Ein Drittel des Stroms kann gespart werden
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 28.05.2011 15 Kommentare
Gute Energieeffizienz: San Diego, zweitgrösste Stadt in Kalifornien. (Bild: Keystone )
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Es ist leicht, einen sparsameren Umgang mit Strom zu fordern und die Konsumenten zu tadeln, wenn sie den billigsten statt den effizientesten Kühlschrank anschaffen. Informationslücken über die effektiven Gesamtkosten über die Lebensdauer des Geräts hinweg machen es den Konsumenten jedoch schwer, ökonomisch rational zu entscheiden. Genau das ist einer der kritischen Punkte in der Debatte um die Sicherung der Energieversorgung.
Wenn der Ausstieg aus der Atomenergie gelingen soll, kommt die Schweiz nicht darum herum, die Marktverzerrungen anzugehen, die Energie-Effizienz stark zu verbessern und dafür namhafte finanzielle Anreize zu schaffen. Wie die Stromwirtschaft für einen solchen Kurs zu gewinnen wäre, zeigt Kalifornien. Der US-Bundesstaat hat vor knapp 30 Jahren in einer ähnlichen Situation wie die Schweiz die Anreize für die Elektrizitätsproduktion umgedreht: Statt die Stromwerke so zu regulieren, dass ihr Gewinn mit der Menge des verkauften Stroms steigt, profitieren sie, wenn sie den Haushalten beim Stromsparen helfen. Diese Wende basiert auf drei Pfeilern: Tarifgestaltung mit entkoppelten Strompreisen, Vorgaben betreffend Ressourcenplanung sowie Effizienzziele, die mit einem kleinen Zuschlag auf der Stromrechnung finanziert werden.
Gezielte Belohnung
Eine so fundamentale Umorientierung wäre auch in einem deregulierten Markt wie der Schweiz möglich, sagt Ralph Cavanagh, Energiedirektor der führenden Umweltorganisationen National Resource Defense Council in San Francisco. «Es ist eine Frage des politischen Willens. Wenn die Schweiz aus dem Atomstrom aussteigen will, geht das nur mit einem verschärften Sparprogramm. Energieeffizienz ist mit Abstand die günstigste, schnellste und wirksamste Lösung für ein Land wie die Schweiz, das fast 40 Prozent seines Stroms ersetzen muss.»
Das Zauberwort heisst Entkopplung und gehört nicht mehr nur in Kalifornien, sondern auch in vielen anderen US-Bundesstaaten zur angebotsgesteuerten Stromversorgung. Anders als in der Schweiz, wo Grossverbraucher noch mit Mengenrabatten für einen hohen Stromkonsum belohnt werden (weil die Stromwerke so mehr Einnahmen erzielen), sind in Kalifornien alle Anreize für einen höheren Stromabsatz gestrichen worden. Strommenge und gelöste Preise sind völlig getrennt. Diese Entkopplung kann unterschiedlich vorgenommen werden; am einfachsten ist ein vom Bundesstaat jährlich festgelegter Garantiepreis. Erreichen die Werke eine vereinbarte Stromeinsparung, so erlaubt ihnen die Behörde einen Verkaufspreis, der mindestens die fixen Kosten deckt.
Die Entkoppelung wurde 1982 unter dem Eindruck einer Atomdebatte eingeführt. Damals wurde beschlossen, über die bestehenden zwei AKW hinaus keine weiteren zu bauen. Die Stromgesellschaften wurden mit dem Entkoppelungs-Deal für schärfere Verbrauchs- und Baunormen gewonnen.
56 Milliarden Dollar gespart
Heute geht Kalifornien noch weiter. Die Behörden verpflichten die Versorger, rund eine Milliarde Dollar jährlich aus den Einnahmen für Sparmassnahmen einzusetzen – und gibt ihnen bis zu 450 Millionen als Belohnung, sofern die Kunden in genügender Zahl einsteigen. Zudem haben die Versorger den gesetzlichen Auftrag, Stromlücken nicht primär durch den Bau neuer Kraftwerke, sondern durch Energieeffizienz und andere Sparmassnahmen zu decken, sofern diese «kostenwirksam, verlässlich und machbar» sind. Mit solchen Auflagen kann der Stromverbrauch aktiv verringert werden.
Die Pionierrolle hat sich ausbezahlt: Alles in allem werden die Spareffekte bisher auf 56 Milliarden Dollar geschätzt. Der Verbrauch pro Kopf ist in Kalifornien über 30 Jahre hinweg praktisch stabil bei 7300 kWh jährlich geblieben, während er im Rest der USA um 50 Prozent gestiegen ist (vgl. Grafik). In der Schweiz ist der Verbrauch im selben Zeitraum von 5200 auf 7800 kWh gestiegen (wobei die absoluten Zahlen wegen unterschiedlicher Lebensumstände nur bedingt vergleichbar sind). Das kalifornische Modell sei der beste Beweis dafür, dass der sparsame Umgang mit Energie keine untragbaren Opfer erzwinge, so Cavanagh.
In der Schweiz wird die Entkoppelung unter Verweis auf die deregulierten Märkte als nicht praktikabel abgetan. Ist sie das wirklich? «Massachusetts hat einen vergleichbar deregulierten Markt wie die Schweiz und hat die Entkopplung dennoch mit Erfolg eingeführt», sagt Cavanagh.
Kleinere Stromrechnung
Gutachten zuhanden des Bundesrates zeigen, dass die Schweiz mit einem langfristigen, gestaffelten Effizienzprogramm den Stromkonsum von heute 60 TWh pro Jahr auf eine Bandbreite von 40 bis 50 TWh senken kann. Dies würde den Ausstieg aus der Atomkraft zwar nicht völlig kompensieren, aber so stark abfedern wie keine andere Massnahme. Eines der Instrumente, das gemäss Gutachten benötigt wird, ist ein Bonus/Malus-System für die Stromwerke, faktisch also genau die Entkopplung der Preise von der Produktion.
Auch der Einwand, dass die Haushalte deswegen höhere Preise zahlen müssen, hält der Prüfung nicht stand. Ja, es stimmt, dass Kalifornien 40 Prozent höhere Stromtarife hat als der Rest des Landes. Doch die Stromrechnung ist im Schnitt rund zehn Prozent tiefer. Dies wäre auch in der Schweiz machbar: Die effizientesten Kühlschränke verbrauchen heute 60 Prozent weniger Strom als ein A-Gerät, und dies zu vergleichbaren Gesamtkosten. Künftige Sparprogramme durch die Versorger würden das technische Potenzial rascher und wirksamer ausschöpfen helfen. Der Preis dafür lohnt sich, wie die kalifornische Erfahrung zeigt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.05.2011, 08:52 Uhr
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15 Kommentare
@ E.Diem: Steigt die Einwohnerzahl bei uns von 7 auf 8 Mio, oder weltweit von 7 auf 8 Milliarden, so steigt der Stromverbrauch um 14%, hat nichts mit Rassismus zu tun, bitte beim Thema bleiben! Kalifornien: In der Gated Community südlich von LA wo ich wohnte war das Schwimmbecken auch im Winter geheizt, im Rest des Jahres liefen alle Klimaanlagen auf Hochbetrieb. Da ist es leicht zu sparen. Antworten
Schweiz
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


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