Schweiz
Ein Blick in den geheimen Mormonen-Tempel
Von Peter Steiger. Aktualisiert am 10.09.2009 24 Kommentare
Das geheime Innerste. Das Bild zeigt nicht den Zollikofer Tempel. Gemäss den Mormonen bemerken nur Insider den Unterschied. (Bild: Intellectual Reserve, Inc)
Die Ein-Bisschen-Sekte
«Die Mormonen sind die harmloseste Sekte unter den Sekten. Und sie sind die sektenhafteste Kirche unter den Nichtsekten.» Georg Schmied sagt dies. Er leitet Relinfo, eine von der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich getragene Infostelle. Die Mormonen hätten Sektenmerkmale, so Schmied, etwa ihre Ausschliesslichkeit: «Nur unser Weg führt in den Himmel.» Andererseits würden sie die Leute auch wieder ziehen lassen. Die Mormonen betonen den Wert der Familie und haben viele Kinder. Trotzdem vergrössere sich die Schweizer Gemeinde nicht. «Dies bedeutet, dass viele wieder austreten.» pst
Was man sieht, erinnert an ein teures Fünfsternehotel: Sofas, Polstersessel, Kristalllampen, edles Material. Zu sehen bekommen die Besucher allerdings nur den Vorraum. Ein Mann und eine Frau sorgen dafür, dass kein Unwürdiger das heilige Innere betritt. Die zwei Türwächter sind von Kopf bis Fuss weiss gekleidet.
Die Mormonen luden am Montagabend ein, in Zollikofen ihr Kirchgemeindehaus und einen Teil ihres Tempels zu besichtigen. Die Grüne Freie Liste hatte diesen Anlass organisiert. 80 Gäste folgten der Einladung der Mormonen. Die Gläubigen selbst nennen ihre Gemeinschaft «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». Mormonen heissen sie in der Umgangssprache weil ihre Kirche auf dem «Buch Mormon» beruht.
Taufen und Heiraten
43 Meter hoch ragt der nachts beleuchtete Turm des Tempels. Oben bläst ein vier Meter grosser Engel Posaune. Das in den Fünfzigern entstandene und in den Neunzigern sanierte Gebäude ist der einzige Mormonentempel der Schweiz. Er dient 8000 Gläubigen, organisiert in 40 Gemeinden. Der weisse Bau birgt Geheimnisse. Nur wer Mitglied ist und sich an die Glaubensregeln hält, darf hinein. «An diesem heiligen Ort vollziehen wir die bedeutungsvollsten Handlungen», schreiben die Mormonen. Unter anderem sind dies Taufen und Heiraten.
Am Montagabend konnten die Gäste den gediegenen Vorraum und die weissen Tempelwachen deshalb nur vom Eingang aus bestaunen. Die Ambiance mahnt an eine Luxuslobby. Doch für viele Besucher steckt in diesem Haus etwas, was sich nicht mit Hotelsternchen messen lässt.
Im benachbarten Gemeindehaus hingegen geht es unheilig normal zu, bieder sogar. So sehen Kirchgemeindehäuser in der ganzen Schweiz aus – auch das Lokal der Kirche mit dem langen Namen. Alles da: Säle, Küche, ein Raum für die Jungen, eine Pinnwand, «Waldputzete am Samstag» steht drauf. Aussergewöhnlich ist hingegen der Raum mit dem tiefgelegten, geplättelten grossen Bad. Die Mormonen taufen keine Babys, sondern Kinder, acht Jahre alt sind sie meistens.
Bemerkenswert ist auch ein Raum im Untergeschoss. Dicht gedrängt sitzen Frauen und Männer vor Mikrofilmgeräten und Computern. Sie suchen in alten Akten nach den Spuren von Vorfahren. Genealogie ist wichtig für die Mormonen. Wer seine Ahnen ausfindig gemacht hat, kann die Verstorbenen taufen lassen und ihnen nach Auffassung der Mormonen damit zum Seelenheil verhelfen.
Weder Schwarztee noch Vielweiberei
Dieses gewöhnungsbedürftige Argument vermitteln am Tag der halb offenen Tempeltür sechs Führer, welche die Gäste durch die Bauten begleiten. Begeisterte Mormonen sind es, die engagiert ihr Wissen weitergeben. Ihre Fröhlichkeit wirkt auf einige Besucher ansteckend. Andere bleiben skeptisch.
