Merke: Mist wie auch Qualität gibts überall! Antworten
Für einen Laien ist es schlichtweg unmöglich, die Qualität der zahnärztlichen Arbeit zu beurteilen. Zugegebenermassen subjektiv würde ich die von mir beobachteten ausländischen Arbeiten so einschätzen: 1/4 gut/schön, 1/4 akzeptabel, 1/2 schlecht/nicht nachvollziehbar/katastrophal. Antworten
Diese Zahlenangaben stimmen wohl. Aber die Schweizer gehen trotzdem nach Deutschland oder Ungarn zum Zahnarzt. Haben diese die Rechnung aber richtig gemacht? Fraglich. Ich stelle immer wieder fest, dass umgerechnet Deutschland nicht billiger ist. Ueber die Qualität möchte ich mich nicht äussern. Frage: wenn dies so ist, was machen dan diese Zahnärzte in der Schweiz? Abwarten zum Stempeln gehen. Antworten
Die Marktöffnung funktioniert hier nur teilweise, und dies mit guten Gründen. Jene Patienten, die es vorziehen, für ihre Zahnbehandlung ins Ausland zu gehen, haben bei Reklamationen einen schweren Stand. Sind dann die Schweizer Zahnärzte gut genug, den Schaden zu beheben? Fänden diese Patienten es ebenso interessant, ihr Salär - zu europäischen Ansätzen - in Euro zu erhalten? Antworten
Ich nutze das Angebot eines deutschen Zahnarztes in Deutschland. Solange die Preise hier so hoch sind, sehe ich auch keine Veranlassung weder zu einem Schweizer noch einem Deutschen hier zu gehen. Ich verstehe die kostenintensiven Aufwendungen für Zahnärzte in der Schweiz, aber solange mir die Rechnungen den Schweiss auf die Stirn treiben, gehe ich lieber für 2/3 des Preises über die Grenze. Antworten
Seit 40 Jahren habe ich das Privileg, bisher 2 Schweizer Zahnärzten meine Zähne anvertraut zu haben. Das ist eine Frage des Vertrauens. Die Pflege der Zähne ist ist doch sehr wichtig und ist ist eine langfristige Investition in die eigene Gesundheit und ins eigene Wohlbefinden, die sich lohnt. Es kann doch nicht sein, dass man die Zahnpflege/-medizin mit den Discountern vergleicht. Antworten
Für die Kunden zählen nur die Arbeit und der Preis. Was mir sehr wichtig ist, sind die Beratung, das Vertrauen und die Kompetenz. Hier sehe ich keinen Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern. Lassen sie die Uhrmacherqualität dort wo sie hin gehört; im Reich der Märchen. Selber gehe ich zu einer Bulgarischen Zahnärztin un bin sehr zu frieden. Antworten
Kürzlich war im Kassensturz ein deutscher Zahnarzt zu sehen, dessen Kostenvoranschlag deutlich höher lag als bei der Schweizer Konkurrenz. Ausrede: Er ist halt noch nicht so vertraut mit den hiesigen Kosten. Wer's glaubt. Die Antwort darauf wurde gestern publiziert: "Wir sagen dazu nein, nein, nein!" Antworten
@mirjam thoma: warum so pessimistisch frau thoma? gehen Sie mal vor die tür und betrachten Sie das konsumverhalten in der CH, es ist so verrückt wie eh, seit man einkaufen kann an jeder ecke. die wirtschaftskrise ist weitgehend medial aufgerüstet, dem einzelnen geht es so schlecht nicht. ausnahmen und einzelfälle mögen mir diese verallgemeinerung verzeihen. Antworten
Schlussendlich wird man auch die billigeren Zahnärzte aufsuchen.Muss billiger denn schlechter sein?Aldi und Lidl haben auch keine schlechte Qualität! Man möchte doch immer die freie Marktwirtschaft,man hat sie nun und sollte sie nützen.Oder stösst man sich wieder an den Deutschen?Ich lasse meine Zähne in Ungarn richten,von einem Schweizer Zahnarzt, billiger als in Austria in gleicher Qualität. Antworten
Man sagt, Schweizer Zahnärzte seien noch immer führend bezüglich Know-how. Das mag sein, aber menschlich liegt einiges im Argen. Seit ich in Canada lebe, kann ich jedenfalls bloss noch lachen über die Arroganz und menschliche Kälte der meisten Schweizer Zahnärzte. Etwas ausländische Konkurrenz ist vielleicht ganz gut - vor allem, wenn der Patient davon profitiert! Antworten
Ich möchte hier mal eine Lanze für die Deutschen Zahnärzte brechen: nachdem ich über 20 Jahre überteuert und überarztet wurde von einem einheimischen Zahnarzt mit Uhrenmachqualitäten, behandelt mich meine junge Deutsche Zahnärztin kostenbewusst und termingerecht. Die Offerte und Umsetzung für den Ersatz von 4 alten Amalganfüllungen war 50 % günstiger als diejenige meines ursprünglichen Zahnarztes Antworten
Wenn das so rasant voranschreitet, dann werden die Deutschen Zahnärzte bald Brotlos sein, denn wenn wir alle immer weniger zu beissen haben, auf das wird es schlussendlich rauskommen, schonen wir unsere Zähne und gehen sehr wenig, wenn überhaupt noch zum Zahnarzt! Der Kreislauf dreht sich und der Zusammenbruch der Schweizerwirtschaft rückt in greifbare Nähe! "Sälber Schuld Eidgenossen!" Antworten





Robert Mosimann
Endlich müssen zunehmend auch viele der CH-Zahnärzte vom hohen Ross runtersteigen uns sich in mancher Hinsicht flexibler verhalten. Das ist gut so. Zulange zahlten wir zu hohe Behandlungskosten. Antworten