Ein Haus für Gott, Götter und gläubige Migranten

Eine Vision wird wahr: Am 14. Dezember öffnet das Haus der Religionen mit fünf Kulträumen in Bern seine Tore.

Ort der Begegnung und Kompetenzzentrum für interreligiöse Fragen: Das Haus der Religionen, hier die Aussenfassade, wird am 14. Dezember eröffnet. Foto: PD

Ort der Begegnung und Kompetenzzentrum für interreligiöse Fragen: Das Haus der Religionen, hier die Aussenfassade, wird am 14. Dezember eröffnet. Foto: PD

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Das Haus der Religionen präsentiert sich als lang gezogene Glasfassade zum Europaplatz hin. In der Mitte des funktionalen Baus erhebt sich eine bunte Götter­skulptur, Kopram genannt. Sie gehört zu dem in den unteren beiden Stockwerken liegenden Hindutempeln. Hier werden gerade Altäre mit Götterfiguren für Shiva, Ganesha oder Shakti aufgebaut und angemalt. Da im Sommer einige Figuren gestohlen wurden, fertigen indische Künstler die insgesamt 21 Altäre für alle sechs Hauptrichtungen des Hinduismus direkt vor Ort an.

Hindupriester Sasikumar Tharmalingam, kurz Sasi genannt, erklärt stolz: «Jetzt müssen wir Hindus uns nicht länger in Tiefgaragen verstecken, sondern können uns im eigenen Tempel öffentlich präsentieren.» Der Kultraum der Hindus ist mit 800 Quadratmetern der grösste im Haus und in der Schweiz überhaupt. Er wird noch von sich reden machen, unter den 30'000 tamilischen Hindus in der Schweiz, aber auch in ihrer Heimat Sri Lanka. Denn hier werden bald schon die ersten Hindupriesterinnen weltweit ausgebildet.

Priester und Koch

Jeden Freitag wird der Tamile Sasi, der als 15-Jähriger in die Schweiz floh, ein Ritual (Puja) mit Gesang und Meditation leiten. «Nach dem Ritual nehme ich mir Zeit für Leute, die Probleme haben», sagt der Seelsorger und Mediator, der aber vor allem als Koch angestellt ist. Im hauseigenen Restaurant, das im gemeinsamen Dialogteil in der Mitte des Hauses liegt, wird er am Mittag ayurvedische vegetarische Gerichte zubereiten. «Essen nach Meditation und Gebet ist für uns Hindus selbstverständlich, das macht das Genussgefühl erst vollständig.»

Wie sehr Kult und Essen zusammengehören, zeigt ein Rundgang durch das zweistöckige Haus. Eine kleine Küche gehört zu praktisch jedem der fünf Kult­räume, die um den zweistöckigen Gemeinschaftsraum mit 1000 Quadratmetern angeordnet sind. Tempel, Kirche, Moschee, eine alevitische Dergâh und ein buddhistisches Zentrum unter einem Dach machen das Haus der Religionen zu einem weltweiten Novum. Am 14. Dezember wird es nach 15-jähriger Projektphase und einem Provisorium an der Laubeggstrasse feierlich eingeweiht.

Noch sind die Handwerker an der Arbeit. In der Moschee neben dem Hindutempel arbeiten freiwillige Maurer aus Kosovo und Mazedonien. Sie gehören zum Islamische Zentrum Bern, das bisher in einer Kellermoschee betete. Jetzt zieht es in die 500 Quadratmeter grosse Moschee mit Gebetsraum für Männer wie für Frauen, verteilt auf zwei Etagen. Schon am meisten Gestalt angenommen hat die Kirche oder der Kultraum der Christen: Architekt Patrick Thurston hat ihm mit einer Decke aus Kreisornamenten und einer dreitürigen Ikonostase eine sakrale Dimension verliehen. Hier werden vor allem die äthiopisch-orthodoxen Christen und die Herrnhuter Brüdergemeine feiern, aber auch sechs weitere christliche Kirchen.

Aus der Platznot geboren

Den Innenausbau müssen die Religionsgemeinschaften selber berappen. Der zehn Millionen teure Rohbau wird aus Mitgliederbeiträgen der Vereine, aus Beiträgen der Stadt Bern und der Landeskirchen sowie von Gönnern finanziert. Einem 80-Millionen-Wohnkomplex angeschlossen, ist das Haus der Religionen eine städtebauliche Premiere, aber kein von Theologen entworfenes Luxusprojekt, wie Brigitta Rotach, Leiterin der Kulturprogramme, erklärt. Vielmehr sei es aus der Not geboren, aus der Platznot der Migranten.