Olivia Müller führt eine dieser Gruppen. Sie muss auch auf kritische Einwürfe reagieren. Auf jene nach der untergeordneten Stellung der Frauen bei den Mormonen etwa. «Stimmt nicht», sagt sie und erklärt wortreich, dass Männer und Frauen unterschiedliche Aufgaben haben, aber gleichgestellt seien.
Ebenso engagiert beantwortet sie die bei den Mormonen fälligen Standardfragen: Vielweiberei gebe es seit 100 Jahren nicht mehr. Die jungen Männer in weissen Hemden und schwarzen Hosen würden missionieren, zwei Jahre lang. Und: «Wir verzichten auf Alkohol, Drogen und Schwarztee, weil uns Gott einen Körper gegeben hat, den wir gesund halten wollen.»
Olivia Müllers Begeisterung für ihren Glauben wirkt sympathisch. Aber vermutlich nicht ansteckend. Nur wenige Besucher bedienen sich bei den Formularen, mit denen sie ihr Interesse an dieser Glaubensgemeinschaft anmelden können. (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.09.2009, 15:19 Uhr
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24 Kommentare
Herr Blaser Katholiken verbrennen heutzutage zum glück keine Frauen mehr, oder leben Sie in einem anderen Zeitalter als ich(?). Zu den terroristischen aktionen: In meinem Zeitalter finden diese noch immer statt! Zudem sehe ich in Ihren Kommentaren LEIDER keine Gewichtung! Antworten
Herr Bürgin, warum sollen gerade Minarette als "Kulturfremd" verboten werden? Warum nicht Sushi-Restaurants, Baseball Teams oder Halloween? Warum sollte ein Mormonen- oder Hindutempel weniger problematisch sein als eine Moschee? "Der Islam" ist genauso vielfältig wie "das Christentum", und da ist auch nicht jede Bewegung das Gelbe vom Ei... Antworten
ich kann mich gut an Hr Buergin's Meinung anschliessen - meine Frage ist immernoch ob die Minarett Initiative nur Richtung Islam gerichtet ist oder ob 'offensichtlich nicht staatskirchliche Gebilden' betroffen sind. Dies kann ein Tempel, Stupa, Synagoge sein. Antworten
FriedrichTraugott Wahlen liess im 2.Weltkrieg ein guter Teil des Buchsiwaldes abholzen.Als kleines Kind sah ich dort nur Dornen,die Bauern wollten diese Plan Wahlenland nicht.Durch den Restwald war es von Buchsi isoliert und wertlos.So kauften es die Mormonen und bauten ihren ersten Tempel in Europa.Dahinter gabs dann doch noch Blöcke,allerdings ohne Schule,die Kinder mussten nach Zollikofen. Antworten
@Nicolas Meier: Heisst das, wenn man einer Glaubensrichtung angehört, kann man seinen Kindern nicht 1 + 1 = 2 weitergeben, oder wie z.B. der Mormonentempel gebaut ist und dass er in Zollikofen steht? Kann man nur glauben, dass es so ist? Wer verwechselt hier wohl was? Antworten
Wir müssen lernen, zu unseren kulturellen Wurzel zu stehen. Wenn morgens um sech die Kirchenglocken läuten, gehört das dazu, obwohl ich nicht gläubig bin. Wenn fünf mal am Tag ein Immam vom Muezin ruft, hat das nichts mit unserer Geschichte, Kultur, Identität zu tun. Bei Besuchen in Arabischen Ländern habe ich das Rufen als Teil jener Kultur erfahren. Hier wäre es sehr störend deplatziert! Antworten
Pascal Meyer, es gibt viel Elend und Leid, das man oft nicht sieht, wegen falsch verstandenen Glaubens! Ich habe muslimische Freunde und Arbeitskollegen, die sehr tolerant, aufgeklärt, grosszügig und liebenswert sind. Die anderen gibt es auch, aber DIE kenne ich nicht. Antworten
Fakten? "Religionsgemeinschaft" sprengen Züge in die Luft? Das ist pauschalisierend und fern von allen Fakten. Da können sie noch so pseudo argumentativ Antworten Herr Meyer, besser wird die Aussage nicht. Ist das gleiche Niveau wie, "Katholiken verbrennen Frauen". Lächerlich, oder? Es geht ja auch nicht darum das Negative zu verschweigen, die Gewichtung machts aus. Antworten
