«Ein Anstieg der Billettpreise um 15 Prozent ist machbar»
Der 47-jährige Ulrich Weidmann ist Professor für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich
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Bei den SBB tut sich ein Finanzloch von jährlich 850 Millionen Franken für den Unterhalt auf (TA vom Samstag). Hätte man das nicht früher bemerken sollen?
Intern haben die Fachleute bei den SBB immer wieder darüber diskutiert, wie viel Geld man für den Unterhalt braucht und wie viel man in den Ausbau stecken kann. Es wäre sehr unprofessionell, wenn sich diese Lücke für die SBB jetzt völlig überraschend aufgetan hätte. Man muss aber berücksichtigen, dass es schwierig ist, die Kosten für den Unterhalt genau zu berechnen. Erst jetzt liegt eine verlässliche Studie vor.
Man hätte die letzte Woche präsentierte Studie doch früher in Auftrag geben können. Schliesslich sind die Folgekosten des Bahnausbaus zentral.
Das ist richtig. Es ist wichtig, die Kosten zu kennen, die sich mit dem Ausbau des Bahnnetzes ergeben. Aber es scheint, als habe sich in der entscheidenden Zeitspanne niemand im Detail dafür interessiert. Weder das Bundesamt für Verkehr noch die SBB noch die Politik.
Wer trägt die Verantwortung?
Es kann sich wohl keiner der drei genannten Akteure aus der Verantwortung nehmen. Zur Verdeutlichung der Tragweite: Für den Bau von Bahn 2000 wurde pro Jahr weniger Geld ausgegeben als jetzt für den jährlichen Unterhalt der Infrastruktur fehlt. Mit der Inbetriebnahme der Gotthard-Neat werden im Übrigen die Kosten für Betrieb und Unterhalt nochmals um einen dreistelligen Millionenbetrag steigen. Deren Finanzierung ist noch nirgends ausgewiesen.
Ist es möglich, dass die Kosten in der Studie zu hoch angesetzt sind?
Das Bundesamt für Verkehr lässt nun zwar eine Zweitmeinung einholen. Ich glaube aber nicht, dass sich die Kosten stark reduzieren werden. Ich hatte Einblick in die Methodik der Studie. Sie ist sehr sorgfältig ausgearbeitet worden.
Wie soll die SBB zum nötigen Geld kommen?
Mehr staatliche Mittel alleine können nicht die Lösung sein – die Bahnkunden müssen ebenfalls mehr bezahlen. Per Ende Jahr ist eine Preiserhöhung um durchschnittlich 6,5 Prozent vorgesehen. Verteilt auf einige Jahre ist aber ein Anstieg um 15 Prozent sicher machbar. Teurer werden sollten nicht die Einzelbillette, sondern die Abonnemente. Das Generalabonnement muss massiv aufschlagen. Und beim Halbtax stellt sich die Frage, ob es wirklich zu 50 Prozent Rabatt berechtigen soll. Mit einer Erhöhung der Einnahmen um 15 Prozent liesse sich der künftige Mehrbedarf für den Unterhalt wohl decken.
Dazu kommt der weitere Ausbau der Bahn, der noch nicht finanziert ist.
Man wird sicher Abstriche machen müssen. Projekte wie etwa der Zimmerbergtunnel II oder der Südanschluss Lugano–Milano bringen zwar lokalen Nutzen, aber keinen Quantensprung für die Bahn. Wir müssen uns künftig darauf konzentrieren, die Projekte mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis zu verwirklichen und wieder in grösseren Dimensionen zu denken.
Welche Projekte sind unverzichtbar?
Ich plädiere für eine bessere Verbindung der wirtschaftlichen Zentren von West nach Ost: Genf, Lausanne, Bern, Zürich, St. Gallen. Dringend nötig ist auch der Wisenbergtunnel – also der zweite Durchstich durch den Jura – sowie die Zufahrtsstrecken im Norden und Süden des neuen Gotthardbasistunnels. Werden diese politisch nicht sehr populären Strecken nicht ausgebaut, kann die Neat ihre Wirkung nicht wirklich entfalten.
Sollten diese Engpässe rechtzeitig verschwinden, müsste man doch jetzt mit dem Bau beginnen?
Ich gehe nicht davon aus, dass die Verlagerungswirkung des Gotthardbasistunnels ab der Eröffnung 2020 sofort voll wirkt. Man hat also noch ein wenig mehr Zeit für den Wisenberg- und den Axentunnel – etwa bis 2025 oder 2030. Aber es stimmt schon: Werden diese Strecken nicht ausgebaut, so kann die Neat nicht voll genutzt werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2010, 09:42 Uhr
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