Eine vom Berner Stadtparlament in Auftrag gegebene Imagestudie machte in den 90er-Jahren auf die prekären Raumverhältnisse der nicht christlichen Religionen aufmerksam. Zu Beginn des Projektes formulierten die ehedem in Hinterhöfen und Garagen feiernden Gemeinschaften ihr Raumbedürfnis. Weil sie bereits über grosszügige Kultlokale verfügen, haben die Juden, Sikhs und Bahai, die zum Trägerverein gehören und sich im Dialog engagieren, keinen eigenen Raum im Haus.

Anders die 60'000 anatolischen Aleviten in der Schweiz, die bisher unbemerkt in Industriegebieten ihre Feste feierten und jetzt im Haus der Religionen in ihren ersten Kultraum einziehen. Die sogenannte Dergâh ist von 12 beleuchteten Säulen-Nischen unterteilt, welche die 12 Philosophen ihrer mystisch geprägten Religion symbolisieren. Zentraler Blickfang wird die Feuerstahlschale sein, um die die Aleviten bei ihren Zeremonien tanzen. Da für sie die Elemente Feuer und Wasser, aber auch Erde heilig sind, ist der gerundete Raum ohne Ecken lehmfarben gestrichen.

Reichtum der Migranten

Nicht von ungefähr liegt das Pionierprojekt in Bern-West mit seinen vielen Migranten. Friederike Kronbach-Haas ist für den Schwerpunkt Migration zuständig. Sie koordiniert – bisher im Provisorium – Sprachkurse für Ausländerinnen und parallel dazu den Kinderhütedienst, «wo alle Kinder in deutscher Sprache spielen und singen». Aus dem Sprachkurs sind andere Integrationsangebote entstanden: Garten- und Handwerks­arbeit, Kochen, Ausflüge, nicht zuletzt die Ladenwand, wo die Frauen eigene Produkte von Taschen bis Lebensmittel verkaufen. Zweimal monatlich laden sie im Restaurant zu einem internationalen Brunch ein.

Das Interreligiöse wird im Haus der Religionen weniger in gemeinsamen Feiern und Gebeten kultiviert als im geteilten Leben. «Die Devise: Wir beten alle zusammen, weil wir alle den gleichen Gott haben, ist nicht unser Programm», sagt Geschäftsführer David Leutwyler. «Hingegen versuchen wir, den interreligiösen Dialog in den Alltag zu integrieren, wo wir uns kennen und gegenseitig voneinander lernen.» Dabei wolle man die anderen nicht immer als bedürftige Migranten wahrnehmen, sondern als Träger eines kulturellen Reichtums, der in Musik, Tanz , Theater und Essen sichtbar werde. In diesem Sinne organisiert Brigitta Rotach im Dialogteil des Hauses Bildungs-, Begegnungs- und Kulturangebote. Etwa «12 nach 12» über Mittag, wo man das Essen mit einer Lektion in Qi Gong oder Yoga oder mit geistigen und filmischen Inputs verbinden kann. Am Abend wechseln sich interreligiöse Veranstaltungen wie Vorträge, Lesungen oder Filme ab.

Das Haus der Religionen, ein Ort der Begegnung und der Bildung, zugleich auch ein Kompetenzzentrum für interreligiöse Fragen, das Anfragen von Behörden beantwortet. Wenn hier Buddhisten aus Sri Lanka auf hinduistische Tamilen treffen oder Aleviten auf türkische Muslime, kommen auch die weltpolitischen Konflikte zur Sprache. Leutwyler mag die Funktion des Hauses aber nicht auf Konfliktmanagement reduzieren.

So versucht etwa Marco Röss vom Interkulturellen Buddhistischen Verein Bern, das gute Image des Buddhismus und seine praktische Ausrichtung zu nutzen, um positiv in die Gesellschaft hineinzuwirken und von Stress und Burn­out geplagten Menschen zu helfen. Im buddhistischen Tempel im Haus der Religionen treffen sich singhalesische, vietnamesische und tibetische Gemeinschaften mit europäischen Neobuddhisten. Vor allem die vielen buddhistischen Einzelmitglieder und Grüppchen finden hier endlich einen geeigneten Raum zum Meditieren. Da der Buddhismus ohne Gott auskomme, trage er zum Brückenschlag zwischen Religiösen und Areligiösen bei, sagt Röss. Atheisten sind im Haus der Religionen durchaus willkommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2014, 19:48 Uhr

David Leutwyler, Geschäftsführer

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