Mich würden die Motive interessieren weshalb Menschen einer “Religiösen“ Gemeinschaft beitreten. Könnten solche Tempel und Kirchen nicht einfach dazu genutzt werden damit Menschen sich ungezwungen Treffen könnten und gegebenenfalls leer stehende Kirchen als Kinertagesplätzen genützt werden. Ich bezweifle das Religionsfreiheit irgend etwas mit Freiheit zu tun hat, Zwänge sind Offensichtlich. Antworten
Schon vor vielen Jahren war es nie ein Problem, mit den Mormonen in Zollikofen Kontakt aufzunehmen und auch ihren Tempel zu besichtigen. Es zeugt für die Toleranz der Berner Gemeinde, dass sie den Bau des Tempels damals zuliessen. In den USA ist es eine Religion, wie viele andere. Für die Diskussion um Minarette können wir aus den positiven Erfahrungen von Zollikofen lernen. Antworten
Sooo geheim ist das nun auch wieder nicht, liebe Journalisten. Für Handwerksarbeiten haben schon viele Nicht-Mormonen sowohl den Taufraum wie auch Räumlichkeiten für Hochzeiten betreten. Diese sind einigermassen eindrücklich, aber primär funktional - Mormonen sind keine Katholiken :-) Aus Effizienzgründen z.B. PC direkt neben dem Taufbecken und Countdown-Display in Hochzeits-Warteräumen. Antworten
Das schöne an diesen Kommentar-Funktionen ist, dass jeder seine Meinung platzieren kann. Ob die nun pauschalisierend und von Vorurteilen geprägt ist wie jene von Herrn Gfeller (mir fehlen die Argumente in Ihrem Post), oder sachlich. Es scheint eine uns angeborene "Fähigkeit" zu sein, das Negative immer höher zu bewerten zuerst zu sehen. Eigentlich schade, gibt es doch so viel Gutes auf dieser Welt Antworten
Pauschalisierungen, wie diejenigen von Michael Gfeller, zeugen von einem beschämend tiefen Respekt gegenüber Andersgläubigen sowie von einer beschränkten Sichtweise. Prima, mit dem Gedankengut solcher Nichtbrückenbauer können wir in der Schweiz die glaubwürdige Integration einen wesentlichen Schritt vorwärts bringen. Antworten
Der Autor des obigen Artikels hat irrtümmlicherweise geschrieben, dass "begeisterte Mormonen ihr Wissen an die Besucher weitergeben". Anhänger einer Glaubensrichtung können NIE Wissen weitergeben, sondern nur Glauben. Dies zu verwechseln ist gefährlich. Antworten
YMMD! (You made my day!) Danke für den tollen Kommentar! Sehe das genauso. Zeigt wunderbar auf, das wir mit dieser Initiative keine Lösung für ein (nicht vorhandenes) Problem erhalten, sondern einfach weitere Probleme. In einer offenen und vernünftigen Kultur wie sie in der Schweiz ja propagiert wird, sollten wir fähig sein, richtige Lösungen zu finden. Just my 2 cents. Antworten
Ich kenne den vorgeschlagenen Gesetzestext iZs Minarettinitiative nicht - aber kann mir jemand erklaeren, wie es sich dann anwenden lassen wuerde beim nicht-Islamischen Religionen, nicht-CH Staatskirchen - wenn die 'religioese' Affinitaet mit einem 'unverwechselbaren' Baustil zum Ausdruck kommt? Antworten
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rudolf lindner
am Tag der offenenTür steht jedem der Tempel zur Besichtigung offen, danach wird der Tempel geweit und nur würtige Mitglieder der Kirche können in den Tempel gehen. Schon im AT war die Stiftshütte nur für würtige Persohnen gedacht, auch in den Tempel durften nur bestimmte Persohnen, Jesus selbst hat die Geldwechsler und Verkäufer aus dem Tempel getrieben. Antworten