Eduard von Steiger bleibt Ehrenbürger von Langnau

Eduard von Steigers Ehrenbürgerschaft wird nicht aberkannt. Dies beschloss der Langnauer Gemeinderat. Hintergrund ist die Kontroverse um von Steigers Rolle in der Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs.

Eduard von Steiger (1881–1962) war ein Spitzenpolitiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, Vorgängerpartei der SVP) und amtierte von 1940 bis 1951 als Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements.

Eduard von Steiger (1881–1962) war ein Spitzenpolitiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, Vorgängerpartei der SVP) und amtierte von 1940 bis 1951 als Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements. Bild: Keystone

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Von Steiger habe als seinerzeitiger Justizminister angeordnet, jüdische Flüchtlinge an der Landesgrenze zurückzuweisen, kritisierten die Jungsozialistinnen und Jungsozialisten (JUSO) kürzlich.

Die Gemeinde Langnau im Emmental solle deshalb von Steigers Ehrenbürgerrecht widerrufen, lautete die Forderung der JUSO. Der Langnauer Gemeindepräsident Bernhard Antener (SP) brachte das Thema daraufhin im Gemeinderat zur Sprache. Rückgängig machen will der Gemeinderat die Ehrung aber nicht, wie er am Montagnachmittag mitteilte.

Verantwortung nicht abnehmen

Dem gebürtigen Langnauer von Steiger und dessen Ehefrau wurde im Juni 1944 von der Gemeindeversammlung einstimmig das Ehrenbürgerrecht verliehen. Dass an der damaligen Gemeindeversammlung die anwesenden Langnauer Kenntnis von den dramatischen Vorgängen an der Grenze und der Rolle des damaligen Bundesrats gehabt haben, dürfe doch bezweifelt werden, kommt der Gemeinderat zum Schluss.

Dennoch hätten die damaligen Entscheidträger für ihr Handeln Verantwortung übernommen. Diese könne und wolle der heutige Gemeinderat ihnen nicht abnehmen.

Lehren ziehen

Die leidvolle Geschichte des zweiten Weltkriegs und die zweifelhafte Flüchtlingspolitik der damaligen Landesregierung könne der Langnauer Gemeinderat nicht rückgängig machen - auch nicht mit einem symbolischen Widerruf des Ehrenbürgerrechts 50 Jahre nach dem Tod des Ehepaars von Steiger.

Der Gemeinderat versuche aber, sich dafür einzusetzen, dass aus Fehlern und Irrtümern der Vergangenheit Lehren gezogen würden und dass solches Leid den Menschen nicht mehr widerfahre.

JUSO bedauert

Die JUSO bedauert laut Mitteilung vom Montag den Entscheid des Langnauer Gemeinderates. Die Jungpartei bedankt sich gleichzeitig aber auch bei der Gemeindeexekutive für ihre klare Stellungnahme.

«Wir sind froh, dass der Gemeinderat es nicht bei diesem Entscheid beruhen lassen will, sondern weitere Schritte ankündigt, damit nachkommende Generationen aus den Fehlern und Irrtümern der Vergangenheit Lehren ziehen können», heisst es in der Mitteilung weiter.

Wenn der Gemeinderat seinen Worten Taten folgen lasse und dieses traurige Kapitel der Schweizer Geschichte weiter thematisiere, sei die JUSO zufrieden.

Das Boot ist voll

Von Steiger wurde 1881 in Langnau geboren und verbrachte seine Jugendjahre in dem Emmentaler Dorf. Im Dezember 1940 wurde er in den Bundesrat gewählt. Von Steiger gehörte der damaligen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) an. 1951 trat er als Bundesrat ab.

Als Justizminister prägte von Steiger die Flüchtlingspolitik der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Aus seinem Departement stammt der Erlass zur Grenzsperre für jüdische Flüchtlinge. Auf ihn geht auch das vielzitierte Bild der Schweiz als zu kleines Rettungsboot zurück. (gbl/sda)

(Erstellt: 19.02.2013, 06:10 Uhr)

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