Ehemaliger TA-Redaktor wegen übler Nachrede verurteilt

Der heutige «Watson»-Journalist hätte die Astrophysikerin Barbara Burtscher nicht als «Hochstaplerin» bezeichnen dürfen. Der Begriff sei ehrverletzend, bestätigte jetzt das Bundesgericht.

Gemäss dem Bundesgericht gelang es dem Journalisten nicht, für seine Behauptung den sogenannten Gutglaubensbeweis zu erbringen.

Gemäss dem Bundesgericht gelang es dem Journalisten nicht, für seine Behauptung den sogenannten Gutglaubensbeweis zu erbringen. Bild: Keystone

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Im August 2010 hatte der damalige TA-Redaktor Maurice Thiriet unter dem Titel «Die eingebildete Astronautin» über die Toggenburgerin Barbara Burtscher berichtet. In diversen Medienberichten war der Eindruck erweckt worden, Burtscher sei «unsere Frau bei der Nasa» («Blick»), und sie habe ein «Nasa-Astronauten-Camp besucht» («Schweizer Illustrierte»). In der Folge wurde die Frau als Prominente bei den gedruckten und elektronischen Medien und Unterhaltungsformaten herumgereicht.

Thiriet recherchierte und fand heraus, dass zahlreiche Angaben von Burtscher nicht korrekt waren, und die Astrophysikerin gegen den in den Medien erweckten Eindruck nichts unternahm. «Es wurde so viel geschrieben. Ich konnte nicht mehr alles kontrollieren», wurde die Frau im Artikel zitiert. Thiriet konstatierte: «Alle liessen sich von Burtscher an der Nase herumführen.» Er sprach von einer «kurzen Karriere als Hochstaplerin».

Lügnerin und Betrügerin

Burtscher klagte wegen übler Nachrede. Der Begriff «Hochstaplerin» sei ehrverletzend, weil er ihren Ruf, ein ehrbarer Mensch zu sein, tangiere. Das Bezirks-, das Ober- und das Bundesgericht gaben der Frau recht. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Urteil des Bundesgerichts hat Thiriets Text beim «unbefangenen Durchschnittsleser» den Eindruck erweckt, Burtscher habe «gegenüber der Öffentlichkeit wiederholt und eigentlich systematisch Unwahrheiten über sich beziehungsweise über ihre berufliche Qualifikation respektive ihre berufliche Tätigkeit verbreitet und also insoweit gelogen».

Der Begriff «Hochstaplerin» sei in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass die Frau eine Lügnerin und Betrügerin sei. Ein solcher Vorwurf sei nicht nur geeignet, Burtscher als Geschäfts- oder Berufsfrau in der gesellschaftlichen Geltung herabzusetzen, sondern treffe auch die Geltung der Astrophysikerin als ehrbaren Menschen. Natürlich könne «Hochstaplerin» auch in der Bedeutung von Angeberin, Prahlerin oder Wichtigtuerin verwendet und verstanden werden, was wohl nicht ehrverletzend wäre. Im konkreten Textzusammenhang scheide diese Interpretation aber aus.

Gericht kritisiert auch Burtscher

Gemäss dem Bundesgericht gelang es Thiriet nicht, für seine Behauptung den sogenannten Gutglaubensbeweis zu erbringen. Eine Bestrafung wegen übler Nachrede kommt nämlich nicht infrage, wenn der Journalist darlegen kann, dass er «ernsthafte Gründe hatte, seine Äusserung in guten Treuen für wahr zu halten». An die Sorgfalt sind laut Gericht aber «hohe Anforderungen zu stellen».

Unbestritten ist, dass Burtscher den Kontakt mit den Medien intensiv suchte und genoss. Laut Bundesgericht kann ihr «allenfalls vorgeworfen werden, sie habe nicht früh, nicht oft und nicht deutlich genug klargestellt, dass sie keine angehende Nasa-Astronautin ist». Sich selber als «Nasa-Mitarbeiterin» zu bezeichnen, sei «zwar unzutreffend», aber auch «nicht gänzlich falsch» gewesen.

Hart an der Grenze zur Hochstapelei

In der ersten Phase der medialen Berichterstattung habe man noch in guten Treuen annehmen dürfen, dass Burtschers Verhalten «zumindest hart an Hochstapelei grenze». In der zweiten Phase aber habe die Frau mehrfach klargestellt, dass sie keine angehende Nasa-Astronautin sei und die Astronautentrainings auf privater Basis absolviere.

Diese Stellungnahmen Burtschers – beispielsweise in der TV-Sendung «Aeschbacher» oder in der Radiosendung «Züri-Plus» – seien Thiriet «bekannt oder zugänglich gewesen». Zwar seien auch in der zweiten Phase Artikel erschienen, die Burtscher als angehende Nasa-Astronautin präsentiert hätten. Als Journalist, so das Bundesgericht, hätte Thiriet «bei der gebotenen Sorgfalt abklären müssen, wie diese Artikel zustande gekommen waren».

Das Bundesgericht bestätigte die Verurteilung wegen übler Nachrede und die Bestrafung mit einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen. (Urteil 6B_8/2014) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2014, 11:07 Uhr

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